„Wir essen nur einmal am Tag, oft nur einen Brei aus Blättern“, erklärt Moussa Mbay und dreht sich verschämt
zur Seite. Als Vater möchte er seinen Kindern mehr bieten. So wie der zehnköpfigen Familie in Dingazi geht es
5,5 Millionen Landsleuten im Niger. In der gesamten Sahelzone sind 18 Millionen Menschen von Hunger bedroht. Die Caritas hilft, auch mit ihrer Augustsammlung.
Moussa Mbay ist Landwirt. Er baut Mais, Bohnen und Sorghum, die ortsübliche Hirseart, an. Im letzten Jahr fiel die Regenzeit unbeständig und vor allem zu kurz aus. Die Folge war eine Ernte, die gerade einmal zwei Monate zur Selbstversorgung reichte. Saatgut musste zur Ernährung der Familie herhalten. Die Caritas hat ihm ausgeholfen, damit er trotzdem auf seinem Feld aussäen kann. Der siebenfache Vater hofft, dass sich die mühsame Arbeit auszahlt und die kommenden Tage einigermaßen normale Niederschläge bringen, damit die Pflanzen wachsen können und nicht wie im Vorjahr in der staubigen Erde verdorren. Wann der nächste Regen fällt? Keiner weiß es. Früher hat es beginnend mit Juli während zwei, drei Monaten regelmäßig geregnet. Darauf ist nun kein Verlass mehr. Schuld ist der Klimawandel, erklären Expert/innen. Den Menschen in diesem kleinen nigrischen Dorf sagt das nichts. Fest steht, sie tragen am wenigsten zu den globalen Treibhausgasemissionen bei und leiden doch am stärksten darunter, wenn sich das Klima ändert.
Blick nach oben. In Makalondi griff die Caritas Niger 610 Bauernfamilien mit Gutscheinen für Samen unter die Arme. „Die Bauern sind spät dran. Manche haben noch gar nicht mit der Aussaat angefangen. Wir machen uns heuer noch mehr Sorgen als im letzten Jahr“, so der Caritas-Koordinator Ounieni Yampagou Dieudonne. Und wenn die Heuschreckenschwärme über das Land herfallen und alles kahl fressen, sei sowieso die große Katastrophe da. Daran mag Lanandiba Sangna nicht denken. Die Witwe hat gerade ihr Feld bestellt, in mühsamer Handarbeit. Fünf Tage haben sie und ihre Kinder dafür gebraucht. Jetzt geht der Blick immer wieder nach oben.
Unterernährt. Sogar im besten Fall dauert es bis zur nächsten Ernte noch Monate. Die Menschen sind auf Lebensmittelhilfen an- gewiesen. Im Ernährungszentrum Dingazi in Ouallam drängen sich Frauen mit ihren Babys auf dem Rücken unter das Schatten spendende Strohdach. Die Mütter wissen häufig nicht um die Symptome des Hungers – und die Unterschiede zwischen „mangelernährt“, „akut unterernährt“ und „vom Hunger bedroht“ sind ihnen noch weniger geläufig. Genau das stellen die Mitarbeiter/-innen im Zentrum fest. Sie messen den Armumfang der kleinen, ausgemergelten Körper. Das geschieht mit einem MUAC, einem schmalen Plastikband. Ein Wert von weniger als 110 mm deutet auf schwerste Unterernährung hin. Alleine in der Region Ouallam, rund 150 Kilometer nördlich der Hauptstadt, bekommt jedes zweite Kind nicht ausreichend zu essen, jedes siebte hat die letzte, tödliche Stufe von Unterernährung erreicht. Oudou weint, als er im Wiegesack baumelt. Fünf Kilo notiert der Arzt. Für einen Zweijährigen viel zu wenig. Seine Mutter, Halina Sossi, hat noch drei weitere Kinder geboren. Zwei sind gestorben. Jetzt nimmt sie mehrmals in der Woche den Marsch zum Zentrum auf sich, denn hier erhält sie Spezialnahrung für Oudou und eine Ration Getreide. „Schon am Vorabend einer Ausgabe sind Frauen da, um sicherzugehen, dass sie nicht leer aus- gehen. Und noch vor Sonnenaufgang weckt der Hunger ihre Kinder. Aber wir können nur die Hälfte versorgen“, erzählt der Leiter des Ernährungszentrums, Saidon Amadou.
Zugespitzt. „Es fehlen 692 Tonnen Lebensmittel“, nennt Raymond Yoro Younoussi eine konkrete Zahl. „Alleine kann das Land die Krise nicht überwinden.“ Der Generalsekretär der Caritas Niger zählt die Ursachen auf: da sind die Dürre, der Mangel an Getreide auf den lokalen Märkten und die überhöhten Preise, aber auch externe Faktoren. 48.000 Menschen sind wegen der politischen Unruhen in Mali bereits in den Niger geflohen. Dazu kommen mehr als 230.000 Heimkehrer/innen aus Libyen. Sie haben dort vor dem Zusammenbruch des Gaddafi-Regimes gearbeitet und ihre Familien unterstützt. Jetzt erhöhen sie selber die Zahl der Bedürftigen. Die Lage spitzt sich zu, auch deshalb, weil die Ausfuhr von Lebensmitteln aus Nigeria kaum mehr möglich ist. Die Grenzen sind nach den Terrorakten der islamistischen Sekte Boko Haram geschlossen. Und Gefahr drohe noch von einer ganz anderen Seite: von Millionen Wüstenheuschrecken.
Überleben. Die nächsten Monate sind die schwersten: „Die alte Ernte ist aufgebraucht und die neue noch nicht da. Gleichzeitig müssen die Leute am Feld sehr hart arbeiten“, weiß Abbé Bertrand Sawadogo, Direktor der Caritas in der Diözese Dori. „Es kann heute grün sein, aber wenn es mehrere Tage nicht regnet.
Landwirtschaft in der Sahelzone Der Niger ist nicht das einzige Sorgenkind. Der Schein der grünen Felder und Wiesen in Burkina Faso trügt. Das spärliche Gras wird – kaum, dass es sprießt – schon wieder von den herumziehenden Viehherden gefressen. Zwei Millionen Menschen sind von der Hungerkrise betroffen. Die Caritas leistet Nothilfe, auch für die Tausenden malischen Flüchtlinge. In Dori, 250 Kilometer nördlich der Hauptstadt Ouagadougou, geht die Caritas mit ihren Landwirtschaftsschülern einen anderen Weg, um die Überweidung und die Verwüstung zu stoppen. „Wir lehren die jungen Leute, wie sie sesshaft Viehwirtschaft betreiben können. Wie sie die Rinder und Schafe richtig halten, das Futter schneiden und aufbewahren sollen“, so Hamidou Diallo von der Caritas. Die Caritas Innsbruck ist seit Langem Partner von „Ocades“, wie die Caritas im Land heißt. Moderne Bewässerungsmethoden, Regenwasserrückhaltebecken (Boulis), besseres Saatgut und Getreidebanken sind nachhaltige Projekte zur Ernährungssicherheit.
Zur Sache Saatgut und Werkzeug sichern die Existenz
Allein in der Sahelzone in Westafrika sind derzeit rund 18 Millionen Menschen von Hunger bedroht. Die Caritas ruft daher bei ihrer Augustsammlung unter dem Motto „Zukunft ohne Hunger“ dazu auf, den Menschen in den Hungergebieten der Welt zu helfen. Kurzfristig kann schon ein Sack Getreide über Leben oder Tod entscheiden. Langfristig sind Brunnen, die vertrocknete Erde fruchtbar machen, Saatgut und Werkzeug oder auch Ziegen und Schafe wichtige Beiträge dazu, dass die Menschen auf eigenen Beinen stehen können. Die Caritas unterstützt Menschen in Not in über 300 Projekten, etwa in Äthiopien, Burkina Faso, Kongo, Niger, Pakistan, im Tschad oder im Südsudan. Mathias Mühlberger, Direktor der Caritas in Oberösterreich, bittet alle LeserInnen der Kirchenzeitung, sich gemeinsam mit der Caritas für eine Zukunft ohne Hunger zu engagieren: „Jeder einzelne Mensch, der ein Leben ohne Hunger führen kann, ist ein Etappensieg auf dem Weg zu diesem Ziel. Mit 25 Euro sichern Sie beispielsweise einer Bauernfamilie in Afrika mit Werkzeug und Saatgut die Existenz. Helfen Sie mit!“ Bitte beachten Sie den Spendenerlagschein, der dieser Ausgabe beigelegt ist.