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Heinz Schmidt ist 67 Jahre alt und damit fast auf den Tag genau 30 Jahre jünger als seine Tante „Nani“. Kennengelernt habe er sie erst, als er neun Jahre alt war, erzählt er der KirchenZeitung. Anna Schmidt war bei den Elisabethinen in Linz eingetreten und bekam im Orden den Namen Sr. Innocentia. Im Gedenkjahr 2005 – zu „Sechzig Jahre Kriegsende“ – schrieb sie ein Erlebnis aus ihrer Jugend nieder, das ihr und ihrer Familie beinahe zum Verhängnis geworden wäre.
Während der Zeit des Nationalsozialismus lebt Anna Schmidt in ihrem Heimatdorf Oberwang. Die junge Frau wird auf dem Bauernhof ihrer Eltern zur Arbeit gebraucht. Die Familie ist aufgrund ihrer christlichen Gesinnung gegen die Nazis eingestellt. Das ist im Ort bekannt, da die Mutter bei der Abstimmung über den Anschluss an das Deutsche Reich 1938 eine der 16 Neinstimmen im Ort abgegeben hat. Deshalb muss die Familie umso mehr aufpassen, nicht aufzufallen.
Am 25. März 1942 passiert das Missgeschick. Anna verliert beim Radfahren ihre Tasche oder lässt sie diese in einem Geschäft stehen Wie auch immer, sie ist jedenfalls weg. Was die Sache so brisant macht: In der Tasche befindet sich eine Abschrift des sogenannten „Möldersbriefs“. Allein dessen Besitz ist strafbar. Nani und ihre Freundin Maridl treten die Flucht nach vorne an, melden bei der Gendarmerie den Verlust der Tasche mit der Geldbörse und sprechen auch eine Papierrolle an. Sie geben zu Protokoll, dass sie diese auf der Straße gefunden, eingesteckt, aber noch nicht gelesen hätten. In Wahrheit hat die Rolle Nanis Bruder Sebastian, der Soldat ist, nach Hause geschickt. Nani kannte den Inhalt genau. Wieder daheim, gestehen die beiden jungen Frauen ihr Missgeschick, das nicht nur sie selbst, sondern die ganze Familie und auch den Bruder bei der Wehrmacht in größte Gefahr gebracht hat. „Dachau war auf einmal ganz nahe gerückt“, schreibt Sr. Innocentia.
Maridl und Nani leben von nun an in ständiger Angst. Sie lernen den Wortlaut ihrer erfundenen Geschichte, die sie am Gendarmerieposten erzählt haben, auswendig. Tagelang geschieht nichts. Doch dann tauchen der Gendarmerieinspektor von Oberwang und drei Beamte der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) auf. Sie befragen die jungen Frauen, stundenlang, getrennt voneinander. „Aber wir wussten, dass wir uns aufeinander verlassen können, dass keine umfällt und jede bei dem bleibt, was einstudiert war.“ Kurz bevor die Beamten wieder gehen wollen, entdecken sie den Brief des Bruders Sebastian. Es ist das Begleitschreiben zum Möldersbrief. Er fordert darin seine Familie auf, den Möldersbrief den Pfarrer und den Mesner lesen zu lassen. Die Familie ist ertappt. Doch das lassen sie sich nicht anmerken. Alle bestreiten weiterhin, dass der Möldersbrief an sie geschickt wurde. Aber Nani wird mit zum Gendarmerieposten genommen. Wenig später wird der Mesner gebracht, den die Familie Schmidt gerade noch rechtzeitig hat warnen können. Nani wird zwar nach Hause geschickt, sie solle sich aber bereithalten, denn drei Männer der Gestapo würden wiederkommen, hieß es. Wochenlang bangt die Familie, jedoch die Gestapo kommt nicht mehr. „Was oder wer uns wirklich geholfen hat, dass die Sache nicht weiterverfolgt wurde, weiß ich bis heute nicht. Hat uns etwa die Gestapo wirklich für ganz dumm gehalten? Oder waren unsere Schutzengel am Werk?“, fragt sich Sr. Innocentia, als sie 84-jährig dieses Erlebnis niederschreibt.
Einige Jahre nach diesem Vorfall ging Anna Schmidt zu den Elisabethinen. Sr. Innocentia war dort langjährige Verwaltungsleiterin des Krankenhauses. Sie hat in den entscheidenden Aufbaujahren der Nachkriegszeit die Geschichte des Krankenhauses nachhaltig mitgeprägt. Schritt für Schritt entstand in den 40 Jahren ihrer Tätigkeit als Verwaltungs- und Bauleiterin aus dem Ordensspital im Klostergebäude das heutige Krankenhaus. Sr. Innocentia verstarb im Alter von 91 Jahren. „Sie hat sehr viel geleistet“, erzählt ihr Neffe Heinz Schmidt: „Sie war eine starke Frau.“ Davon zeugt auch die Broschüre, die die Elisabethinen zu ihrer Pensionierung als Verwaltungsleiterin herausgegeben haben.
Der Möldersbrief geht auf den Luftwaffenoberst Werner Mölders zurück. In dem Brief bringt Mölders aus christlichen Beweggründen eine Distanzierung vom Nationalsozialismus zum Ausdruck. Trotz Verbots verbreitete sich das Schreiben unmittelbar nach seinem Unfalltod 1942 rasch im gesamten Deutschen Reich. Der Brief wurde zu einem wichtigen Dokument des katholischen Widerstands gegen das NS-Regime und war auch lange nach dem Krieg populär. Auf Vervielfältigung und Weiterverbreitung des Briefes standen Verhaftung und Einweisung in ein KZ. Erst im Jahr 1962 stellte sich heraus, dass es sich um eine Fälschung des britischen Geheimdienstes handelte.
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