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Als der Treffpunkt Pflegepersonal 1996 offiziell seine Pforten in Linz öffnete, war die Pflegelandschaft noch eine andere. Angesteckt von einer Idee aus Innsbruck und auf Initiative engagierter Pflegekräfte und Betriebsseelsorger:innen konnte – als Teil der Betriebsseelsorge in Oberösterreich (Mensch & Arbeit) – ein Ort geschaffen werden, der Pflegekräften Raum für Vernetzung, Reflexion und Unterstützung abseits des stressigen Arbeitsalltags bietet.
Heute, 30 Jahre später, ist dieser Bedarf größer denn je, denn der Beruf hat sich grundlegend gewandelt. Barbara Wimmer, ausgebildete Fachsozialbetreuerin für Altenarbeit und seit 2021 pädagogische Mitarbeiterin im Treffpunkt Pflegepersonal, erinnert sich an ihre Anfänge im Altenheim. Früher seien viele Bewohner:innen noch mobil und kommunikativ gewesen, was den Alltag bereichert habe.
Heute hingegen werden Bewohner:innen erst ab Pflegestufe vier aufgenommen, was die Intensität der Betreuung massiv erhöht hat. Viele Menschen in Alten- und Pflegeheimen sind sehr schwer krank oder haben psychische Probleme wie Demenz. „Das hat den Arbeitsalltag von Pflegekräften massiv verdichtet, weil die Personalschlüssel mit dieser Entwicklung nicht Schritt gehalten haben“, erklärt Wimmer. Zeit für menschliche Zuwendung oder soziale Aktivitäten, wie sie früher üblich waren, seien damit fast vollständig verschwunden.
Thomas Stopper, Diplomsozialbetreuer für Altenarbeit und langjähriges ehrenamtliches Mitglied des Pflegenetzwerk-Teams, beobachtet angesichts dieser Situation eine zunehmende „Abstimmung mit den Füßen“, bei der Fachkräfte das System aufgrund der belastenden Rahmenbedingungen verlassen. Zudem würden sich viele Kolleg:innen Sorgen machen, ob sie die Arbeit in der Pflege bis zur Pension überhaupt schaffen können.
Aus ihren seelsorglichen Gesprächen weiß Barbara Wimmer, dass sich auch die Stimmung in den Heimen verändert hat. Früher hätten die Führungskräfte oft selbst in der Pflege mitgearbeitet, heute sei der Führungsstil strenger und hierarchischer und der Arbeitsalltag immer durchgetakteter. Besonders schlimm sei es nach der Corona-Pandemie geworden, „obwohl da die Pflegekräfte fleißig beklatscht wurden“, wie sich die Mitarbeiterinnen des Treffpunkt Pflegepersonal nur zu gut erinnern.
„Teilweise müssen Mitarbeiter:innen sogar dokumentieren, wie viele Schritte sie machen und ob sie am Rückweg auch wirklich etwas mitnehmen. Das macht richtig Druck und Stress“, berichtet Barbara Wimmer. Besonders schwierig sei es für Frauen mit Doppel- und Dreifachbelastung, denn oftmals werde von den ausgebildeten Fachkräften erwartet, dass sie die ersten sind, die da sind, wenn es einen Pflegefall im Familiensystem gibt.
„Wer in der Pflege arbeitet, möchte Zeit für die Menschen haben – aber genau diese Zeit fehlt“, sagt Thomas Stopper und zitiert das bekannte Lied von Wolfgang Ambros: „A Mensch mecht i bleib‘n“. Die Arbeit der Pflege- und Betreuungspersonen sei in einer gelungenen Gesellschaft unbedingt notwendig und dürfe daher nicht als Kostenfaktor gesehen werden.
In die gleiche Kerbe schlägt Andrea Wienerroither, Leiterin des Treffpunkt Pflegepersonal. Sie war als diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin tätig, bis sie vor 20 Jahren im Treffpunkt Pflegepersonal für ihre Kolleg:innen zu arbeiten begann. Wienerroither kritisiert die reine Fokussierung auf Zahlen: „Wenn es in der Pflege nur noch um betriebswirtschaftliche Optimierung geht, fällt alles andere dazwischen unter den Tisch – das ist es aber, was uns als Menschen ausmacht.“ Ihre Vision, die im christlichen Menschenbild gegründet liegt, ist klar: Eine „fürsorgende Gesellschaft“, in der Sorgearbeit nicht als Belastung, sondern als Fundament des Zusammenlebens begriffen wird.
Diesem Anspruch versucht das dreiköpfige hauptamtliche Team in der Arbeit des Treffpunkt Pflegepersonal gerecht zu werden. Niederschwellige Angebote für Pflegekräfte wie das „Café Auszeit“, Workshops zur Gesundheitsprävention oder ein „Beziehungspflegetag“ bieten Räume für informellen Austausch, in denen oft tiefgreifende Gespräche entstehen. Da ist dann auch Zeit für existenzielle Themen wie Krankheit, Alter und Tod, die im Pflegealltag allgegenwärtig sind. Im Treffpunkt Pflegepersonal kann Erlebtes reflektiert werden – ohne dem direkten Druck der Dienstgeber ausgesetzt zu sein. In Pflegeschulen sensibilisiert das Team künftige Pflegekräfte für Themen wie „Gute Arbeit“ oder „Gewalt in der Pflege“.
Sehr wichtig ist die Vernetzung. Das „Pflegenetzwerk-Team“ besteht aus ehrenamtlichen Pflegekräften verschiedener Bereiche (Krankenhaus, Langzeitpflege, 24-Stunden-Betreuung, Reha, Selbständigkeit ...), die in den Regionen als Multiplikator:innen wirken und Themen direkt von der Basis in den Treffpunkt tragen und umgekehrt.
„Bei uns steht der konkrete Mensch und die Menschenwürde im Mittelpunkt“, beschreibt Leiterin Andrea Wienerroither den Treffpunkt Pflegepersonal. Die Unabhängigkeit durch die kirchliche Trägerschaft im Rahmen der Betriebsseelsorge ermöglicht es der Einrichtung, sich aktiv gesellschaftspolitisch einzumischen. Immer wieder wird im Bündnis „Fairsorgen“ mit öffentlichen Aktionen auf den gesellschaftlichen Wert der Pflege aufmerksam gemacht. Dabei wird um faire Bedingungen sowohl für Pflegekräfte als auch für Menschen, die Pflege benötigen, gerungen.
Ein wichtiges Thema unter Pflegepersonen war unlängst die langwierige Verhandlung um den Kollektivvertrag der oberösterreichischen Ordensspitäler. Die Betriebsseelsorgerinnen haben viele Gespräche geführt und Beschäftigte und Betriebsrät:innen solidarisch unterstützt. „Es bringt was, den Pflegekräften zuzuhören. Sie sind die Expert:innen für ihre Situation“, sagt Treffpunkt-Leiterin Andrea Wienerroither und plädiert für mehr Orte und Gelegenheiten, wo Menschen die Erfahrungen machen können, dass Solidarität Wirkung zeigt.
Jubiläumsfest des Treffpunkt Pflegepersonal: 1. Juli, 18 Uhr, Cardijn-Haus Linz. Alle, denen gute Arbeit in der Pflege ein Anliegen ist, sind herzlich eingeladen. Anmeldung erbeten unter: mensch-arbeit.pflegepersonal@dioezese-linz.at oder 0676 87 76-3661.
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