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GESELLSCHAFT_SOZIALES

Frauengesundheit ist untrennbar mit gesellschaftlichen Rollenbildern und unbezahlter Sorgearbeit verknüpft. Elisabeth Zeindlinger von „mensch & arbeit“ plädiert im Interview für mehr Solidarität. 

Ausgabe: 29/2026
21.07.2026
- Andrea Mayer-Edoloeyi
Innehalten tut gut - doch nicht für alle Menschen ist das selbstverständlich möglich.
Innehalten tut gut - doch nicht für alle Menschen ist das selbstverständlich möglich.
© jd-photodesign / Adobe Stock

Warum hängen Frauengesundheit und unser Wirtschaftssystem so eng zusammen?
Elisabeth Zeindlinger: Unser kapitalistisches Wirtschaftssystem baut stark auf unbezahlter Sorgearbeit auf, die überwiegend von Frauen geleistet wird. Diese Arbeit bleibt oft unsichtbar und wird finanziell nicht oder zu wenig anerkannt. Gleichzeitig ist wirtschaftliche Sicherheit eine wichtige Voraussetzung für Gesundheit. Armut und ständiger finanzieller Druck erhöhen das Risiko, krank zu werden und zu bleiben.

 

Ein oft kritisierter Punkt beim Thema Frauengesundheit ist die Forschung. Warum wissen wir über den weiblichen Körper noch immer weniger?
Zeindlinger: Medizinische Tests wurden lange Zeit vor allem am klassischen Durchschnittsmann durchgeführt. Frauen wurden nicht mitgedacht. Dies ist nichts Neues, sondern wurde schon in den 1960er-Jahren thematisiert. 
Grundsätzlich geht es dabei um ein Sichtbarmachen von Frauen. Da hat sich vieles verbessert, aber es gibt sie noch, die geschlechtsspezifischen Unterschiede, die Gaps. Wenige Frauen in Leitungsfunktionen, die auch entscheiden und somit ihren Blickwinkel einbringen können.

 

Welche Rolle spielt die Psyche?
Zeindlinger: Je widerstandsfähiger, je resilienter eine Person ist, desto besser kommt sie mit Stress zurecht. Das wiederum wirkt sich positiv auf die körperliche Gesundheit aus. Auch Diagnosen psychischer Erkrankungen werden geschlechter-abhängig gelesen bzw. können sich unterschiedlich zeigen. Ein altes Beispiel ist die Hysterie. Aktuell wird z. B. viel über Autismus und ADHS bei Frauen und Mädchen aufgeklärt. 

 

Welche Auswirkungen haben Menstruation und Wechseljahre?
Zeindlinger:  Themen wie der Zyklus oder Endometriose werden oft noch viel zu wenig beachtet. Es gibt Krankheitsbilder wie die Prämenstruelle Dysphorische Störung (PMDS), die in ihrer Intensität fast wie eine Borderline-Störung wirken können, aber oft nicht als zyklusbedingt erkannt werden.
Auch die Wechseljahre sind eine tiefgreifende Umstellungsphase – ähnlich wie die Pubertät. Es ist eine Zeit, in der man Frauen nur empfehlen kann, bewusst  innezuhalten, um zu entscheiden, wie sie diese neue Lebensphase gestalten wollen.

 

In der Arbeitswelt klagen viele über Burnout und Mobbing. Wie hängen diese Phänomene mit den Strukturen unserer Gesellschaft zusammen?
Zeindlinger: Burnout wird oft nur mit der Erwerbsarbeit gekoppelt, aber tatsächlich spielen meist viele Faktoren gleichzeitig hinein, die nicht mehr ausgeglichen werden können – vor allem wenn das Mental Load zu viel wird. Damit ist die oft unsichtbare Denkarbeit gemeint, die mit dem Organisieren, Planen und ständigen Mitdenken für Familie, Haushalt oder Beruf verbunden ist. 
Zuviel wird es oft, wenn zur Erwerbsarbeit noch Betreuungspflichten dazukommen – sei es von alten, kranken oder jungen Menschen. Auch hier spielen gesellschaftliche Rollenbilder mit hinein. Es wird suggeriert, dass sich das alles locker ausgehen kann. 
Außerdem: Wer würde es sonst machen? Was würde es den Staat kosten, wenn die Frauen nicht einspringen würden? Der Mensch wird als Humankapital gesehen, das da ist, damit manche wirtschaftlichen Bereiche sowie wenige sich enorm bereichern. Wir müssen weg von diesem Wachstumsgedanken auf Kosten vieler – Frauen wie Männer. Es braucht ein Besinnen, auf das, was wir Menschen und wir als Gesellschaft tatsächlich benötigen, um allen ein gutes Leben zu ermöglichen.    

 

Was können Betroffene tun?
Zeindlinger: Wichtig ist die Frage: Was kann ich selbst ändern – und was nicht? Wenn die Grenzen ständig überschritten werden, ist es ratsam, die eigenen Erwartungen zu hinterfragen und sich Unterstützung zu suchen, beispielsweise durch Angebote wie das Mobbingtelefon von mensch & arbeit. Viele können aber aus finanziellen Gründen nicht einfach kündigen.

 

Sie betonen die Bedeutung des „Innehaltens“ ... 
Zeindlinger: Bewusst innezuhalten und den eigenen Weg zu reflektieren, ist wichtig – und es passt ja auch sehr gut zum christlichen Glauben. Gut, dass verschiedene kirchliche Initiativen Frauengesundheit immer mehr aufgreifen. Beim Innehalten geht darum zu reflektieren, ob der Weg, den man gerade geht, noch der richtige ist oder ob man nur noch „funktioniert“ und dem folgt, was gesellschaftlich erwartet wird. Es erfordert Mut, sich einzugestehen, dass man Unterstützung braucht und diese auch einzufordern.

 

Oft wird von Frauen erwartet, sich in der Gemeinschaft oder im Ehrenamt selbstlos zu engagieren. Welche Rolle spielen solche sozialen Erwartungshaltungen für die Belastung von Frauen?
Zeindlinger: Teil einer Gemeinschaft zu sein, sich gebraucht zu wissen und gemeinsam etwas zu bewegen, hat viel Positives, beugt Einsamkeit vor, hält soziale Netzwerke aufrecht, unterstützt Körper und Geist beim Aktivbeiben. 
Solange dies wirklich freiwillig geschieht. Wenn das Engagement in ein Muss, weil es erwartet wird und sich so gehört, abdriftet und es mehr Frust als Lust erzeugt, kann das schon auch gegenteilig spürbar werden. Auch hier sollte immer mal wieder überprüft werden, wozu ich denn noch mit voller Überzeugung Ja sage oder ob ich z. B. bei der nächsten Anfrage mal lieber keinen Kuchen backe.

 

Was raten Sie Frauen im Alltag?
Zeindlinger: Frauen sollten sich erlauben, Hilfe einzufordern – sei es bei Einkäufen oder Fahrten zum Arzt. Es geht um die Wechselwirkung zwischen dem „Ich“ und der Solidarität im „Wir“ und nicht um ein ständiges Vergleichen und Konkurrieren. Wir Frauen müssen früher aussprechen, was wir brauchen, bevor wir völlig erschöpft sind. Auch kleine Schritte, wie der Austausch untereinander in kleinen, solidarischen Zellen sind wichtig, um dem großen Strom der Erschöpfung etwas entgegenzusetzen.

 

Bildtext zu lang :-)

 

Elisabeth Zeindlinger ist Referentin bei mensch & arbeit / KAB der Diözese Linz. Die studierte Kulturanthropologin  ist Psychotherapeutin i. A. u. S. 
Unlängst hat sie gemeinsam mit Kolleg:innen aus Deutschland, Südtirol und Österreich die Europäische Frauensommerakademie „Aufrecht statt Gerädert - Frauengesundheit im Blick“ vorbereitet, die im Juni im Ruhrgebiet stattfand. 

© Elisabeth Zeindlinger
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