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Ökumenische Sommerakademie 2023: Das Salz muss salzig bleiben

KIRCHE_OÖ

Europa wird säkularer, die Christ:innen werden weniger.
Wie können sie unter diesen Umständen Jesu Anspruch erfüllen,
„Salz der Erde“ zu sein, fragte vergangene Woche die 
24. Ökumenische Sommerakademie 2023 im Stift Kremsmünster.

Ausgabe: 29/2023
18.07.2023
- Heinz Niederleitner
Die Plastiken aus dem Kaisersaal im Stift Kremsmünster zeigen symbolhaft Kirche und Staat.
Die Plastiken aus dem Kaisersaal im Stift Kremsmünster zeigen symbolhaft Kirche und Staat.
© Niederleitner/Kiz

Am Anfang standen aufrüttelnde Zahlen. Thomas Petersen vom Institut für Demoskopie in Allensbach präsentierte (deutsche, aber auch für Österreich relevante) Umfragedaten: Im Langzeitvergleich schmilzt der konkrete christliche Glaube in der Bevölkerung – und das sogar stärker, als es der Rückgang der Kirchenmitglieder vermuten lässt, da auch der Glaube unter den Kirchenmitgliedern nachlässt.

 

Was bleibt, ist ein Kulturchristentum. Provokant war die These Petersens aus Sicht des Marktforschers, die Kirchen sollten sich auf das „Heil der Seelen“, konzentrieren und nicht einer quasireligiösen Klima- und Umweltschutzbewegung zuarbeiten, denn die mache den Kirchen Konkurrenz.

 

STABILITÄT IM RECHT

Fast schon erleichternd wirkte vor diesem Hintergrund der Vortrag von Rechtsprofessor Herbert Kalb von der Kepler-Uni Linz: Er zeigte, dass bei aller weltanschaulichen Neutralität des Staates in Österreich nach wie vor das Kooperationsmodell in der Beziehung zu den Kirchen vorherrscht – und dass dieses auch durch höchstrichterliche Entscheidungen gestützt werde. Als Beispiel nannte er die Debatte um Kreuze an den Schulen. Stand der Rechtsprechung ist demnach, dass nicht religiöse Symbole an sich das Problem sind (und sie daher auch nicht verboten werden müssen), solange sie nicht indoktrinieren. Das tut ein Kreuz an einer Schulwand nicht.

 

Einen Kontrapunkt zu den Ausführungen von Herbert Kalb am Anfang der Akademie bot Peter Krömer gegen Ende. Der Rechtanwalt war bis 1. Juli Präsident der Evangelischen Synode AB und HB in Österreich. Durch die Gleichbehandlungsrahmenrichtlinie der EU ergeben sich laut Krömer gewisse Einschränkungen der Religionsfreiheit. Die Datenschutzgrundverordnung habe die Möglichkeit der Minderheitenkirchen in der Krankenhausseelsorge stark eingeschränkt, da keine Informationen über eingelieferte Angehörige der Kirchen freigegeben würden.

 

Trotzdem sind die christlichen Kirchen gefordert, bei geringer werdender gesellschaftlicher Relevanz den Auftrag, „Salz der Erde“ zu sein, zu erfüllen: Elisabeth Birnbaum, Direktorin des Österreichischen Katholischen Bibelwerks, entschlüsselte das Salz-Wort der Bergpredigt so, dass die Kirchen in einem Spannungsverhältnis stehen: Sie stehen der Erde gegenüber und sind doch Bestandteil dieser Erde.

 

Eine Frage, die Birnbaum aufwarf, lautete: Wenn eine Gesellschaft ohne Kirchen nichts mehr vermissen würde, haben die Kirchen dann aufgehört, Salz zu sein? Mit Hinweis auf das Zweite Vatikanische Konzil zeigte sie auf, dass sich die Kirche nicht aus Fragen der Welt (und da gehört der Umwelt- und Klimaschutz deutlich dazu) heraushalten kann.

 

ANDERE PERSPEKTIVE

Doch wie ist die Lage der Kirchen in Serbien, einem Staat, in dem nach dem Ende des Kommunismus der Kirchenbesuch gestiegen ist? Der orthodoxe Theologe Rade Kisić aus Belgrad berichtete, dass die Kirchen dort zwar mehr in die Öffentlichkeit gerückt sind, ihre Stellung in der Gesellschaft und gegenüber dem säkularen Staat aber nach wie vor nicht festgelegt ist. Als Beispiel nannte er die Frage des Religionsunterrichts.

 

Allerdings sei der Weg der Säkularisierung in Serbien ein anderer als in Österreich oder Deutschland: Während der Jahrhunderte der osmanischen Herrschaft gab es nur die serbisch-orthodoxe Kirche als Trägerin serbisch-kultureller Identität. Daraus erwuchs eine gesellschaftliche Sonderrolle der Kirche.

 

In Österreich sind die Religionsgemeinschaften – auch wegen der genannten Kooperation – dem Staat bei außergewöhnlichen Anforderungen recht, etwa wenn es um eine gemeinsame Gedenk- und Erinnerungsliturgie geht. Isabella Bruckner, Professorin an der Benediktinerhochschule Sant‘Anselmo in Rom, beleuchtete multireligiöse Gedenkfeiern, einerseits im Stephansdom nach dem Terroranschlag von Wien 2020 und andererseits in Linz für die Opfer der Coronapandemie 2021. Dabei würden sich Fragen nach gemeinsamen Zeichen stellen, die nicht nur innerreligiös, sondern auch in der säkularen Welt verstanden werden.

 

Bruckner betonte, dass es der Kultur (Musik, Tanz) bei solchen Feiern zukommen kann, auch nichtreligiöse Sinnsysteme zu repräsentieren. Der religiöse Ritus als nicht allein rationale, sondern auch emotionale Komponente stellt dem Staat bei solchen Anlässen eine Dimension zur Verfügung, die er im österreichischen Kontext nicht selbst herstellen kann (in Frankreich mit seiner „Zivilreligion“ mag dies anders sein).

 

VERNETZUNG MIT ANDEREN

Auf eine andere Möglichkeit der Kirchen, trotz des Schrumpfens gesellschaftlich wirksam zu bleiben, verwies Gerti Rohrmoser, Direktorin der Evangelischen Frauenarbeit in Österreich, nämlich Vernetzung mit nichtkirchlichen Akteuren der Zivilgesellschaft. Sie berichtete über die Zusammenarbeit ihrer Organisation im Österreichischen Frauenring, auf der Plattform für Alleinerziehende, bei Fairtrade, in der Armutskonferenz und bei „Fair sorgen!“. Kooperationen würden stets daraufhin geprüft, ob diese mit den eigenen Werten vertretbar seien. Grundsätzlich aber dürfte man sich ihnen nicht verschließen.

 

Zum Schluss der Sommerakademie wurde die Beziehung zwischen Kirche, Gesellschaft und Politik auf europäischer Ebene in den Blick genommen. Der frühere EU-Kommissar Franz Fischler betonte, die EU sei kein genuin christliches Projekt. Neben Christentum und in geringerem Maße Judentum und Islam hätte die Aufklärung die EU am stärksten geprägt. Religionen und weltanschauliche Gruppen würden von den EU-Institutionen durch einen strukturierten Dialog sehr ernst genommen, aber sie würden keine Vorrangstellung genießen.

 

Eine andere Perspektive sei es, wenn man nach der „Seele Europas“ frage. Es sei rasch klar geworden, dass eine Beschränkung auf Sicherheits- und Wirtschaftspolitik am Anfang der europäischen Integration eine Lücke hinterlassen habe. Fischler nannte eine Reihe von Initiativen, die diese Lücke füllen sollen, sagte aber auch, es gebe noch „Luft nach oben“. „Die Seele Europas ist noch ein zarter Hauch, kein Pneuma, kein geistiger Sturm.“

 

Schon 2014 habe Papst Franziskus gewarnt, dass Europa seine Seele verliere. Dabei gebe es gerade jetzt große Herausforderungen und Zeitknappheit, sagte der frühere EU-Kommissar. Er nannte unter anderem Sicherheits- und Nachbarschaftspolitik, Bekämpfung der Klimakrise, Einsatz für Biodiversität, humanen Umgang mit Flüchtlingen und Gendergerechtigkeit. 

 

Ladislav Német, katholischer Erzbischof von Belgrad und Vizepräsident des Rats der Europäischen Bischofskonferenzen, schilderte die Aufs und Abs der Kirche in der Vergangenheit. Der Verlust des Kirchenstaats in Italien im 19. Jahrhundert sei ein Segen gewesen, weil sich die katholische Kirche auf das Miteinander in der Welt konzentrieren konnte, was sich in Friedensinitiativen und Förderung der Menschenrechte zeige. Als Zukunftsthemen nannte Német Dialog, Frauen und Ökologie.

 

ÖKUMENE

Bischof Andrej Ćilerdžić von der serbisch-orthodoxen Kirche in Österreich, der Schweiz und Italien berichtete unter anderem von heilsamen Kontakten zwischen der serbisch-orthodoxen Kirche, Kardinal Schönborn und sogar Vertretern der NATO nach dem NATO-Bombardement auf Belgrad 1999. Das verdeutliche die Wichtigkeit der ökumenischen Beziehungen.

 

Insgesamt zeigte sich bei der Sommerakademie, dass eine völlige Konzentration der Kirchen auf die „Rettung der Seelen“ bei gleichzeitiger Vernachlässigung der diesseitigen Welt nicht christlich im eigentlichen Sinn sein kann – weil sie dem Auftrag, „Salz der Erde“ zu sein, nicht gerecht würden. Da das Reich Gottes schon im Jetzt anbrechen soll, kommen Christ:innen um das Wirken in dieser Welt nicht herum. Dabei mag der Ansatz helfen, den Bischof Manfred Scheuer beim abschließenden Gottesdienst nahelegte: auch das Gute sehen, das da ist.    

 

Die Plastiken aus dem Kaisersaal im Stift Kremsmünster zeigen symbolhaft Kirche und Staat.
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