Einen Leichnam zu berühren, ist eine Herausforderung. Das hängt mit seiner Strahlkraft zusammen, sagt der Sterbeforscher Martin Prein. Ein Gespräch über ein Tabu und den Trost der leiblichen Verabschiedung.
Ausgabe: 15/2017
11.04.2017
- Christine Grüll
Jesu Leichnam wurde vom Kreuz genommen, in ein Leinentuch gehüllt und in ein Felsengrab gelegt. Josef aus der Stadt Arimathäa, so erzählt die Bibel, hat ihm diese letzte Ehre erwiesen. Bis heute spielt das Abschiednehmen von einem Verstorbenen in allen Kulturen eine wesentliche Rolle. Trotzdem kann die Begegnung mit einem Leichnam und vor allem, ihn zu berühren, eine Herausforderung sein. Woher kommt diese Scheu?
Tabu und anziehend zugleich
„Der Leichnam ist das stärkste Symbol des Todes, ein stärkeres haben wir nicht“, sagt Martin Prein: „Wenn ich den Leichnam berühre, berühre ich den Tod.“ Der Thanatologe – von „thanatos“ für Tod – geht davon aus, dass der Leichnam schon in den Anfängen der Menschheit mit einem Tabu belegt wurde. Es sollte vor der Gefahr schützen, sich mit dem Tod „anzustecken“. Das kann bis heute nachwirken. Zum einen zeigt sich das in den bisweilen übertriebenen Hygienemaßnahmen rund um einen Leichnam. Das sogenannte Leichengift ist nur ein Mythos. Und doch trauen sich manche Menschen nicht, einen Leichnam zu berühren. Zum anderen können Angehörige, aber auch Menschen, die mit dem Waschen und Ankleiden einer Leiche beruflich zu tun haben, ein Unwohlsein empfinden. Das hänge damit zusammen, dass sie dieses Tabu brechen. „Der Tabubegriff ist widersprüchlich“, so Martin Prein: „Der Leichnam gilt als heilig und geweiht, gleichzeitig aber auch unrein und gefährlich. Er ist tabu und anziehend zugleich.“ Diese unterschiedlichen Empfindungen fasst der Thanatologe unter einem Begriff zusammen: die Strahlkraft des Leichnams. Sie beeinflusst die Art und Weise, wie sich Hinterbliebene von ihren Verstorbenen verabschieden.
Der leibliche Abschied
Wird die Scheu vor dem Leichnam gefördert, wird sich das Bedürfnis, am offenen Sarg Abschied zu nehmen, in Grenzen halten. Martin Prein weiß jedoch aus langjähriger Erfahrung, welche Bedeutung die leibliche Verabschiedung haben kann: „Das ‚Begreifen‘ funktioniert hier im doppelten Wortsinn: den toten Körper angreifen und den Tod realisieren.“ Er ist vielen Menschen begegnet, die nicht das Bedürfnis nach einer körperlichen Verabschiedung hatten. Aber er kennt auch Geschichten von Hinterbliebenen, die es noch Jahre später bedauern, dass sie ihrer Mutter, ihrem Vater, ihrem verunglückten Kind nicht noch einmal die Hand gedrückt haben. Deshalb will Martin Prein dazu ermutigen: Wer einen verstorbenen Angehörigen vor dem Begräbnis sehen will, soll das auch mit Nachdruck verlangen. Vertreter/innen von Bestattungsunternehmen kommt dabei eine wichtige Aufgabe zu. Mit einer sensibel formulierten Einladung können sie Ängste nehmen und damit zu einer persönlicheren Abschiedskultur beitragen.
Abschiedskultur geht alle an
Nicht nur ein Leichnam kann herausfordernd sein. Auch die Begegnung mit einem Angehörigen in den ersten Stunden und Tagen nach dem Todesfall empfinden manche als schwierig. Martin Prein will Menschen darin bestärken, auf die Betroffenen zuzugehen. „Es geht nicht darum, die eigene Sprachlosigkeit zu überwinden oder etwas Besonderes zu sagen, sondern für die Menschen einfach da zu sein, ihnen zuzuhören, mit ihnen zu schweigen.“ Auch das sei, so Martin Prein, eine Botschaft der Karwoche.