Frastanz in Vorarlberg: Eine Öko-Musterpfarre mit sozialer Ader
Was tut den Menschen, der Gesellschaft und der (Um-)Welt, in der wir leben, gut? Die Kirchen sollten dabei Vorreiter sein – nicht als Fleißaufgabe, sondern weil das zum Kern ihres Auftrages gehört – ist Gerhard Vonach, Organisationsleiter der Pfarre Frastanz in Vorarlberg, überzeugt.
„Die Kirche war schon in der Vergangenheit immer dort am überzeugendsten, wo sie sich – oft auch mit einem erstaunlichen Weitblick – den Nöten der Zeit gestellt hat, etwa durch die Gründung von Armenspitälern, Schulen oder Heimen für ledige Mütter“, meint Gerhard Vonach. „In diesem Sinne haben wir auch in der Pfarre Frastanz im Laufe der Jahre verschiedene Projekte auf die Beine zu stellen versucht.“ Ein Begriff, der dabei in seinen verschiedenen Spielarten immer wieder auftaucht, ist „nachhaltig“. Vonach ist überzeugt, dass in diesem Wort viel Dynamik – und vielleicht auch manches Dynamit – für ein zeitgemäßes christliches Leben, aber auch für ein zeitgemäßes Pfarre- und Kirche-Sein liegt. „Die Leute nehmen schon wahr und sprechen uns darauf auch positiv an, wenn wir uns etwa im Jugendhaus K9 gemeinsam mit der Marktgemeinde um eher schwierige Jugendliche kümmern, wenn wir im Weltladen fair gehandelte bzw. biologische Produkte verkaufen oder uns für Schöpfungsverantwortung nicht nur in schönen Artikeln und Predigten, sondern durch sichtbare, ganz konkrete Maßnahmen, die auch was kosten, einsetzen.“ Eine „gute Nase“. Auf die für Jungfamilien kaum mehr leistbaren Wohnungspreise und die zunehmende Vereinzelung vieler junger Paare, die häufig zu Überforderungen und Trennungen führen, hat die Pfarre Frastanz nicht mit kirchentypischem Wehklagen, sondern ganz praktisch reagiert. Gemeinsam mit einem Wohnbauträger hat sie zwischen 2008 und 2010 auf einem Pfarrgrundstück Reihenhäuser für 22 junge Familien errichtet. „Dabei geht es aber nicht nur um kostengünstige Startwohnungen, sondern wir wollen die jungen Leute auch in ihrer Paarwerdung, in ihrem Zusammenleben im Hausverbund, in ihrem gegenseitigen Unterstützen fördern und begleiten“, sagt Vonach. Eine Gemeinwesenarbeiterin und ehrenamtliche Mitarbeiter/innen bemühen sich um ein soziales Umfeld, das Zukunft wachsen lässt. Um ein möglichst langes aktives und selbständiges Leben im Alter – auch bei einer gewissen Betreuungsbedürftigkeit – sowie um die Förderung einer Generationen übergreifenden Solidarität geht es im „Wohnen für Jung und Alt“. Zwölf ältere Menschen leben mit vier Familien unter einem Dach. Vonach spricht von „pastoral-sozialen“ Projekten, in denen die Pfarre mit ihren Möglichkeiten im Sinne Jesu „Sauerteig“ zu sein versucht. „Wir sehen uns hier schon auch ein stückweit als Pioniere, die für die Kirche, aber auch für gesellschaftliche Nöte beispielhafte Lösungen entwickeln wollen, meint Vonach. Als weiteres nachhaltiges sozial-pastorales Projekt nennt er den Auslandsdienst. „Wir werden heuer im Herbst das 20-Jahr-Jubiläum feiern und sind inzwischen die größte Organisation in Österreich, die Zivildiener in Entwicklungsprojekte entsendet.“ Zusätzlich sind in den vergangenen Jahren auch Freiwilligeneinsätze und Experteneinsätze, etwa von Ärzt/innen, dazugekommen. Für Vonach geht es dabei nicht nur darum, Partner in den Entwicklungsländern mit Personal zu unterstützen, sondern auch um einen gezielten Input in das Sozialkapital unseres Landes. „Wir erleben einfach, dass die jungen Leute nach einem Auslandseinsatz anders ticken und sich auch später häufig gesellschaftlich oder sozial engagieren. Das ist in einer Zeit, in der viele Befunde auf eine zunehmende Entsolidarisierung hinweisen, auf eine wachsende Mentalität, die nur noch auf das eigene Fortkommen schaut, ganz wichtig – auch für unsere Zukunftsfähigkeit.“
Anstoß Basel. Nachhaltig im doppelten Sinn des Wortes ist das Engagement der Pfarre Frastanz für Klima- und Umweltschutz. Begonnen hat es bereits mit dem konziliaren Prozess und der Ökumenischen Versammlung in Basel (1989) zu „Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“. „Da waren etliche Leute aus der Pfarre engagiert dabei. Und ab da gab es auch eine Reihe konkreter Initiativen. Es waren Mosaiksteine, aber noch kein Gesamtplan, wohin der Zug fahren sollte“, meint Vonach (siehe auch Randspalte). Nach der Verankerung der Schöpfungsverantwortung als Auftrag des Pfarrkirchenrates „war es im Sinne eines nachhaltigen Engagements sinnvoll und notwendig, unsere Arbeit zu systematisieren.“
Zunächst, so Vonach, sollte gemeinsam mit der Marktgemeinde, die bereits ein e5-Programm für energie-effizientes Wirtschaften laufen hatte, ein für Pfarren brauchbares Umweltmodell entwickelt werden. Das Pilotprojekt wurde aber nach dem Ausstieg des Vorarlberger Energieinstitutes nicht weiterverfolgt. Stattdessen beschloss die Pfarre, in das vom Verein zur Förderung kirchlicher Umweltarbeit (Information, Ausbildung etc.) unterstützte Projekt eines Umweltmanagements nach EMAS III einzusteigen – mit einer umfassenden Erfassung des Ist-Standes und der Formulierung eines ambitionierten Zielkataloges.
Zwei Säulen. Klima- und Umweltschutz und ein verantwortungsvoller Umgang mit den Ressourcen der Erde ist für Vonach mehr als die „Butter auf dem Brot“ einer engagierten Pfarre. „Das gehört zum Kernbereich unserer christlichen und kirchlichen Sendung“, ist Vonach davon überzeugt, dass die bisher eher vernachlässigte Schöpfungstheologie zunehmend an Bedeutung gewinnen wird (als Ergänzung zur „Theologie der Erlösung“). Für die Praxis setzt Vonach auf ein Modell mit zwei Säulen: Die erste Säule sind die „technischen“ Maßnahmen wie Wärmedämmung, Bioenergie, Fotovoltaik oder die Anschaffung eines Elektroautos, eines E-Bikes oder einer Jahreskarte für Öffis, die Haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen zur Verfügung steht. „Mindestens so wichtig aber ist die Bewusstseinsbildung. Denn wenn man falsch lüftet oder mit einem Elektroauto wie bisher jeden Weg fährt, dann verpuffen die Investitionen.“ Die Bewusstseinsbildung richtet sich an die eigenen Mitarbeiter/innen, an die Bevölkerung, aber auch an die kirchliche Öffentlichkeit über die Pfarre hinaus. Wichtig ist Vonach dabei, dass man überall dort, wo das möglich ist, Kooperationen sucht – nicht nur um Kosten zu sparen, sondern auch um möglichst viele ins Boot zu holen. So etwa machten beim dritten „Frastner Horn“, einer Art Umwelt-Bildungswoche, bereits 15 Organisationen mit. Möglich sei das alles nur durch die engagierte Mitarbeit des zehnköpfigen Umweltteams und die Unterstützung des Pfarrgemeinde- und des Pfarrkirchenrates – „denn dieses Engagement kostet auch einiges an Geld. Nachhaltigkeit zum Nulltarif gibt es nicht, aber es ist für unsere Zukunft.“