Lukas Pallitsch, Dr., PhD, ist Universitätsassistent (post-doc) am Institut für Religionspädagogik und Katechetik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien sowie Beauftragter der Diözese Eisenstadt für den christlich-jüdischen
Sie waren einige Jahre ausschließlich als Kabarettist unterwegs und sind dann wieder an die Schule zurückgekehrt. Aus welchem Grund?
Stefan Haider: Natürlich hat auch das regelmäßige Einkommen eine Rolle gespielt – das muss man ehrlich sagen. Vor allem aber hat mir das Unterrichten gefehlt. Die Begegnungen mit jungen Menschen und die Gespräche mit ihnen haben mir einfach etwas gegeben. Als ich nur als Kabarettist unterwegs war, hatte ich oft das Gefühl, dass mir der normale Alltag fehlt. Man steht auf, schreibt vielleicht etwas, fährt zum Auftritt. Mir hat aber das Bodenständige gefehlt. Deshalb bin ich sehr gern wieder an die Schule zurückgekehrt. Religion zu unterrichten, erfüllt mich bis heute.
Fließen Erlebnisse aus dem Schulunterricht manchmal auch in Ihre Kabarettprogramme ein?
Haider: Ja, natürlich. Manchmal übernehme ich Geschichten eins zu eins, manchmal verdichte ich sie ein bisschen. Es gibt Situationen in der Schule, da ist einfach klar, dass das eine Pointe ist. Dann frage ich die Schülerin oder den Schüler oft gleich: „Darf ich das auf der Bühne erzählen?“ Einmal hat sich zum Beispiel eine Schülerin mitten im Unterricht die Fingernägel lackiert. Sie saß da mit den Händen in der Luft, und ich dachte zuerst, sie bewegt sich zum Lied, das wir gerade gesungen haben. Erst als ich den Nagellack gerochen habe, habe ich gemerkt, was los ist. Oder wir haben über die Brotvermehrung gesprochen. Ich habe erklärt: „Jesus war kein Zauberer. Das Entscheidende ist das Teilen.“ Da schaut mich eine Schülerin an und fragt ganz ernst: „Umstylen? Für was?“ Da war sofort klar: Sie war gerade in einer ganz anderen Welt.
Welche Funktion hat Humor dabei für Sie?
Haider: Humor hilft, die eigenen Unzulänglichkeiten mit Gelassenheit zu sehen. Deshalb richte ich die Pointen auf der Kabarettbühne meist gegen mich selbst.
Sie bezeichnen sich als Kabarettisten, der vor allem mit Ironie arbeitet. Was meinen Sie damit?
Haider: Ich komme von innerhalb der katholischen Kirche als gläubiger Christ, der bewusst katholisch leben möchte. Deshalb arbeite ich lieber mit Ironie als mit Satire. Satire will ihr Ziel oft verändern oder angreifen, Ironie nimmt etwas an und spielt humorvoll damit. So verstehe ich auch mein Kabarett.
Über Religionslehrer gibt es viele Klischees und Sie spielen auf der Bühne auch gerne damit. Welches ist Ihr persönliches Lieblingsklischee?
Haider: So dieser leicht weltfremde, übertrieben fromme Religionslehrer mit null Autorität, der allen Schülerinnen und Schülern mit grenzenlosem Wohlwollen begegnet und wirklich nur das Beste für sie will. Und dann grandios scheitert, weil er die menschliche Realität – dass Menschen eben nicht immer vernünftig, brav und kooperativ sind – in seiner Planung ein bisschen unterschätzt.
Mit welcher Haltung gehen Sie in eine Klasse?
Haider: Als Kind wollte ich eine Zeit lang Löwendompteur werden. Das erschien mir völlig realistisch. Schließlich war ich jedes Jahr im Zirkus. Im Nachhinein denke ich mir: Eigentlich ist das gar nicht so weit weg vom Lehrerberuf. Man steht einer wilden Meute gegenüber, die einem körperlich und zahlenmäßig überlegen ist, und muss sie davon überzeugen, dass man die Situation im Griff hat. Dieses Prinzip hat mir als Religionslehrer erstaunlich gute Dienste geleistet. Der beste Weg ist ein autoritativer Erziehungsstil: viel Wertschätzung, aber auch klare Regeln und Führung.
Was gehört zum Alltag eines Schuldirektors, das Außenstehende oft unterschätzen?
Haider: Viele unterschätzen den „Mental Load“, der mit der Schulleitung verbunden ist. Es gibt ständig etwas zu organisieren: Das alte Schuljahr muss sauber abgeschlossen, das neue vorbereitet werden. Es gibt unzählige organisatorische Aufgaben: von Zeugnissen über Personalfragen bis hin zur Berücksichtigung neuer Entwicklungen wie etwa der künstlichen Intelligenz. Gleichzeitig geht es nicht nur darum, den Betrieb am Laufen zu halten, sondern auch die Schule strategisch weiterzuentwickeln. Gute Schulleitung heißt aber einfach auch, Menschen zu begleiten. Das alles zusammen ist ein gut ausgefüllter Vollzeitjob.
Wieso geben Sie Ihren Schüler:innen im Normalfall immer einen Einser in Religion?
Haider: Meine Schülerinnen und Schüler sind in vielen Fächern enorm gefordert. Religion muss für mich kein weiteres Selektionsfach sein. Entscheidend ist eine gute persönliche Beziehung, denn ohne die gelingt gerade im Religionsunterricht wenig. Ein Sehr gut gibt es nicht geschenkt, aber es ist bewusst leicht erreichbar. Wer mitarbeitet, sich einbringt und etwa beim gemeinsamen Singen mitmacht, erfüllt die Voraussetzungen. Dazu stehe ich, denn Leistungsdruck erleben die Jugendlichen in anderen Fächern mehr als genug.
Sie haben einmal in einem Interview erzählt: Je älter ich werde, desto leichter ist es, katholisch zu sein. Was verstehen Sie darunter?
Haider: Vor allem als junger Mensch habe ich viel mit meinem Glauben gerungen. Der katholische Glaube stellt an vielen Stellen Ansprüche, die nicht immer leicht anzunehmen sind. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der es fast selbstverständlich war, Autoritäten und Traditionen kritisch zu hinterfragen. Entsprechend habe auch ich vieles infrage gestellt. Mit den Jahren habe ich aber gemerkt, dass der Glaube Orientierung gibt und nicht bloß Regeln aufstellt. Ich würde sagen: Erst gegen Ende meiner Dreißiger bin ich wirklich ins Katholischsein hineingewachsen. Seitdem fällt es mir deutlich leichter.
Wieso gerade mit Ende dreißig?
Haider: Mit Ende dreissig hatte ich zum ersten Mal das Gefühl: Das ist wirklich mein Leben. Davor war vieles ein Kampf, vor allem beruflich. Ich wollte vom Kabarett allein leben, musste aber akzeptieren, dass dieser Weg für mich nicht der richtige war. Als ich diesen Anspruch loslassen konnte und meinen eigenen Weg angenommen habe, bin ich innerlich ruhiger geworden. Heute erlebe ich, dass das, was ich mache – als Schulleiter, Religionslehrer und Kabarettist – wirklich zu mir passt. Das hat auch meinen Glauben verändert und vertieft.
Was schätzen Sie an der katholischen Kirche?
Haider: Ich schätze an ihr, dass sie die Botschaft Jesu seit über 2.000 Jahren weiterträgt. Trotz aller Fehler und Krisen hat sie den Zugang zu Gott offengehalten und jeder Generation neu eröffnet.
Unsere Interviewreihe heißt „Sommerfrisch“ und dreht sich um die Leichtigkeit des Lebens. Was macht Ihr Leben derzeit leicht?
Haider: Ich habe einen vierjährigen Sohn. Wenn ich nach Hause komme, gehört die Zeit ihm. Gemeinsam Rad fahren, unterwegs sein und ihm die Welt erklären – genau das macht mein Leben leicht und schön.
Und was hilft Ihnen persönlich jetzt in schwierigen Zeiten zuversichtlich zu bleiben?
Haider: Mir hilft der Glaube, dass alles von Gott kommt, auf ihn hinführt und von ihm getragen ist. Darauf vertraue ich. Deshalb gehe ich, wenn möglich, jeden Morgen in die Kirche und bringe dort alles hin, was mich gerade belastet.
Zum Schluss noch die große Frage: Worum soll es im Leben eigentlich gehen?
Haider: Wir sind auf der Erde, um Gott zu erkennen und zu lieben, nach seinem Willen das Gute zu tun und eines Tages in den Himmel zu kommen. Das ist die beste Antwort, die ich kenne. Wer nach dem Sinn des Lebens sucht, sollte sich dieser Frage ehrlich stellen – und sich auf die Suche machen, statt nur nach dem zu fragen, was gerade angenehm ist.
mit Stefan Haider
Stefan Haider, geboren 1972, stammt aus Knittelfeld und studierte Theologie in Graz.
Seit 1998 ist er Religionslehrer, seit 2021 Direktor der BAfEP und Modeschule Wiener Neustadt.
Parallel zu seiner Tätigkeit als Religionslehrer etablierte er sich auf Österreichs Kabarettbühnen. Zahlreiche Soloprogramme, rund 2.000 Auftritte und TV-Produktionen für ORF, ServusTV und WDR zeugen von seiner langjährigen Präsenz in der Kabarettszene.

Lukas Pallitsch, Dr., PhD, ist Universitätsassistent (post-doc) am Institut für Religionspädagogik und Katechetik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien sowie Beauftragter der Diözese Eisenstadt für den christlich-jüdischen
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