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Im Jahr 2025 waren weltweit an die 120 Millionen Menschen auf der Flucht. Ein kleiner Teil davon, 155.000 Personen, war laut den Vereinten Nationen über das Mittelmeer Richtung Europa unterwegs. Fast 2.000 von ihnen sind ertrunken oder vermisst. Als an einem Tag im April 2015 mehr als 900 Menschen im Mittelmeer starben, fasste der Theologe Jakob Frühmann einen Entschluss. Nun stellt er sein Leben in den Dienst von Menschen in Not.
Herr Frühmann, Sie sind Religionslehrer, unterrichten derzeit jedoch nicht. Warum?
Jakob Frühmann: Ich war immer gerne Lehrer und finde es wichtig, guten Unterricht zu machen. Warum es mich trotzdem woandershin verschlagen hat? Als ich erstmals Berichte darüber hörte, dass Menschen auf der Flucht ertrinken, habe ich den Drang gespürt, mich dort zu engagieren, wo die Geschichte Europas gerade ein Stück weit geschrieben wird: im zentralen Mittelmeer.
Der ehemalige österreichische Außenminister Sebastian Kurz sagte damals den schlimmen, aber ehrlichen Satz: „Es wird nicht ohne hässliche Bilder gehen“. Gemeint war damit: Wenn sich Europa abschottet und dazu seine Grenzen dicht macht, werden auch Menschen auf der Flucht sterben. Das wollte ich so nicht hinnehmen.
Was haben Sie dann gemacht?
Frühmann: Ich habe versucht, meine seglerischen Kenntnisse, mein politisches Engagement und meine inneren Überzeugungen zusammenzunehmen und habe mich bei „Sea-Watch“ beworben – einer Organisation, die sich seit 2015 der zivilen Seenotrettung von Flüchtenden im Mittelmeer verschrieben hat. Das war im Jahr 2020.
Vom Lehrer zum Lebensretter: Wie kann man sich Ihre aktuelle Tätigkeit vorstellen?
Frühmann: Meine Arbeit besteht darin, Menschen in Seenot aufzuspüren und die Rettungskette in Gang zu setzen. Es gibt unterschiedliche Szenarien, wie Rettungen auf hoher See ablaufen. Im Prinzip ist das Meer in einzelne Zuständigkeitsbereiche aufgeteilt und in unterschiedliche Such- und Rettungszonen. Wenn wir ein Boot in Seenot aufspüren – entweder vom Flugzeug aus oder vom Schiff –, dann informieren wir als erstes die Behörden, die in diesem Zuständigkeitsbereich Rettungen durchführen sollten. So ist es vorgesehen. Wenn die Schiffe, die wir anfunken, aber die Hilfe verweigern, dokumentieren wir das und nehmen die Menschen, die in Seenot geraten sind, selbst an Bord und bringen sie in einen sicheren Hafen.
Darf denn Menschen, die zu ertrinken drohen, die Rettung verweigert werden?
Frühmann: Natürlich nicht. Schiffe in internationalen Gewässern sind rechtlich dazu verpflichtet, Hilfe zu leisten. Man kann sich das so vorstellen wie zu Land. Wenn man auf der Bundesstraße unterwegs ist und einen Radfahrer im Straßengraben liegen sieht, ist man rechtlich dazu verpflichtet, Erste Hilfe zu leisten. Das sieht auch das Seerecht vor. Wir haben durchaus Fälle dokumentiert, wo Kapitäne ihrer Pflicht und ihrem seemännischen Ethos nachgekommen sind und Rettungen durchgeführt haben. Aber Rettungsaktionen im Mittelmeer sind ein Politikum.
Was bedeutet das?
Frühmann: Wenn du dort beim Segeln in Seenot kommst, ist die Küstenwache innerhalb von Minuten da, um dich zu retten. Bei Menschen ohne europäischen Reisepass ist das anders. Die EU-Migrationspolitik will sie nicht, und aufgrund der Repression gegen NGOs, die Menschen vor dem Ertrinken retten, zögern Kapitäne von Handelsschiffen oft, Geflüchteten auf Booten zu helfen.
Werdet ihr am Helfen auch gehindert?
Frühmann: Ja. Immer wieder – um nicht zu sagen permanent – werden unsere Schiffe daran gehindert, in See zu stechen. Italien will seit langem die Präsenz von zivilen Rettungsschiffen ausdünnen. Das funktioniert mittels ständiger Kontrollen. Unter fadenscheinigen Angaben suchen die Behörden nach vermeintlichen Mängeln auf unserem Schiff, um das Auslaufen bürokratisch zu blockieren – mit dem Ergebnis, dass das Schiff zwei, drei Wochen im Hafen festsitzt. Währenddessen ertrinken im Meer weitere Menschen. Dazu kommt, dass die sogenannte libysche Küstenwache im Auftrag der EU Menschen am Weiterkommen hindert. Um sie von der Fahrt übers Mittelmeer abzuhalten, werden Personen an die Küste Libyens zurückschleppt. Dabei kommt es immer wieder zu massiver Gewalt gegen Geflüchtete und Aktivist:innen. Erst im Mai wurde eines unserer Schiffe von der libyschen Küstenwache beschossen. Man drohte damit, Gerettete und Besatzung zu entführen.
Trotz Gewalt und Todesgefahr flüchten Menschen aber immer noch über das Meer.
Frühmann: Man muss realistisch sein: Eine Festung Europa – das wird nicht funktionieren. Der Drang der Menschen, sich zu bewegen, sowie ihr Wunsch, in Sicherheit zu leben, ist stärker als jeder Zaun. Das zeigt die Gegenwart ebenso wie die Vergangenheit. Auch, wenn Grenzen errichtet werden: Menschen überqueren sie. Oft braucht es dafür viel Geld, Aufwand und Mut, aber es passiert. Verdeutlicht wurde mir das auch anhand der Flucht eines blinden Mannes aus dem politisch instabilen Kamerun. Trotz Behinderung machte er sich auf übers Mittelmeer. Sein Wunsch nach einem Leben in Sicherheit war stärker als die Angst.
Davon abgesehen bin ich der Überzeugung, dass jeder Mensch das Recht auf Bewegungsfreiheit hat. Wir können reisen, wohin wir wollen – das müssen wir auch anderen zugestehen. Auch das Recht zu gehen und das Recht zu bleiben, gilt für alle.
Chancengleichheit: Ist das Ihre Motivation?
Frühmann: Ich glaube fest an den universellen Anspruch auf Menschenrechte. Dass das in der Praxis anders ist, zeigen die Geschehnisse im Mittelmeer. Die Evangelische Kirche Deutschland hat „Sea-Watch“ immer wieder finanziell und öffentlich unterstützt. Ich habe versucht, die katholische Kirche in Österreich, wie Bischofskonferenz oder Diözesen, miteinzubinden – leider nur mit mäßigem Erfolg. Da wünsche ich mir mehr Zuspruch – finanziell und in Bezug auf klare Positionen. Gleichzeitig gibt es aber viele katholische Menschen oder Pfarren, die quasi anonym oder im Alltag unterstützen. Die Tatsache, dass einige Menschen in Saus und Braus leben und andere tagtäglich ums Überleben kämpfen müssen – das ist meine Motivation. In der Befreiungstheologie spricht man vom „Unrecht, das zum Himmel schreit“. Das muss gehört werden. Ein gutes Leben steht schließlich jedem Menschen zu.
Papst Leo XIV. drängt auf die Einhaltung der Genfer Flüchtlingskonvention. Die Vereinten Nationen hätten das Regelwerk vor 75 Jahren verabschiedet, „um Menschen zu schützen, die verfolgt werden und gezwungen sind, ihr Land, ihre Heimat und ihre Familie zu verlassen“, erinnert er.
Bereits bei seinem Kurzbesuch in Norditalien hatte Papst Leo XIV. den Einsatz für Migrantinnen und Migranten gefordert. Tags darauf appellierte er an die politisch Verantwortlichen zur Einhaltung der Genfer Flüchtlingskonvention. „Ich hoffe, dass der Geist, der die Entwicklung dieses wichtigen internationalen Instruments inspirierte, auch heute noch das Gewissen der politisch Verantwortlichen der Nationen erleuchtet“, sagte der Papst mit Blick auf den Weltflüchtlingstag, der am 20. Juni begangen wurde. „Niemand darf diejenigen im Stich lassen, die Schutz und Sicherheit suchen.“ Er appellierte an alle, „Opfer von Verfolgung willkommen zu heißen, damit diese in Frieden und Würde leben und hoffnungsvoll in die Zukunft blicken können“.
In Norditalien hatte der Papst zuvor unterstrichen, dass Migration heute eine sehr komplexe Herausforderung darstelle. Er war zu Besuch in Sant‘Angelo Lodigiano, dem Geburtsort der Schutzpatronin der Migranten.
„Was könnte aktueller sein als ein missionarisches Charisma, das sich in den Dienst von Migranten stellt?“, fragte Leo XIV. mit Blick auf Francesca Cabrini (1850–1917), die sich um italienische Auswanderer in den USA kümmerte und 1909 die US-Bürgerschaft erhielt. 1946 wurde sie als erste US-Amerikanerin heiliggesprochen.
Buchhinweis: Jakob Frühmann, Cristina Yurena Zerr (Hg.): BROT UND GESETZE BRECHEN. Christlicher Antimilitarismus auf der Anklagebank. Mandelbaum Verlag 2021, 284 S., 17,00 €
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