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Den Frieden ohne Waffen verteidigen

GESELLSCHAFT_SOZIALES

Michaela Söllinger verließ Österreich, um in Kolumbien bedrohten Bauern und Aktivist:innen beizustehen. Ihre Erfahrungen zeigen, wie stark gewaltfreie Friedensarbeit wirken kann.

Ausgabe: 14/2026
31.03.2026
- Paul Stütz
Michaela Söllinger bei der Eröffnung des „Mutterhauses” in Blanquita-Murri, Frontino. Das Haus dient als Zentrum und Gemeinschaftsraum der Initiative sowie als sicherer Rückzugsort und „waffenfreie Zone“.
Michaela Söllinger bei der Eröffnung des „Mutterhauses” in Blanquita-Murri, Frontino. Das Haus dient als Zentrum und Gemeinschaftsraum der Initiative sowie als sicherer Rückzugsort und „waffenfreie Zone“.
© Privat

Schon als Kind konnte Michaela Söllinger Ungerechtigkeit kaum ertragen. Wenn Mitschüler:innen gehänselt wurden, stellte sie sich instinktiv auf ihre Seite. Dieser frühe Sinn für Gerechtigkeit sollte ihr Leben prägen. Doch ihr Weg führte sie zunächst durch die Welt der technischen Physik und der Biomedizin, wo sie einige Jahre arbeitete. Es war wie ein radikaler Neuanfang, als Michaela Söllinger im Jahr 2013 in den Norden Kolumbiens aufbrach, um am internationalen Menschenrechts-Begleitprojekt „FOR Peace Presence“ teilzunehmen und sich für Gerechtigkeit und Menschenrechte einzusetzen.     

 

Friedensprozess strauchelt


Seither lebte die Oberösterreicherin aus Meggenhofen mit wenigen Unterbrechungen dauerhaft in Kolumbien, einem Land, in dem Gewalt, Armut und Straflosigkeit oftmals zum Alltag gehören. Besonders in den letzten Jahren flammten die Guerillakämpfe wieder auf, während der Friedensprozess ins Straucheln geriet.
Michaela Söllinger setzte sich vor allem für Umweltaktivist:innen und die kleinbäuerliche Friedensgemeinschaft wie in San José de Apartadó oder Blanquita-Murri ein, die sich an den Prinzipien der Gewaltfreiheit orientiert. Mit ihrer Präsenz diente sie nicht nur als Beobachterin, sondern auch als „menschlicher Schutzschild“ gegen die Gewalt paramilitärischer Gruppen, die die Friedensgemeinschaft bedrohten. „Wir begleiten zum Beispiel die Bauern, wenn sie auf ihre Felder müssen und es gefährlich ist“, erklärt Söllinger. Die internationale Begleitung basiert auf der Abschreckung: Ein Angriff auf sie oder ihre Kolleg:innen würde einen internationalen Aufschrei auslösen.
Jeder Einsatz wird sorgfältig geplant: Das Team trifft Entscheidungen Fall für Fall, führt Risikoanalysen durch und wägt ab, wie man sicher vorgeht. Michaela Söllinger betont, dass sie sich nie in Lebensgefahr befand, aber die Situationen stets Respekt und Vorsicht erforderten. „Wir waren wesentlich sicherer unterwegs als jeder Tourist in vielen Ländern der Welt“, sagt sie.

 

Morde an Aktivist:innen


Die Realität vor Ort kann jedoch brutal sein. Zwischen Dezember 2023 und März 2024 wurden drei kolumbianische Menschenrechts- und Umweltverteidiger:innen, die Söllinger gut kannte, ermordet. „Es hat mir gezeigt, wie unvorstellbar groß das Leid ist, das diese Gewalttaten in Familien und Gemeinschaften verursachen, und wie Welten zusammenbrechen“, berichtet sie. In der Gemeinschaft San José de Apartadó, die sich als Alternative zu Krieg und Hass versteht, wird der Einsatz für den Frieden trotzdem fortgesetzt. Eine ältere Dame aus der Friedensgemeinschaft hat in deutlichen Worten diese innere Überzeugung formuliert: „Wir üben uns immer und immer daran, den Feind nicht zu hassen, ihn als Mensch zu respektieren. Das ist das, was uns ausmacht.“ Gleichzeitig lässt sich die Gemeinschaft nicht einschüchtern. Sie weicht nicht zurück und hält an ihren Fincas und Feldern fest, anstatt sie aufzugeben. Erreichte Fortschritte umfassen neben der Sicherung der kollektiven Fincas vor Vertreibung auch die Errichtung eines Naturschutzgebietes und die Einsetzung staatlicher Kommissionen zur Untersuchung der begangenen Verbrechen. Ein bedeutender Meilenstein war die öffentliche Entschuldigung von Präsident Gustavo Petro im Juni 2025 für die Gräueltaten der vergangenen Jahre an der Friedensgemeinschaft, verbunden mit der Anerkennung staatlicher Verantwortung. 

 

Rückkehr nach Österreich


Erst vor wenigen Wochen ist Michaela Söllinger aus Kolumbien zurückgekehrt. Wahrscheinlich ist es ein Abschied für immer nach all den vielen Jahren. „Durch meine langjährige Präsenz habe ich natürlich persönliche Beziehungen zur Friedensgemeinschaft aufgebaut. Gleichzeitig ist aber wichtig, eine gewisse Distanz zu wahren, auch deswegen, um Abhängigkeiten in der Friedensarbeit zu vermeiden“, sagt Michaela Söllinger über ihre Beweggründe. Sie äußert zugleich Sorge über die geringe politische Unterstützung für die Friedensarbeit, die notorisch unterfinanziert ist, und das nicht nur in Kolumbien, sondern weltweit. „Die Arbeit für die zivile Verteidigung der Menschenrechte und einen dauerhaften Frieden scheint weltweit an Gewicht zu verlieren,“ sagt Michaela Söllinger. 

 

Friedliche Alternativen


Gerade in einer Zeit, in der Aufrüstung und Gewaltandrohungen zunehmen, sollten friedliche Alternativen umso mehr an Bedeutung gewinnen, betont Söllinger. Aus ihren Erfahrungen hat sie eine klare Lehre gezogen: „Wenn man ständig hört, dass Bewaffnung der einzige Ausweg sei, fällt es schwer, eine Alternative zu erkennen. Doch ein Ausstieg ist jederzeit möglich“, erklärt sie.
Sich nicht zu bewaffnen bedeutet dabei keineswegs, Ungerechtigkeiten stillschweigend hinzunehmen. Im Gegenteil: Gewaltfreie Methoden können langfristig nachhaltiger den Frieden sichern als gewaltsame Mittel. „Waffen bringen Tod. Entweder wir Menschen bringen uns gegenseitig um oder wir schaffen es, miteinander zu leben“, sagt Michaela Söllinger. 
 


Michaela Söllinger hat über den Versöhnungsbund Österreich am Begleitprojekt teilgenommen, www.versoehnungsbund.at

Protest kurz nach dem Mord an zwei Mitgliedern der Friedensgemeinschaft von San José de Apartadó. Auf dem Plakat steht: „Die Friedensgemeinschaft widersteht dem Hass der Vertreiber“.
Protest kurz nach dem Mord an zwei Mitgliedern der Friedensgemeinschaft von San José de Apartadó. Auf dem Plakat steht: „Die Friedensgemeinschaft widersteht dem Hass der Vertreiber“.
© Privat
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