Reinhard Macht ist ehrenamtlicher Diakon im SR Jenbach-Münster-Wiesing und Gemeindeberater in der Diözese Innsbruck.
„Ausverkauft“, muss eine Touristin hören. Sie steht mit enttäuschtem Gesicht vor der Basilika Sagrada Família (Heilige Familie) in Barcelona und blickt zum Tor hoch. Durch dieses strömen andere Touristen, nachdem sie die Sicherheitskontrolle passiert haben. Die meisten haben sich vor geraumer Zeit im Voraus über das Internet Tickets besorgt. Trotz der Zugangsbeschränkung waren es im Vorjahr 4,9 Millionen Besucher:innen.
Das Erste, was sie zu sehen bekommen, ist die Weihnachts- oder Geburtsfassade mit Josef, Maria, den Hirten und den Sterndeutern. Sie wurde noch von Architekt Antoni Gaudí (1852–1926) begonnen und konnte nach seinen Vorstellungen vollendet werden, auch wenn er bereits am 10. Juni 1926 gestorben war. Der 10. Juni ist auch das Datum, zu dem heuer Papst Leo XIV. während seiner Spanienreise nach Barcelona kommen wird und den höchsten der 18 Türme, der Jesus Christus gewidmet ist, segnen wird. Er ist mit 172,5 Metern heute der höchste Kirchturm der Welt und trägt ein begehbares Kreuz auf der Spitze. Der letzte Papst, der die Sagrada Família besuchte, war Benedikt XVI. Er weihte 2010 den Altar. Hoffnungen, bis zu Gaudís heurigem 100. Todestag die Kirche zu vollenden, haben sich zerschlagen. Als mögliche Fertigstellungszeit gilt heute Mitte der 2030er-Jahre.
Gaudí hätte sich an dieser Verzögerung nicht gestört. „Mein Kunde hat keine Eile“, soll er mit Blick auf Gott gesagt haben, als man ihn fragte, wann die Kirche fertig sein werde. Ursprünglich war sie vom Architekten Francisco de Paula del Villar als überschaubares Gotteshaus im neugotischen Stil geplant und 1882 begonnen worden. Doch die Asociación Espiritual de Devotos de San José (Geistlicher Verein der Verehrer des heiligen Josef), auf deren Initiative hin der Bau erfolgte, zerstritt sich schon im Folgejahr mit Villar und legte die Verantwortung in die Hände des damals 31-jährigen Gaudí. Dieser arbeitete 43 Jahre an dem Gotteshaus, die letzten zwölf sogar an nichts anderem. Den ursprünglichen Plan erweiterte er nicht nur, sondern er vollzog auch eine Stiländerung: In den ältesten Bauteilen ist noch die Neugotik erkennbar. Danach dominiert der Modernismo, die katalanische Spielart des Jugendstils, zu dessen Hauptvertretern Gaudí gehört. „Architektur ist die Gestaltung des Lichts“, sagte er einmal zu seiner Arbeit.
Was das bedeutet, wird im Inneren der fünfschiffigen Basilika erlebbar: Es sind nicht allein die Glasfenster, die den Raum mit Licht durchfluten. Denn hebt man den Blick in Richtung Decke, wird man an das Blätterdach eines Waldes erinnert. Die Säulen teilen sich wie Baumstämme und an der Decke kommt das Licht ähnlich wie zwischen Ästen und Blättern durch. Die Natur als Werk Gottes war Gaudís Inspiration.
Aber nicht nur dadurch wird Gaudís hingebungsvoller christlicher Glaube erkennbar. Es gibt fast kein Detail der Kirche, das keine religiöse Deutung besitzt. Die 18 Türme sind Christus, Maria, den vier Evangelisten und den zwölf Aposteln gewidmet – wobei für die Apostel aus dem Zwölferkreis, die als Evangelisten mit einem Turm vertreten sind, andere wie Paulus oder Barnabas „einspringen“.
Die Sühnekirche, deren Erbauung nur aus Spenden und durch Eintrittsgelder finanziert wird, ist daher nicht nur ein allgemeines, sondern auch ein sehr persönliches Glaubenszeugnis des frommen Architekten. Er liegt heute in der Krypta begraben, ein Seligsprechungsverfahren für den asketisch lebenden Meister läuft, 2025 wurde ihm der „heroische Tugendgrad“ zuerkannt. Mit einer Seligsprechung würde die Sagrada Família zur Wallfahtskirche.
Dennoch stand es immer wieder in Zweifel, ob sie überhaupt fertig gebaut wird. Gaudís hinterlassenen Modelle, Pläne und Fotos wurden während des Spanischen Bürgerkriegs 1936 zerstört oder beschädigt, vieles musste rekonstruiert werden. Nicht alles, was nach Gaudí errichtet wurde, fand Anklang. Umstritten ist etwa die der Weihnachts- oder Geburtsfassade gegenüberliegende Passionsfassade mit den Bildhauerarbeiten von Josep Subirachs, die sich stilistisch von jenen der Geburtsfassade abheben. Architekten wie Walter Gropius und Le Corbusier haben dafür geworben, den Bau einzustellen, weil der Weiterbau mehr eine Auslegung von Gaudís Ideen sei und nicht mehr seine eigene Arbeit.
Und dann gibt es noch die unmittelbaren Nachbarn. Sie leiden nicht nur an den Besucherströmen. Wo einmal die letzte große Fassade (Herrlichkeitsfassade) stehen soll, ist eine Freitreppe vorgesehen. Doch vor dieser Stelle liegt zunächst eine Straße und dann steht seit den 1970er-Jahren ein Wohnblock im Weg. Die Bewohner kämpfen darum, dort weiter leben zu können. Wie es weitergeht, ist offen, nachdem sich Pläne für Ersatzwohnungen vorerst zerschlagen haben.
All das tut der Anziehungskraft der Sagrada Família keinen Abbruch, wie man in der Basilika eindrucksvoll erleben kann. An sich ist der Bau eine Kirche, kein Museum. Während des Besuchs überwiegt dennoch der museale Eindruck. Haben also jene Kritiker recht, welche die Kirche als „Gaudílandia“ bezeichnen? All das wird erst die Zukunft zeigen. Auch der Leiter der Architekturschule hatte dereinst über den Absolventen Gaudí gesagt: „Wer weiß, ob wir das Diplom einem Verrückten oder einem Genie gegeben haben – die Zeit wird es uns sagen.“ Immerhin diese Frage hat sie mittlerweile beantwortet. Oder würden zu dem Werk eines Verrückten Millionen Menschen pilgern?

Reinhard Macht ist ehrenamtlicher Diakon im SR Jenbach-Münster-Wiesing und Gemeindeberater in der Diözese Innsbruck.
Jetzt die KIRCHENZEITUNG 4 Wochen lang kostenlos kennen lernen. Abo endet automatisch. >>