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Die Ho gehören zu den ältesten Volksgruppen Indiens. Ihr Leben ist eng mit dem Wald verbunden, der ihre Dörfer umgibt. Doch der Wald ist am Schwinden. Denn die Bodenschätze, die darunter lagern, versprechen großen Profit. Im Namen der Entwicklung wird Wald großflächig gerodet, den Preis dafür zahlen die Ho – oft mit ihrem Leben.

Ausgabe: 10/2020
03.03.2020
- Monika Slouk
Beim Erntedankfest tanzen die Ho. Doch immer öfter werden sie von ihrem Land vertrieben.
Beim Erntedankfest tanzen die Ho. Doch immer öfter werden sie von ihrem Land vertrieben.
© kfb/wallensteiner

Wenn Ajitha George vom Leben der Ho erzählt, leuchten ihre Augen. Die studierte Ziviltechnikerin kommt aus einer gutsituierten Familie im südindischen Kerala. Bereits nach dem Studienabschluss vor über 30 Jahren entschied sie sich, aus der Großstadt aufs Land zu ziehen und sich für die Entwicklung der Landwirtschaft einzusetzen. So lernte sie ihren Mann, einen politischen Aktivisten, kennen. Mit ihm ging sie nach Jharkhand, 2.000 Kilometer von ihrer Heimat entfernt. Hier im Nordosten Indiens kam sie mit der Volksgruppe der Ho in Berührung und war fasziniert von deren Lebensart. „Die Menschen in den Dörfern sind sehr eng miteinander verbunden. Wenn jemand krank ist, kümmert sich das ganze Dorf darum.“ Eine tiefe Verbindung zur Natur zeigt sich in der Spiritualität der Ho. Ihre Feste richten sich nach dem Kreislauf der Natur. Das wichtigste Fest ist das Erntedankfest, es dauert drei Tage und Nächte. Zum Festbeginn zieht der Ho-Priester mit einer Gruppe von Männern zum heiligen Bereich außerhalb des Dorfes, in dessen Bäumen nach dem Glauben der Ho die Geister der Ahnen wohnen. Dort wird den Ahnen Reisbier gegeben, dann beginnen die Frauen um den Priester zu tanzen, bis nach und nach alle tanzen. Ajitha George bedauert, dass die Ho ihre eigene Kultur geringschätzen und es als Fortschritt verstehen, anderen Kulturen nachzueifern. „Früher hat Trommelmusik die Feste begleitet, aber immer weniger junge Menschen lernen trommeln. Die Musik kommt nun aus dem Lautsprecher, und zwar Tag und Nacht während der Festtage. Dabei kann niemand schlafen. Die Trommelmusik war anders.“ Was Ajitha George an der traditionellen Kultur der Ho auch sehr schätzt, ist die respektvolle Art, mit Kindern umzugehen. Und der respektvolle Ton zwischen Männern und Frauen. „In den christlich und hinduistisch geprägten Kulturen können wir viel lernen von den Ho“, meint sie. „Unsere Kulturen sind wesentlich patriarchaler als die der Ho.“


Bodenschätze als Gefahr

In den Bergen, in denen die Ho leben, gibt es reiche Bodenschätze. Vor allem Kohle, aber auch Kupfer, Uran und viele andere. Bergbau gab es in der Region bereits vor 100 Jahren. Aber seit etwa 20 Jahren kommen mit Unterstützung der Regierung immer mehr große Firmen, internationale wie indische, um die Rohstoffe im Tagbau zu gewinnen. Das bedeutet zunächst, dass der Wald gerodet werden muss, der den Lebensraum der Ho darstellt. Die riesigen Tagbauflächen bringen außerdem viel Schmutz und Staub, Schlamm und verschmutztes Wasser in die Umgebung. Viele Ho verlieren ihre Lebensgrundlage, wandern an die Ränder der Großstädte ab, an denen sie ohne Schulbildung keine Lebensperspektiven haben. Doch sie beginnen auch, ihren Lebensraum zu schützen, indem sie Blockaden organisieren und Widerstand leisten.


Schlecht für die Gesundheit

Früchte und Nüsse sowie medizinische Pflanzen, die die Ho im Wald und in der Umgebung sammelten, waren wertvolle Nahrungsbestandteile. Heute leiden viele unter Mangelernährung, besonders bei Frauen spielt der Eisenmangel eine große Rolle. „Die Regierung sieht die Bodenschätze in Jharkhand als Motor für wirtschaftliche Entwicklung“, sagt Ajitha George. „Doch die Ho zahlen mit ihrem Leben dafür.“ Nicht zufällig erinnern diese Geschichten stark an die Zustände, die Papst Franziskus erst unlängst in „Querida Amazonia“ anprangerte, obwohl Jharkhand in einem ganz anderen Teil der Erde liegt als Amazonien. „Dieselben Muster der Ausbeutung von Menschen und Natur wirken in allen Erdteilen“, beklagt Ajitha George, „und die damit verbundene Klimaerwärmung betrifft uns alle.“


Selbstbewusst

Im Projekt BIRSA setzt sich Ajitha George als Generalsekretärin dafür ein, dass die Ho ihr Leben leben können. Die Wertschätzung der eigenen Kultur spielt dabei eine entscheidende Rolle. „Die Ho wissen viel über Kräutermedizin, aber sie verwenden dieses Wissen kaum. Wir organisieren Kurse, damit ihr Wissen nicht in Vergessenheit gerät.“ Frauen lernen, wie sie Krankheiten vorbeugen und Geburtensterblichkeit verringern können. „Wir schaffen Orte, an denen sich Frauen austauschen – über Probleme des Alltags und der Gesellschaft.“ Wenn Menschen miteinander reden, kann das der erste Schritt zu einer Lösung sein, ist Ajitha George überzeugt. Und sie wünscht sich, dass möglichst viele von der Lebensart der Ho lernen, die die Welt nicht ausbeutet. „Im Kreislauf der Natur liegt ein Nehmen und ein Geben. Diese Lebensart kann die Welt retten.“

Ajitha George will, dass die Ho überleben.
Ajitha George will, dass die Ho überleben.
© slouk
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Reinhard Macht ist ehrenamtlicher Diakon im SR Jenbach-Münster-Wiesing und Gemeindeberater in der Diözese Innsbruck.

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