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Es gibt diese These: Wenn das Elend schlimm genug ist und man den Klimawandel wirklich spürt, dann sind vielleicht mehr Leute bereit, etwas zu tun. Ist das so?
Georg Spiekermann: Viele haben den Klimawandel lange geleugnet oder verharmlost. Jetzt, wo die Folgen immer spürbarer werden, braucht es Zeit, bis manche ihre Haltung ändern. Ein breiter Meinungswandel ist noch nicht da, aber ich halte ihn in den nächsten vier bis fünf Jahren für durchaus möglich.
Norbert Ellinger: Ich sehe bereits einen Strategiewechsel bei denen, die Gegenwind machen: Der Klimawandel wird kaum noch geleugnet, weil das immer schwieriger wird. Stattdessen werden alte Argumente wie „Klimawandel hat es schon immer gegeben“ heute umso vehementer vorgebracht.
Was man oft hört, ist das Argument, Österreich sei im Vergleich zu China oder den USA zu klein, um beim Klimaschutz wirklich etwas zu bewirken. Was entgegnen Sie darauf?
Spiekermann: Wir können der Welt ein Vorbild sein. Alles, was Österreich an guten und wirksamen Klimaschutzmaßnahmen umsetzt, kann eine viel größere Wirkung entfalten – nämlich dann, wenn andere Länder diesem Beispiel folgen.
Ellinger: Ein wichtiger Hebel wird oft unterschätzt: die Emissionen, die wir über importierte Produkte verursachen. Sie sind deutlich höher als jene, die direkt in Österreich entstehen. Deshalb tragen wir Verantwortung – nicht nur für unsere direkten, sondern auch für unsere indirekten Emissionen. Dazu kommt unsere historische Verantwortung: Industrieländer wie Österreich haben seit Jahrzehnten weit mehr Treibhausgase ausgestoßen als viele andere Staaten.
Spiekermann: Wer zu einem Missstand beigetragen hat, trägt auch Verantwortung, ihn zu beheben. Das gilt für Staaten genauso wie für jeden Einzelnen. Sich dieser Verantwortung zu entziehen, halte ich für wenig glaubwürdig. Da fehlt es an innerer Ehrlichkeit.
Viele Umfragen zeigen breite Zustimmung zu mehr Klimaschutz. Warum fehlt trotzdem der politische Konsens?
Spiekermann: Das liegt oft an politischen Eigeninteressen. Einzelne nutzen das Thema für ihre eigenen Ziele, statt sich an der Realität zu orientieren. Ich sehe in der internationalen Politik viel Eitelkeit und Narzissmus und zu oft Strategien, die wenig mit sachlichen Lösungen zu tun haben.
Ellinger: Zwischen Umfragen und tatsächlichem Handeln gibt es oft eine große Lücke. Gleichzeitig werden Klimaschutzmaßnahmen gezielt durch Lobbying und gut organisierte Gegenkampagnen gebremst. Diesen Gegenwind spüren wir aus vielen Richtungen.
Spiekermann: Das Wissen über wirksamen Klimaschutz ist längst vorhanden. Wenn die Politik ihre strategischen Grabenkämpfe beendet, kann vieles sehr schnell gehen.
Der ökologische Handabdruck bedeutet, selbst Veränderungen anzustoßen. Welche Rolle können Kirchen und Pfarrgemeinden dabei spielen?
Spiekermann: Pfarrgemeinden können auf vielen Ebenen aktiv werden: etwa beim Energiesparen, bei nachhaltiger Mobilität oder in der Beschaffung von Lebensmitteln für pfarrliche Veranstaltungen. Noch wichtiger ist ihre Rolle in der Bewusstseinsbildung. Hier kann die Kirche mit gutem Beispiel vorangehen und Klimaschutz im Alltag sichtbar machen. Gleichzeitig wird auch die konkrete Unterstützung von Menschen wichtiger, die bereits heute unter den Folgen des Klimawandels leiden – weltweit, aber zunehmend auch vor Ort in den Pfarrgemeinden.
Meinen Sie zum Beispiel, Kirchen bei Hitzewellen als kühle Zufluchtsorte zu öffnen, wie es teilweise auch schon geschieht?
Spiekermann: Genau. Geöffnete Kirchen sind ein Beispiel. Dazu kommen schattige Pfarrgärten, begrünte Flächen oder klimafitte Friedhöfe, also Orte, die Menschen bei Hitze entlasten. Gleichzeitig muss die Kirche auch ihre eigenen Gebäude und Kunstschätze an die veränderten Klimabedingungen anpassen und besser schützen.
Ellinger: Der ökologische Handabdruck vermittelt eine wichtige Botschaft: Jeder kann etwas bewirken. Dieses Bewusstsein zu stärken, ist entscheidend, auch um dem wachsenden Fatalismus entgegenzuwirken. Die größten Hebel liegen zwar oft anderswo, aber Veränderungen beginnen bei vielen Menschen, die gemeinsam Druck für bessere Rahmenbedingungen schaffen.
Welche weiteren Schritte empfehlen Sie Pfarrgemeinden, die sich jetzt für den Klimaschutz engagieren möchten?
Ellinger: Ein wichtiger Punkt ist noch die Mobilität. Gerade in Pfarrgemeinden spielt sie eine große Rolle. Deshalb sollte auch hier überlegt werden, wo Emissionen reduziert werden können.
Spiekermann: Jedes Gespräch über dieses Thema ist bereits ein wichtiger Schritt. Wir sagen oft, dass wir „in die Kirche gehen“ – in der Realität fahren wir aber meistens mit dem Auto dorthin.
Spüren Sie, dass extreme Wetterereignisse wie Hitzewellen dazu führen, dass sich mehr Einzelpersonen oder Pfarrgemeinden beim Klimabündnis melden und etwas gegen den Klimawandel tun möchten?
Spiekermann: Nein, da spüren wir bisher noch keinen deutlichen Anstieg. Vielleicht ist es noch eine Art Schockphase. Ich könnte mir aber vorstellen, dass das in Zukunft mit der Sorge vor den nächsten Sommern noch stärker wächst.
Es gibt viele betonierte oder versiegelte Kirchenvorplätze. Welches Potenzial sehen Sie hier?
Spiekermann: Für Pfarrgemeinden ist Entsiegelung ein wichtiges Thema: mehr Grünflächen, begrünte Dächer und Fassaden sowie weniger versiegelte Flächen können die Hitze deutlich reduzieren. Gerade Kirchenvorplätze und Parkplätze bieten hier viele Möglichkeiten, auch wenn diese Maßnahmen gut überlegt und finanziert werden müssen.
Wir spüren die Auswirkungen der Klimakrise sehr deutlich. Wie bewahren Sie sich selbst die Zuversicht?
Ellinger: Mir hilft der Austausch mit engagierten Menschen, die am selben Strang ziehen. Zu sehen, dass viele etwas bewegen wollen, gibt Hoffnung und hilft, trotz der schwierigen Lage nicht den Mut zu verlieren.
Spiekermann: Als Einzelner ist es schwer, innere Stärke und Resilienz zu entwickeln. In der Gemeinschaft gelingt das besser. Wichtig ist, sich Mitstreiter zu suchen und gemeinsam auch kleine Schritte zu setzen – wie zum Beispiel bei einem nachhaltigen Pfarrfest. Solche gemeinsamen Erfahrungen geben Mut und helfen, mit den Sorgen umzugehen.
Ellinger: Gerade darin liegt die besondere Rolle von Kirche und Pfarren: Sie haben viele Berührungspunkte mit dem Klimaschutz, als soziale Gemeinschaft, als Immobilienbesitzer, Bauherr, Veranstalter und Ort der Bewusstseinsbildung. Diese Vielfalt macht sie besonders wirksam.
Spiekermann: Die Kirche hat großes Potenzial: Sie kann Sinn stiften, Gemeinschaft schaffen, Bildung fördern und verfügt über moralische Autorität sowie materielle Ressourcen. Diese Kombination macht sie zu einem wichtigen Akteur für Schöpfungsverantwortung und Klimaschutz.
Das Klimabündnis in Österreich bildet das größte kommunale Klimaschutz-Netzwerk. Mit dabei sind Städte und Gemeinden, Betriebe, Bildungseinrichtungen, Pfarren und Diözesen. Die Schwerpunkte von Norbert Ellinger beim Klimabündnis sind u. a. Betriebe und die Klimawandelanpassung. Georg Spiekermann berät ebenfalls Betriebe sowie Pfarrgemeinden.
www.klimabuendnis.at
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