BRIEF_KASTEN
Man hätte die Geduld nicht dazu. Rasch würde man müde, müsste sich schlafen legen, dasselbe am nächsten Tag und auch in der Woche darauf, um dann doch eines Tages – obwohl man den Vorgang selbst nie wirklich gesehen hat – festzustellen: Wie groß doch das Kind schon geworden ist! Oder das Gras. Oder das Getreide am Feld.
Ist ein Mensch eine Woche in einem fremden Land gewesen, müsste er wohl ehrlicherweise sagen: Wachsen habe ich dort nichts gesehen. Es war am Ende so, wie ich es am Anfang meiner Reise gesehen habe. Wächst also nichts in diesem Land?
So langsam, so unauffällig ereignet sich das Wachsen in dieser Welt, und doch schafft es die Basis für alles Leben auf der Welt. Es ist eine gewaltige Macht.
Das Rasche, das Spektakuläre verstellt oft den Blick für die leisen Vorgänge des Lebens – wie eben das Wachsen. Mit unseren menschlichen Sinnen stellen wir staunend nur im Nachhinein fest: Wie viel doch gewachsen ist.
Wenn man um diese Jahreszeit die Felder entlanggeht und feststellt, wie doch alles gewachsen, ja fast emporgeschossen ist, vermag das auch die Hoffnung zum Wachsen anregen.
Sehen wir auch anderes nicht, das wächst? Wie sich in vielen Menschen etwas festigt und stärkt? Der Wille zum Frieden gegen Gewalt. Der Mut zur Bescheidenheit gegen die Verschwendung. Der Blick auf den Nächsten gegen den Egoismus. Die Dankbarkeit gegen den Stolz.
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