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Ein Kind darf keine Bedrohung sein

MENSCHEN_MEINUNGEN

Monika Slouk denkt über Abtreibungen nach.

Ausgabe: 11/2024
12.03.2024
- Monika Slouk
Monika Slouk
Monika Slouk
© HERMANN WAKOLBINGER

Abtreibung ist kein isoliertes Thema, sondern steht in Verbindung mit einer
ungerechten Gesellschaftsdynamik. Religionen sind daran nicht unbeteiligt.

 

Abtreibung, Schwangerschaftsabbruch, Schwangerschaftsunterbrechung, Tötung von Ungeborenen – es gibt viele Ausdrücke, die umschreiben, was Menschen seit Jahrtausenden praktizieren, wenn sie verhindern, dass ein Embryo im Mutterleib weiterwächst.

 

Ob es Männer oder Frauen erfunden haben, wissen wir nicht. Die Frage ist: Was brachte Menschen auf die Idee, eigenen Nachwuchs verhindern zu wollen?

 

Die Gründe können unterschiedlich gewesen sein: Zum Beispiel, dass zu wenig Essen vorhanden war für alle plus noch ein Kind. So sollte vielleicht vermieden werden, dass die Mutter während der Schwangerschaft oder Stillzeit verhungerte, oder das Kind, oder beide.

 

Schande als Abtreibungsgrund

 

Ein weiterer Grund, der in christlichen Gesellschaften (aber auch in anderen Weltreligionen) besonders zum Tragen kam, war die Schande.

 

Sobald ein Kind nicht innerhalb einer eng definierten Beziehungsform entstanden war, galt es als Mensch zweiter Klasse, als „lediges Kind“, das nicht nur weniger angesehen war, sondern auch weniger Rechte hatte als ein eheliches Kind.

 

Gleichzeitig waren Frauen in der Gesellschaft so geringgeschätzt, dass sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen verbreitet waren. Die Schuld an einem sexuellen Übergriff wurde im Allgemeinen der Frau gegeben, sie hatte den (scheinbar willenlosen) Mann sicher verführt.


Diese moralische Giftmischung stank zum Himmel. Sie war aber über viele Jahrhunderte Realität. Vermutlich nicht die einzige Realität, es waren wohl auch aufrichtige Liebe und Zuwendung möglich und vorhanden.

 

Aber die Giftmischung bestimmte die Gesellschaft und belastete die Beziehungen zwischen Frauen und Männern, Eltern und Kindern, Geschwistern, Nachbarn und darüber hinaus. In so einer Gesellschaft galten beide Varianten als verwerflich: ein uneheliches Kind auszutragen oder es nicht auszutragen.

 

Diese vergiftete Gesellschaft gibt es immer noch, ihre Überwindung geht nur langsam voran. Bis in die 1990er-Jahre wurden etwa im katholischen Irland viele unverheiratet schwangere Frauen gedemütigt und ihrer Kinder beraubt. Erzbischof Eamon Martin von Amargh bat dafür 2021 „vorbehaltlos um Entschuldigung“. 


In dieser giftigen, ungerechten Stimmung gab und gibt es Frauen, die sich zu widersetzen begannen. Manche widersetzten sich, indem sie ihr Kind trotzdem stolz austrugen (viele trugen es geknickt und voll Schmach aus, weil sie keine andere Chance hatten).

 

Andere widersetzten sich, indem sie das Kind nicht austrugen. Was, wenn es bekannt wurde, wiederum eine Schande war, denn dann galten sie als Kindsmörderinnen.

 

Nicht der Ursprung des Problems

 

Unverständlich ist, warum die verschiedenen Lager in der öffentlichen Debatte Schwangerschaftsabbrüche aus ihren Zusammenhängen isolieren.

 

Wer von Abtreibung spricht, hat vor dem inneren Auge eine Frau, die relativ am Beginn einer Schwangerschaft steht.


Das ist aber nicht der Anfang der Geschichte. Die Frau hat sich vermutlich nicht künstlich befruchten lassen, um zu zeigen, wie schön sich die Freiheit einer Abtreibung anfühlen kann.

 

Diese Frau und der Embryo stehen in Beziehungen. Darüber geht die Debatte zu leichtfüßig hinweg. Die Abtreibung setzt eine Schwangerschaft voraus, die im Allgemeinen immer noch durch Geschlechtsverkehr entsteht.

 

Dabei ist ein Mann nicht unbeteiligt, sonst würde sich die Frage einer Schwangerschaft und erst recht einer Abtreibung nicht stellen. Verlieren irgendwo auf der Welt Männer ihr Ansehen oder ihre eigenen Chancen, nur weil sie ein unerwünschtes Kind zeugen?


Warum nur diskutieren wir allzu oft über Schwangerschaftsabbrüche, als ob sie ein isoliertes Thema wären? Als ob es nur um ja oder nein ginge?

 

Abtreibungen stehen im Kontext eines Beziehungsgeflechts, das ein Kind zur Bedrohung werden lässt.

 

Für die Ungerechtigkeit dieses Geflechts sind leider auch die Kirchen mit ihren zu idealistischen bis ideologischen Moraldefinitionen mitverantwortlich.

 

Solange Kirchen ihre Mitverantwortung für Abtreibungen (durch subtile oder unverhohlene Beschuldigung von Frauen, dass sie ein falsches, unehrenhaftes Kind erwarten würden) nicht übernehmen, werden sie in der öffentlichen Diskussion nicht als glaubwürdig wahrgenommen werden. Eine moralische Leitlinie zu haben, darf nicht heißen, dass Frauen und Kinder in wertvoll und weniger wertvoll eingeteilt werden.

 

Ein Verbot hilft nicht

 

Eine Gesellschaft zu etablieren, in der Frauen mit einer ungeplanten Schwangerschaft nicht moralisch, wirtschaftlich, emotional auf sich selbst zurückgeworfen sind, eine Gesellschaft, in der es keinen Nachteil im Ansehen, in der finanziellen Kraft oder für die persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten bedeutet, ein Kind zu bekommen, gleich, von wem eine Frau ein Kind bekommt, eine Gesellschaft, die Kinder als gemeinsame Aufgabe sieht und dementsprechend willkommen heißt: So eine Gesellschaft braucht es, um Abtreibungen zu vermeiden.

 

Ein Verbot hilft nicht, wenn sich die Gesellschaft nicht ändert, denn Schlupflöcher und geheime Wege werden sich immer finden lassen, auch wenn sie noch so gefährlich sein mögen.


Wenn Frankreich nun die „Freiheit zur Abtreibung“ in der Verfassung verankert, fällt das nicht vom Himmel. Es ist eine Reaktion auf Extrempositionen (wie in vielen US-Bundesstaaten), die noch nicht verstanden haben, dass Strafe nichts bringt, solange ein Kind eine Bedrohung darstellen kann.

 

Denn die Strafe ist offenbar für manche (oder viele?) eine
geringere Bedrohung als ein Kind.

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