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Von vermeintlichen Helden und richtigen Antihelden

Kunst & Kultur

Die neuen Romane von Bettina Balàka und Lorenz Langenegger stellt Maria Fellinger-Hauer in ihrer aktuellen Literaturreihe vor. 
 

Ausgabe: 2/2020
03.01.2020
- Maria Fellinger-Hauer

Die Tauben von Brünn

Die reale Figur eines skrupellosen Kapitalisten im Wien des 19. Jahrhunderts steht im Mittelpunkt des neuen Romans der aus Salzburg stammenden Schriftstellerin Bettina Balàka. Johann Karl Sothen (1823–1881), nachmaliger Baron von Sothen, war Sohn eines Tabaktrafikanten und Lottokollektanten. Durch den Handel mit Spielkarten und Losen, besonders durch die Verbreitung von Losen der Armenlotterie, hat er es zu einem beträchtlichen Vermögen gebracht. Dabei soll es nicht immer mit  rechten Dingen zugegangen sein. Aufgrund seines Reichtums konnte er sich der Öffentlichkeit als Wohltäter präsentieren, was ihm, ungeachtet der stadtbekannten Ausbeutung seiner Arbeiter, kaiserliche und kirchliche Ehrungen einbrachte.

Balàka verwebt die bekannten Fakten aus der Sothen’schen Biografie mit der Fiktion einer Handlung, in deren Zentrum die Taubenzüchterin Berta Hüttler steht. Berta, durch eine Hasenscharte entstellt und auf dem Heiratsmarkt praktisch unvermittelbar, kommt nach dem frühen Tod ihrer Eltern zuerst durch Sothens Hilfe in die Obhut von Verwandten in Brünn und in weiterer Folge in erpresserische Abhängigkeit des noblen Herrn, der es versteht, die junge Frau für seine Zwecke zu missbrauchen. Während für Sothen im realen Leben wie im Roman der Zahltag kommt, gibt es für Berta in Balàkas Buch einen versöhnlichen Ausgang.

Dazwischen lernen wir viel über die Vogelwelt sowie die Brieftauben im Besonderen, nehmen die Topografie der Wiener Innenstadt und auch den biedermeierlichen Alltag geradezu sinnlich wahr. Aber auch über die sozialen Verhältnisse allgemein, über den Stand der Medizin, über Glaube und Aberglaube, insbesondere im Zusammenhang mit dem damals grassierenden Lottofieber erzählt Balàka überaus lebendig und spannend. 
Bettina Balàka: Die Tauben von Brünn. Deuticke, Wien 2019, 188 Seiten, € 20,60, ISBN: 978-3-552-06399-0

 

Jahr ohne Winter

Wenn es die Hölle gibt, denkt Walter, wird er die ewige Verdammnis in einem Strandhotel absitzen, um ihn herum nichts als Sonne, feuchte Hitze, gute Laune und die Sommerhits der letzten zwanzig Jahre in Endlosschleife. Dass er genau hier gelandet ist, hat für Jakob Walter ganz andere Gründe als für die meisten anderen Leute, die sich auf der Suche nach einem unvergesslichen Urlaubserlebnis an solche Orte begeben. Wenn es nach ihm selbst geht, gehört Walter nach Bern und sonst nirgends hin. Turbulenzen liebt er nicht. Wer Langeneggers frühere Bücher gelesen hat, kennt Jakob Walter schon und erlebt ihn hier in einer neuen Lebensphase. Seine Frau hat ihn verlassen, durch seine Nachlässigkeit hat er den sicheren Arbeitsplatz verloren.

Nun ist er also gegen seinen Willen in Australien, denn er hat einen Auftrag zu erfüllen. Ursula, seine Ex-Schwiegermutter ist schwer erkrankt und braucht die Hilfe ihrer Tochter als Stammzellenspenderin. Edith jedoch hat ihr Telefon abgeschaltet und ist nicht zu erreichen. Sie ist in Australien, um an einer Schweigemeditation an einem unbekannten Ort im Outback, fernab der Zivilisation, teilzunehmen. Walter hat seit fünf Jahren keinen Kontakt mit ihr. Und jetzt soll er sie in der australischen Wildnis suchen.

Wie das geht, wie dabei die Zufälle spielen und was dieses Abenteuer mit Jakob Walter macht, beschreibt der Autor in einer ruhigen, anrührenden Weise. Man gewinnt ihn lieb, diesen unscheinbaren Antihelden.  
Lorenz Langenegger: Jahr ohne Winter. Jung und Jung, Salzburg 2019. 157 Seiten, € 20,60,
ISBN: 978-3-99027-233-6

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