Hannah Bilgeri MA ist Pastoralassistentin in Ausbildung in der Pfarre Bruder Klaus in Dornbirn Schoren.
„Wir haben es nicht geschafft, sie zum Glauben zu bringen“, klagt Erika, obwohl alle ihre elf Enkel getauft worden sind. „Was ist da eigentlich passiert?“, fragt sie sich. Ihr geht es wie vielen anderen Eltern und Großeltern, die sich fragen, ob sie etwas falsch gemacht haben. Ob es an ihnen liegt, dass ihre Kinder oder Enkel religiös andere Wege gehen als sie. Ich möchte Mut machen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und miteinander darüber zu sprechen, so schwierig das ist oder sein kann.
Die Frage „Enkel ohne Gott?“ kann nicht ohne Bezug zur augenblicklichen religiösen und kirchlichen Großwetterlage und Situation angemessen beantwortet werden. Es ist unübersehbar: Religion befindet sich in unseren Breiten auf dem Rückzug, die Kirche in einem rasanten Absturz. Die einen verlassen die Kirche, andere haben von vorneherein kein Interesse an ihr oder am Glauben. Die Gruppe der Personen, denen Religion, Spiritualität, Kirche gleichgültig sind und denen offenbar nichts fehlt, wo Gott fehlt, nimmt zu. Unter ihnen befinden sich auch immer häufiger Kinder und Enkel von Großeltern, denen ihr Glaube und ihre Zugehörigkeit zu einer Kirche weiterhin wichtig sind.
Dazu kommt: Das spirituelle Angebot wird nicht, wie das vielleicht früher der Fall war, wie selbstverständlich mit in die Wiege gelegt. Den Großeltern wurden durch die christliche Sozialisation noch Gemeinde, Glaubenswelt, religiöse Rituale in einem Paket serviert. Und: Das Copyright auf das, was Spiritualität meint, hat die Kirche längst verloren. Die Kirche ist nur eine Anbieterin unter vielen in Sachen Spiritualität – was auch immer unter Spiritualität verstanden wird.
Das aber heißt: Jugendliche haben heute mehr, als das früher der Fall war, die Chance, manchmal auch die Qual, selbst zu entscheiden, wie sie es mit Religion halten wollen, wenn das überhaupt eine Option für sie ist. Sind sie an Spiritualität interessiert und entscheiden sich für einen spirituellen Anbieter, dann nicht für einen, mit dem man „scheiße“ aussieht, wie laut einer Shell-Jugendstudie junge Menschen ihre Vorbehalte gegenüber der Kirche auf den Punkt bringen. Denken wir zum Beispiel an den Missbrauchsskandal und die weiterhin nicht vorhandene Gleichstellung von Frauen in der Kirche.
Die Entscheidung junger Leute gegen Kirche hängt weiter damit zusammen, dass sie Kirche oft nur von außen, in ihrer Außenwirkung kennen, damit aber nicht das erleben, was ihre Eltern oder Großeltern in ihrer Jugend als spirituell heimatstiftend in ihrer Gemeinde erlebt haben. Seien es schöne Erfahrungen als Ministrant:innen, bei gemeinsamen Zeltlagern, in begeisternden Jugendgottesdiensten, berührende und aufbauende Gottesdienste.
Großeltern sollten ihre Augen vor diesem Trend und diesen Tatsachen nicht verschließen und sie ernstnehmen. So traurig das für sie sein mag, es kann sie auch entlasten, zeigt es doch, dass es in der Regel nicht, zumindest aber nicht in erster Linie an ihnen liegt, wenn es mit dem Glauben in der Familie nicht so weitergeht, wie das in der Vergangenheit der Fall war.

Hannah Bilgeri MA ist Pastoralassistentin in Ausbildung in der Pfarre Bruder Klaus in Dornbirn Schoren.

Birgit Kubik, 268. Turmeremitin, berichtet von ihren Erfahrungen in der Türmerstube im Mariendom Linz. >>
Jetzt die KIRCHENZEITUNG 4 Wochen lang kostenlos kennen lernen. Abo endet automatisch. >>