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Interview mit Bischof Kräutler zur Corona-Pandemie in Brasilien

Indigene kämpfen um ihr Überleben

Weltkirche

Bischof Erwin Kräutler erlebt in Altamira die Coronakatastrophe hautnah mit. Das Virus wütet nicht nur in den Städten, sondern auch in den Dörfern Amazoniens.

Ausgabe: 20/2021
18.05.2021
- Interview: Wolfgang Heindl (SEI SO FREI), Ingrid Burgstaller (Rupertusblatt)
Der gebürtige Vorarlberger Erwin Kräutler (81) unterstützt Menschen vor Ort.
Der gebürtige Vorarlberger Erwin Kräutler (81) unterstützt Menschen vor Ort.
© SEI SO FREI

Brasilien verzeichnet mit mehr als 400.000 Coronatoten die weltweit zweithöchste Zahl an Pandemieopfern nach den USA. Wobei der in Vorarlberg geborene emeritierte Amazonas-Bischof unterstreicht, dass die indigenen Völker nicht nur mit einer Pandemie zu kämpfen haben. 

 

In Europa erhalten wir immer wieder dramatische Nachrichten aus Brasilien. Zwar sinken die Coronainfektionen langsam, dennoch war der April der bisher tödlichste Monat. Wie stark betroffen sind Altamira und die Region? 
Bischof Erwin Kräutler:
Inzwischen gibt es über 430.000 Coronatote in Brasilien. Die Region Xingu, die Transamazônica und Altamira sind immer noch in der roten Zone. Jeden Tag sterben Leute, die ich gekannt habe. Die Ärzte und das Krankenpersonal tun ihr Möglichstes. Die Spitäler und die wenigen Intensivstationen sind voll. Die Situation ist nach wie vor Besorgnis erregend. 


Wie ist die Situation der indigenen Völker in Amazonien?      
Kräutler:
Die indigenen Völker sind auch nicht vom Virus verschont. Aber es gibt nicht nur Covid-19, sondern auch die Invasionen von Seiten der Goldschürfer und illegalen Holzfäller, die mit der Regierung Bolsonaro arg zugenommen haben, sind für die Indigenen genauso folgenschwer wie die Corona-Pandemie. Die Regierung schaut mehr oder weniger tatenlos zu. Bolsonaro versprach schon während seines Wahlkampfes, für die Indigenen keinen Quadratmeter Land zu demarkieren. Dazu kommt jetzt, dass viele Abgeordnete und Senatoren im Nationalkongress unter Einfluss von Bolsonaro die Artikel 231 und 232 in der Grundverfassung abändern wollen. Diese Artikel garantieren die angestammten Gebiete der indigenen Völker. Tür und Tor soll für Großunternehmen, Bergwerksgesellschaften, Goldsucher und Holzfirmen geöffnet werden. Um Gegenreaktionen zu vermeiden schlägt der Finanzminister gleich entsprechende Vorsichtsmaßnahmen oder Auflagen vor, die solche Unternehmen zu berücksichtigen hätten, um die Indigenen nicht zu benachteiligen. Aber wer in Brasilien und auf dieser Welt glaubt daran, dass solche Vorschriften tatsächlich eingehalten werden? Die indigenen Gebiete sind fast alle weit weg von den größeren Städten des Landes. Also ist eine entsprechende Kontrolle praktisch illusorisch. Jede dieser Firmen wird tun und lassen was sie will, ohne für die Missachtung von Auflagen belangt zu werden. Eine Abänderung der Indigenen-Artikel in der Verfassung zugunsten wirtschaftlicher Interessen kommt bereits einem Genozid gleich. Die nur teilweise Aberkennung oder Freigabe des angestammten Landes ist ein Dolchstoß ins Herz dieser Völker, die nur in ihrer Mit-Welt Überlebenschancen haben.   

 

Wie sieht es aktuell im Haus für Mutter und Kind in Altamira aus? Können auch in der Coronapandemie Schwangere hier unterkommen?    
Kräutler:
Wir können während dieser Pandemie nur wenige Frauen aufnehmen und dies selbstverständlich auch nur unter den vorgeschriebenen Schutzmaßnahmen wie Maske, Sicherheitsabstand und Hygienevorschriften. Dennoch, wenn Frauen aus dem Hinterland hierherkommen, finden sie keine verschlossenen Türen. Das gilt genauso für das Refúgio, die von uns betreute Unterkunft für Kranke, die aus ländlichen Gebieten zur ambulanten ärztlichen Behandlung nach Altamira kommen und in der Stadt keine Familie haben, die sie aufnehmen und betreuen könnte. Hier erhalten diese Menschen Verpflegung und Hilfeleistungen, wie zum Beispiel die Begleitung zum Arzt und ins Krankenhaus oder die Verabreichung von Medikamenten und Injektionen. Wir nehmen alle Vorsichtsmaßnahmen sehr ernst. Bis jetzt ist nichts passiert, keine schwangere Frau ist erkrankt oder positiv getestet worden.


Die Impfung gilt als Ausweg aus der Krise. Wie ist es um die Impfbereitschaft der Menschen in Brasilien bestellt?
Kräutler:
Die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, ist sehr groß. Leider kursieren aber auch immer wieder Fake News, die die Impfung verteufeln, sodass manche ängstlich werden. Ich habe am 1. Mai bereits die zweite Impf-Dosis erhalten und nützte die Gelegenheit, per Video die Leute zu bitten, sich unbedingt impfen zu lassen, um gegen das Virus immun zu werden. Es fehlt bisher, Gott sei Dank, am Xingu und in Altamira nicht an Impfstoffen: Coronavac und AstraZeneca. Aber über uns allen schwebt die bange Frage, ob alle, die bis jetzt die erste Impf-Dosis erhalten haben, auch wirklich Zugang zur zweiten haben. Das Fernsehen berichtet laufend, dass in verschiedenen Städten immer wieder der Impfstoff fehlt. Wer die zweite Dosis bereits erhalten hat, dankt dem lieben Gott und dem SUS – Brasiliens öffentlichem Gesundheitssystem. 

 

Präsident Jair Bolsonaro ist mit seiner Coronapolitik sehr bedenklich unterwegs ...    
Kräutler:
Bolsonaro hat seit Beginn der Pandemie bei allen möglichen Gelegenheiten das Virus bagatellisiert und bei Fernsehauftritten Covid-19 als harmlose Grippe heruntergespielt. Demonstrativ weigerte er sich, Maske zu tragen und den Sicherheitsabstand einzuhalten. Den Schaden, den er mit seinen Auftritten anrichtete, mussten Tausende mit dem Leben bezahlen. Bleibt zu hoffen, dass der jetzt schon fünfte Gesundheitsminister seit Amtsantritt Bolsonaros, nun tatsächlich einen anderen Kurs einschlägt. Immerhin hat er bereits versprochen, alles zu tun, damit keine Impfstoffe fehlen und es in den Krankenhäusern keine Engpässe bei Sauerstoffflaschen und anderer zur Heilung der Krankheit notwendigen Arzneimitteln und Apparate gibt. 

 

Papst Franziskus hat die Bischöfe Brasiliens ermutigt, positiv auf die Politik des Landes einzuwirken. Die Bischofskonferenz hat Kritik geübt. Kommt das bei der Regierung an?   
Kräutler:
Die Bischofskonferenz und der Bischöfliche Rat für Indigene Völker haben sich immer wieder zu Wort gemeldet und von der Regierung entsprechende politische Maßnahmen gefordert, um das Virus einzudämmen und den Millionen Menschen, die aufgrund der Pandemie arbeitslos geworden sind und sogar Hunger leiden, Hilfe anzubieten. Das ist seitens der Regierung bisher nur in geringem Maß passiert. Tausende Familien sind auf karitative Einrichtungen und Kampagnen angewiesen, die mit Lebensmittelkörben wenigstens das Allernotwendigste fürs Leben bereitstellen. Am meisten leiden die Kinder unter dieser Katastrophe. Bolsonaro schert sich allerdings wenig oder überhaupt nicht um das, was die Bischöfe sagen. Er ist von seinem Kurs voll überzeugt und hält seine Politik als die einzig richtige zum Heil Brasiliens. Sein zweiter Name ist „Messias“ und als solcher fühlt und gibt er sich. Wer anderer Meinung ist, wird als Feind Brasiliens und der Regierung als linkslastig und „Kommunist“ eingestuft. Zurzeit läuft im Senat eine parlamentarische Untersuchungskommission, die erforscht, inwieweit Bolsonaro für die Ausbreitung und mangelnde Bekämpfung der Pandemie mitverantwortlich ist.

 

Sie haben vor einiger Zeit gesagt, Sie erleben die Pandemie als Eremit. Wie geht es Ihnen heute? 
Kräutler:
Vielleicht war diese meine Aussage, als Eremit zu leben, etwas überzogen, denn ich lebe im Diözesanhaus und bin da nicht vollkommen allein. Mein Nachfolger und drei Patres, die in Altamira ihren Dienst tun, haben hier ihren Wohnsitz. Alle erfüllen wir die Corona-Schutzvorschriften. Dennoch, im Vergleich zu früher, lebe ich nun sehr zurückgezogen. Ich vermisse unendlich den persönlichen Kontakt mit dem Volk. Jeder Tag gleicht seit mehr als einem Jahr dem anderen. Zelebriere täglich mit drei Schwestern, im kleinsten Kreis. Der Sonntagsgottesdienst wird via Facebook übertragen und die Anzahl der virtuellen Teilnehmer ist beachtlich. Ich habe viel Zeit für Gebet und Meditation und denke nach, wie wir die Amazonien-Synode und Beschlüsse der Bischofskonferenz in konkretes Handeln mit und unter unserem Volk umsetzen können. Als Vorsitzender des Panamazonischen Kirchlichen Netzwerks REPAM in Brasilien nehme ich an vielen Online-Sitzungen teil und bin auch immer wieder zu Live-Sendungen via Internet eingeladen.  «

 

 

- Hintergrund: Sei So Frei ist die entwicklungspolitische Organisation der Katholischen Männerbewegung. Die Verbindung zu Bischof Erwin Kräutler besteht seit vielen Jahren. Sei So Frei unterstützt den em. Amazonas-Bischof in seinem Einsatz für die Menschen vor Ort. So ist z. B. das Haus für Mutter und Kind in Altamira mit Hilfe von Sei So Frei weiter ein Ort der Hoffnung für Schwangere. Gerade in Pandemie-Zeiten ist die Hilfe aus Österreich überlebenswichtig. Weitere Infos: www.seisofrei.at 

 

 

Zum Bild 1: Der gebürtige Vorarlberger Erwin Kräutler (81) war von 1981 bis 2015 Bischof der Prälatur Xingu, der flächenmäßig größten Diözese Brasiliens. Derzeit ist er Vorsitzender des Panamazonischen Kirchlichen Netzwerks REPAM in Brasilien und unterstützt Menschen vor Ort. 

Das Virus wütet auch in den Dörfern Amazoniens.
Das Virus wütet auch in den Dörfern Amazoniens.
© SEI SO FREI
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