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Mehr als ein Dokument der Schande

Gesellschaft & Soziales

Vergangene Woche wurde die Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz offiziell vorgestellt. Hinter den erschütternden Zahlen ließe sich darin viel an Veränderungspotential finden. Allzu einfachen Ideen verweigern sich die Autoren aber.
 

Ausgabe: 40/2018
02.10.2018
- Heinz Niederleitner
Schwere Stunde: Kardinal Reinhard Marx und Bischof Stephan Ackermann (in der deutschen Bischofskonferenz für das Thema Missbrauch zuständig) präsentierten die nach den Orten der beteiligten Forschungseinrichtungen benannte MHG-Studie (Mannheim, Heide
Schwere Stunde: Kardinal Reinhard Marx und Bischof Stephan Ackermann (in der deutschen Bischofskonferenz für das Thema Missbrauch zuständig) präsentierten die nach den Orten der beteiligten Forschungseinrichtungen benannte MHG-Studie (Mannheim, Heide
© Arne Dedert / dpa / picturedesk.com

„Ich empfinde Scham für das Wegschauen von vielen, die nicht wahrhaben wollten, was geschehen ist und die sich nicht um die Opfer gesorgt haben. Das gilt auch für mich!“ Für Kardinal Reinhard Marx, den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, war es sicher einer der schwersten Pressekonferenzen seiner Laufbahn. In der vergangene Woche präsentierten Studie sind 3677 Kinder und Jugendliche in Deutschland im Zeitraum von 1946 bis 2014 als Opfer von sexuellem Missbrauch dokumentiert. In 38.156 Akten gab es bei 1670 Klerikern (4,4 Prozent) Hinweise auf Beschuldigungen, Minderjährige missbraucht zu haben. Die Bischöfe wollen nun neben neuen Ansprechstellen und der Überprüfung von Anerkennungsleistungen für Opfer auch über die kirchliche Sexualmoral und die Machtverteilung sprechen.
Denn wer sich für die Verhütung von Missbrauchsfällen einsetzt, wird strukturelle Gründe diskutieren müssen. Die Studie betont zwar, dass sie bei der Zusammenführung der Ergebnisse zu Hypothesen gelangt ist, die weiter zu untersuchen wären. Diese sind aber klar formuliert, wie die Themen Zölibat und Homosexualität beispielhaft zeigen.

 

Männliche Opfer

Auffällig ist zunächst, dass 62,8 Prozent der in der Studie wahrgenommenen Opfer männlich sind. Auch im Bericht über Missbrauch in Diözesen in Pennsylvania (USA) waren – anders als im nicht-kirchlichen Bereich – die Buben mehrheitlich betroffen. Manche konservative Kreise sehen Homosexualität als Hintergrund von Missbrauch in der Kirche.
Die Studienautoren schreiben dazu: „Homosexualität ist kein Risikofaktor für sexuellen Missbrauch.“ Aber sie argumentieren auch, dass mit mehreren anderen Faktoren eine unausgereifte homosexuelle Veranlagung eine Rolle spielen kann: Zwar darf man den früher vermehrten Zugang von Klerikern zu Buben statt zu Mädchen nicht übersehen. Das Zusammenspiel von sexueller Unreife, abgewehrter, verleugneter, zunächst vielleicht sogar noch unklarer homosexueller Neigung bei Beschuldigten sowie einer homophoben Umgebung könnte aber eine zusätzliche Erklärung für das Überwiegen männlicher Betroffener sein, heißt es.
Die Betonung liegt auf der Unreife und dem von der Kirche gebildeten Umfeld. Deshalb schreiben die Autoren auch, es sei eine offene und toleranzfördernde Atmosphäre in der Kirche zu schaffen. „Die grundsätzlich ablehnende Haltung der katholischen Kirche zur Weihe homosexueller Männer ist dringend zu überdenken.“
Ähnlich ist es mit dem Zölibat, das nicht wenige Gläubige für ein Hauptproblem im Zusammenhang mit Missbrauch halten. Tatsächlich wurden, wie die Studie zeigt, (meist verheiratete) Diakone im Verhältnis weniger häufig beschuldigt (5,1 Prozent der Diözesanpriester, aber nur ein Prozent der Diakone sind Beschuldigte). Die Studienautoren schreiben, dass der Zölibat an sich kein Risikofaktor sei. Die Verpflichtung zu einer zölibatären Lebensführung erfordere aber eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität. Indizien weisen darauf hin, dass das bei Missbrauchsbeschuldigten weniger als bei unbeschuldigten Priestern der Fall ist. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann sagte vergangene Woche, der Dienst des Priesters wirke „irgendwie magnetisch auf die, die dazu nicht geeignet sind“. Das vom Papst angesprochene Problem des Klerikalismus erkennen die Studienautoren auch, sie beschränken ihre Analysen aber nicht darauf und es erscheint nur als Teil des Gesamtproblems.

 

Kritik

Sowohl an der Studie als auch an den versprochenen Maßnahmen erhob sich von verschiedener Seite Kritik. Meist wurde argumentiert, dass der Plan der Bischöfe zu wenig konkret und zu unverbindlich sei. Auch das Fehlen von Ordensmännern ohne Diözesanverwendung wurde beanstandet. 

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