Das Fußballspiel im Fernsehen, das wegen der Verlängerung samt Elferschießen besonders lang dauerte, war endlich aus. Josef Bröderbauer machte sich bereit, zu Bett zu gehen. Noch lag er nicht, kam schon der Alarm. Statt ins Bett ging es im Eilzug-Tempo zum Feuerwehr-Depot.
Josef Bröderbauer ist Kommandant der Feuerwehr Altenfelden. Er und sein Sohn schaffen es in wenigen Minuten vom Alarmiert-Werden bis zum Eintreffen beim Zeughaus der Feuerwehr. Da muss aber alles mit schlafwandlerischer Sicherheit funktionieren: Der Griff zum Handy, es wird für die Kommunikation mit der Feuerwehrzentrale gebraucht. Hinein in die dicken Socken, sie sind die richtigen Fußstrümpfe für die Einsatzstiefel. In die Trainingshose schlüpfen und ein Leiberl anziehen, dann zum Auto. Der Sohn fährt, sein Auto muss nicht erst aus der Garage ausgeparkt werden.
Bis zu 70 Einsätze. Übers Jahr hat ein Feuerwehrmann in Altenfelden fünf bis zehn Einsätze in der Nacht, etwa 50 oder 60 bei Tag. „Die meisten Einsätze sind dann, wenn die Menschen unterwegs sind – am Abend und in der Früh“, sagt Bröderbauer. Jeder Einsatz ist ein besonderer und bei jedem Einsatz weiß der Feuerwehrmann, dass er nicht auf sich allein gestellt ist, dass er im Team arbeitet. Im Team ist vieles möglich.
Große Rauchentwicklung. Der nächtliche Alarm wurde wegen eines Brands mitten im Ort ausgelöst. Schon auf dem Weg rennt das Radl: Was wird los sein? Der Schlaf ist längst fortgeblasen. Alles muss jetzt wie am Schnürl funktionieren. Geübt wurde es zig Mal und Einsatz-Erfahrung haben die meisten der 64 Männer auch reichlich. Ein defekter Wäschetrockner, der zu brennen begann, verqualmte das Haus, in dem mehrere Parteien wohnen. Auch sie verfolgten das Fußballspiel im Fernsehen. Plötzlich fiel der Strom aus. Dieser Ausfall war etwas Ähnliches wie der Lärm der kapitolinischen Gänse: er machte auf die Gefahr aufmerksam. Nach dem Einsatz ist es noch nicht aus. Was am Einsatzort abläuft, ist Routine und genauso jedes Mal eine spezielle Situation. Als Einsatzleiter ist Bröderbauer um ein ruhiges Handeln bemüht. – Übersicht verschaffen, retten, schützen, löschen. – Das ist bei Nacht nicht anders als bei Tag. Nach dem „Brand aus“, die Glutnester sind erstickt, auch die Wärmebildkamera zeigt: Keine Gefahr mehr! – ist die Nachtschicht aber noch nicht aus. Alle Geräte müssen geputzt werden, die Atemschutz-Flaschen neu aufgefüllt und dann sitzt man noch im Feuerwehr-Depot zusammen und bespricht den Einsatz nach.
Nachher ist gut schlafen. Es kamen keine Personen zu Schaden und der Löscheinsatz hat auch keine Wasserschäden verursacht, alles verlief dank der Routine und Besonnenheit der Einsatz-Gruppe glimpflich. In diesem Fall, wo die Hilfe so rasch und so erfolgreich geschehen konnte, dauert die Nachbesprechung nicht lange und die Männer finden bald danach in einen guten Schlaf. Ganz anders ist dies bei Einsätzen, bei den Personen zu Schaden kommen. Etwa Verkehrsunfälle, bei denen die Feuerwehrleute Menschen aus dem Auto schneiden müssen. Da kannst nicht schlafen! Besonders aufwühlend sind die Einsätze bei Suizidfällen. Es war eine laue Nacht, als ein „scharfer Alarm“ kam – es bedeutet, dass alle ausrücken müssen. „Menschenbergung bei Mühltalbrücke“ hieß es. Ein Polizist hatte gesehen, wie ein Mann von der Brücke gesprungen war. Von dort geht es weit hinunter in steiles und schlecht zugängiges Gelände. Sechs Trupps machen sich, ausgerüstet mit Handscheinwerfern, auf die Suche Sie kämpfen sich in 45 Grad steilem unwegsamen Gelände zu der Stelle durch, wo die Person ungefähr sein musste. Bröderbauer und sein junger Begleiter finden ihn, er ist tot, aber ohne offene Verletzungen. Das Finden ist der schlimmste Moment in solchen Fällen. Eine sehr mühsame Bergung folgt. Keiner spricht ein Wort. Nachdem die Leiche dem Totengräber übergeben ist – mittlerweile sind die Männer drei Stunden im Einsatz – rücken sie wieder ein. Auch dieses Mal sitzen sie zusammen, um nachzubesprechen. Aber kaum jemand findet Worte. Dennoch bleiben sie, fahren nicht heim. „Nach solch einem schweren Einsatz kannst sowieso nicht schlafen!“ Unwetter. Der heurige Sommer mit seinen vielen Unwettern hat kaum eine Ortsfeuerwehr verschont. Auch die Altenfeldner rückten am 1. Juli aus. Gleich fünf Einsätze waren gleichzeitig zu leisten: Binnen einer halben Stunde hatte es 56 l/m2 geregnet. Zuviel für die Kanalisation. Das Wasser wurde über die Siphone in die Keller gedrückt. Bis zu einem halben Meter stand es in den Häusern, obwohl Altenfelden auf einem Berg steht. Die Feuerwehr pumpte aus. Gott sei Dank kam es nicht zu solch katastrophalen Verwüstungen wie etwa in der Steiermark. Kameradschaft. Wie können schwere Einsätze verdaut werden? Woraus schöpft ein Feuerwehrmann Kraft, was ist das Schöne am Feuerwehrdienst? – „Die Kameradschaft, die Dankbarkeit derer, denen man helfen kann, und die Wertschätzung.“