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Neue Lebenswelt: schaurig schön

Fledermäuse des Nachts im Wald. Diese Vorstellung beinhaltet gleich zwei Angstszenarien: die wild flatternden, unheimlichen Nachtflieger und das undurchsichtige große Dunkel. Das Hingehen und Anschauen dieser Lebenswelten hat mich jedoch eines Besseren belehrt und einen neuen Lebensraum erschlossen. Er liegt gleich nebenan und ist stets bereit, betreten zu werden.
Ausgabe: 2012/33, sommernachtsgeschichten, fledermaus, menschen, nacht, wald, dunkelheit
14.08.2012
- Patricia Begle
Womit wir Sommernächte füllen, dafür gibt es die unterschiedlichsten Möglichkeiten. Das Beobachten von Fledermäusen steht auf der Rangliste der beliebtesten Sommernachts-Zeitvertreibe sicher nicht an erster Stelle. Außer für jene, die die Faszination der geheimnisvollen Nachttiere für sich entdeckt haben. Der Vorarlberger Biologe Georg Amann ist einer von ihnen.

Lautlose Rufe.
Der kleine Fischweiher am Waldesrand ist ein lauschiges Plätzchen. Während ich mit dem Fotografieren bei einbrechender Dunkelheit experimentiere, schaltet der Biologe seinen Detektor ein. Fledermäuse sind lautlos für unsere Ohren und nur über einen Hochfrequenzempfänger feststellbar. Die Rufe, die sie von sich geben, liegen in einem Frequenzbereich zwischen 20 und 50 kHz. Der „Bat-Detektor“ kann sie nicht nur als eine Art Klopfgeräusch wiedergeben, sondern auch um das 10-fache verlangsamen, sodass sie wie Vogelrufe erklingen. Durch die Analyse dieser Rufe ist es möglich, die verschiedenen Arten von Fledermäusen zu unterscheiden, was für das Auge fast unmöglich ist. Denn Fledermäuse sind schnell und flatternd unterwegs, die Begegnung mit ihnen ist immer nur eine flüchtige.

Technischer Zugang zu Verborgenem.
Auch über die Absichten, die hinter den Rufen stecken, gibt die Analyse Aufschluss. Der Experte kann Ortungsruf, Fangruf, Sozialruf und Balzruf voneinander unterscheiden. Mit speziellen Computerprogrammen können Laute optisch dargestellt und akustisch verändert werden. Dadurch kann heute eine Lebenswelt erschlossen werden, die bisher weitgehend im Verborgenen lag. Das „Kryptische“ war es auch, das den Biologen schon immer an den Fledermäusen fasziniert hat. Durch Zufall ist er vor acht Jahren auf einen Unterschlupf der Nachtflieger gestoßen. Seither ist er im ganzen Land unterwegs um zu forschen, wo welche Arten zu finden sind.
Perfektes System. Fledermäuse sind genial. Die Säugetiere haben sich im Verlaufe der Zeit zwei Nischen gesichert: Nacht und Luft. Um sich in der Dunkelheit zurecht zu finden, bedienen sie sich eines ausgeklügelten Echoortungssystems. Das heißt, sie senden einen Laut aus, dieser trifft auf einen Widerstand, wird zurückgeworfen und gehört. Anhand dieses Echos können die Fledermäuse die Entfernung des Hindernisses bestimmen und dessen Beschaffenheit, ob es z.B. ein Baum ist oder ein Insekt. Das alles geschieht in Sekundenschnelle und bestimmt die weitere Flugbahn. Das System ist ein perfekt abgestimmtes Zusammenspiel von Wahrnehmungs- und Bewegungsapparat. Davon sieht man mit freiem Auge natürlich nichts. Als Beobachtende können wir uns nur wundern, wie sich die Flieger so gut in der Dunkelheit
zurecht finden.
Nächtlicher Wald. Während Georg Amann von den Eigen-heiten der Fledermäuse erzählt, schwirrt immer wieder eine von ihnen über unsere Köpfe. „Vorsicht! Fledermäuse verfangen sich in den Haaren!“ Der Satz, mit dem ich aufgewachsen bin und der Fledermäuse immer als kleine „Monster“ erscheinen lassen hat, verliert zunehmend an Realitätsbezug. Wir lassen den Fischweiher hinter uns und wagen uns in den Wald. Für meinen Begleiter ist er vertrauter Lebensraum. Seit seiner Kindheit zieht es ihn dorthin – untertags. Bei seinen nächtlichen Ausflügen ist ihm auch nicht immer ganz wohl. Erschrecken würde ihn das plötzliche Entgegenkommen eines Menschen oder das Bellen eines Rehs. Bleibt er aber auf dem Weg und bei seinen Aufzeichnungen, dann findet er den Mut, allein durch den Wald zu gehen. Nachts sind lediglich Umrisse zu sehen – von Bäumen ebenso wie vom Weg. Beim Näherkommen taucht das jeweils nächste Wegstück immer verlässlich vor uns auf. Gott sein Dank. Der Körper
scheint alle Antennen auf Empfang geschaltet zu haben, die innere Spannung ist groß und steht in Kontrast zur großen Friedlichkeit und Ruhe des Außen.

Faszination und Ehrfurcht. Der Wald lebt, auch des Nachts. Seine Größe und Mächtigkeit machen die eigene Bedeutungslosigkeit bewusst. Ehrfurcht breitet sich aus. Die Standardfrage nach dem „Warum“ seines Nachtwanderns muss ich dem leidenschaftlichen Vogelkundler in dieser Nacht nicht stellen. Sie erschließt sich von selbst. Der Wald ist ein Lebensraum, der fasziniert und anzieht, schaurig schön. Und Fledermäuse sind um vieles spannender als jeder Batman-Film. Sie sind eben die echten „Bat-Männer“.
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