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Ukraine: Das Leben ist dort intensiver

KULTUR_LAND

Aus der Ukraine kommen viele Spitzenmusiker:innen. Ein ukrainisches Orchester aus Berlin spielt im Oktober in Wien und Zürich.

Ausgabe: 41/2025
07.10.2025
- Monika Slouk
Julia Rubanova im Orchestergraben der Wiener Staatsoper, wo sie regelmäßig spielt.
Julia Rubanova im Orchestergraben der Wiener Staatsoper, wo sie regelmäßig spielt.
© Rubanova

Kateryna Supruns Tochter wird bald sechs Jahre alt. Dann kommt sie in Berlin in die Schule. An die ukrainische Heimat ihrer Mutter hat sie keine eigenen Erinnerungen, denn sie war zwei Jahre alt, als Russland den Krieg gegen das Nachbarland auf das ganze Territorium ausdehnte. „Ich verließ die Ukraine am ersten Tag der Invasion“, erinnert sich die Konzert-Bratschistin Kateryna Suprun. Für ihr damals zweijähriges Kind wäre ihr das Leben in Kiew zu gefährlich gewesen.

 

Da eine befreundete Pianistin in Berlin lebte, machte sich auch Suprun auf in die deutsche Hauptstadt, wo sie seither ihren Wohnsitz hat. Häufig ist sie aber unterwegs. Das Interview für diesen Artikel gibt sie aus Belgien, wo sie auf Konzertreise ist. Wenn möglich, besucht sie regelmäßig die Ukraine – ohne ihr Kind, das sie nicht in Gefahr bringen möchte.

 

Das echte Leben


Das Leben in der Ukraine kommt ihr intensiver vor als in Deutschland und anderen europäischen Ländern. Viele Menschen in Europa würden sie nun fragen, ob denn in der Ukraine noch Krieg sei. „Für sie ist es wie Netflix“, meint die Musikerin, „für uns ist es das Leben.“

 

Die Menschen in der 
Ukraine würden auch nach den oft schlaflosen Nächten im Luftschutzkeller ihrer Arbeit nachgehen und tun, was sie nur könnten, beobachtet Suprun. Russische Drohnen könnten sie jede Nacht töten. „Daher fühle ich das Leben in der Ukraine stärker als in Deutschland. Es klingt seltsam“, reflektiert die ukrainische Konzertmeisterin in Berlin.

 

Musik mit einer Botschaft


Dass die Welt den russischen Angriff nicht stoppen kann, auch jetzt, wo russische Drohnen in den NATO-Raum eindringen, kann Kateryna Suprun kaum glauben. Für ihr Orchester „Mriya“, das sie in Berlin leitet, sieht sie eine Mission: Ukrainische Musik in der Welt bekannt zu machen, die über Jahrhunderte verboten war. Nicht nur Volksmusik war bei strengen Strafen untersagt, auch klassische Musik durften ukrainische Komponisten nicht veröffentlichen. Russische Komponisten wie Tschaikowski schätzt die Bratschistin, aber sie würde ihre Musik zurzeit nicht spielen. „Russische Musik ist imperialistisch. Vielleicht können wir sie in einigen Jahrzehnten wieder spielen, aber jetzt ist nicht die richtige Zeit dafür“, erklärt die engagierte Frau.

 

Der Komponist Maxim Shalygin lebt und wirkt in den Niederlanden.
Solo-Bratschistin Kateryna Suprun ist künstlerische Leiterin des Orchesters „Mriya“ in Berlin.
Mikheil Menabde wird „Amandante“ in Wien dirigieren.
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Neue Heimat gefunden

 

Besonders gern spielt Kateryna Suprun die Musik des ukrainischen Komponisten Maxim Shalygin, der in Amsterdam lebt. Er hat hier seine echte Heimat gefunden, erzählt er am Telefon. Die Niederlande seien ein Land der Zukunft, ist seine Erfahrung. „Die Menschen hier gehen respektvoll miteinander um, von Kindheit an.“ Obwohl es in den ersten Jahren in Amsterdam für ihn nicht leicht war, konnte er sich als Komponist etablieren. Seine erste Oper hätte eigentlich 2022 in der Ukraine uraufgeführt werden sollen. Doch nach dem 24. Februar 2022 war alles anders, zur Uraufführung von „Amandante“ kam es erst 2024 in den Niederlanden. Nun geht die Oper auf Tour: Berlin, Wien, Zürich stehen auf dem Programm. „Amandante“ ist eine Wortschöpfung aus „Amore“ (Liebe), „Man“ (Mann oder Mensch) und „Andante“ (gehend, gibt eine Stimmung in der Musik an). „Es geht um einen Mann, der der Liebe entgegengeht“, erklärt der Komponist.

 

Es geht um die Liebe


Der Inhalt der Oper, die vorwiegend, aber nicht ausschließlich konzertant aufgeführt wird, geht zurück auf einen Text des griechischen Philosophen Platon. In „Symposion“ (Gastmahl) unterhalten sich mehrere Männer aus verschiedenen Blickwinkeln über die Liebe bzw. die Rolle des Gottes Eros. In der Oper sind es zwei Männerstimmen und zwei Frauenstimmen, die die verschiedenen Rollen einnehmen.

 

Auf der Suche nach Zukunft


Die Aufführungen im Oktober wird Mikheil Menabde leiten, ein Wiener Musiker mit georgischer Herkunft und ukrainischer sowie Wiener Ausbildung. Er ist mitverantwortlich dafür, dass das Orchester „Mriya“ mit der Oper „Amandante“ auf Tour durch Europa geht. Gemeinsam mit seiner Frau, der Konzertgeigerin Julia Rubanova, lebt und wirkt er in Österreich und hat für die Konzertreise wichtige Kontakte geknüpft. Das Ehepaar kam bereits vor 2022 aus der Ukraine nach Österreich. Menabde hatte 2008 den russischen Angriff auf Georgien erlebt und traute der Ruhe nicht. Später kam Rubanovas Mutter nach – ihre Wohnung in Mariupol existiert nicht mehr. Hoffnung und Zukunft gibt es trotzdem. Enkeltochter Katie ist gerade fünf Tage alt ...

 

Amandante

Oper von Maxim Shalygin

 

Es ist eine Oper über die Liebe, verrät der niederländisch-ukrainische Komponist Maxim Shalygin. Der Inhalt basiert auf dem philosophischen Dialog „Symposion“ (Gastmahl), in dem sich mehrere Männer über die Rolle des Gottes Eros unterhalten. Der Librettist Paul van der Woerds bringt mit einem Kunstgriff aber auch Frauen ins Gespräch. 
Sonntag, 12. Oktober, 19 Uhr, Gläserner Saal des Wiener Musikvereins und Dienstag, 14. Oktober, 19.30 Uhr, Augustinerkirche Zürich.

 

 

 

ZUM THEMA _ 


Migrant oder Flüchtling

 

Zwischen Migration und Flucht gibt es einen Unterschied: Migrant:innen verändern ihren Lebensort aus verschiedenen Gründen. Die Genfer Flüchtlingskonvention (1951) regelt, wer als Flüchtling gilt. 
Das betrifft Menschen, die begründete Furcht haben „vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung“, wenn sie sich nicht auf den Schutz des eigenen Landes verlassen können.

 

Recht auf Asyl

 

Ein Flüchtling darf nicht in ein Land zurückgeschickt werden, in dem Leben oder Freiheit bedroht sind. Ausnahme: wenn jemand eine Gefahr darstellt oder ein schweres Verbrechen begangen hat.

 

Seelsorge für Migranten

 

Papst Benedikt XV. hat den „World Day of Migrants and Refugees“ (1914 mit dem Dekret „Ethnografica studia“ ins Leben gerufen. Priester sollen demnach geeignet sein, Menschen aus anderen Herkunftsländern zu begleiten. Dafür sollten sie sprachlich, kulturell und pastoral vorbereitet sein, um wertschätzend auf die Herausforderungen eingehen zu können, zum Beispiel Heimweh, Identitätsverlust oder soziale Ausgrenzung.

 

Im heurigen Jahr stand der Tag unter dem Motto „Migranten, Missionare der Hoffnung“. Traditionell findet dieser Tag am letzten Septemberwochenende statt, heuer war er jedoch am 4. und 5. Oktober.

 

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