Sie fallen gerade von den Bäumen, platzen aus ihren stacheligen Hüllen, liegen auf Gehwegen oder unter Autos und Kinder gehen gebückt herum, um sie alle aufzusammeln: Kastanien. In den allermeisten Fällen werden sie mit viel Eifer und noch mehr Zahnstochern zu Igeln oder Rehen verarbeitet oder kommen einfach in eine dekorative Schale und zieren den herbstlich geschmückten Tisch. Das durchschnittliche Schicksal einer Rosskastanie eben.
Damit wäre die Geschichte der Kastanie auch schon wieder zu Ende, hätten nicht findige Menschen herausgefunden, dass die braune, wunderbar glänzende Frucht mehr anzubieten hat als schöne Optik: Man kann sie auch als Ersatz für chemisch hergestellte Waschmittel benützen. Botanisch betrachtet gehört der Rosskastanienbaum – wie der indische Seifennussbaum – nämlich zu den Seifenbaumgewächsen. Die Kastanien enthalten einen hohen Anteil an natürlichen Seifenstoffen (Saponine).
Man nehme also eine Hand voll Kastanien, zerkleinere sie mittels Messer oder Hammer in möglichst kleine Teile und lasse diese in Wasser ziehen. Nach einigen Stunden abseihen – fertig ist das Waschmittel. Bei hartnäckigen Flecken wird eine Vorab-Behandlung mit Kern- oder Gallseife empfohlen, in jedem Fall verleiht der Kastaniensud der Wäsche neben Sauberkeit einen angenehmen Duft. Maximaler Nutzen liegt auf der Hand: Kleidung, Haut und Umwelt bleiben von Chemikalien unbelastet, die Kastanien sind kostenlos und regional verfügbar. Nachdem auch trockene Kastanien verwendbar sind, sammelt man sie am besten auf Vorrat. Die Zubereitung der Waschlauge sollte allerdings frisch erfolgen.
Noch ein Wort dazu, warum die Rosskastanie „Ross“-„Kastanie“ heißt: Die Frucht, oder eigentlich der Same, ist der – nicht verwandten – Edelkastanie sehr ähnlich. Im Gegensatz zu ihr ist sie aber für den Menschen ungenießbar, denn sie ist leicht giftig und führt zu Verdauungsstörungen. Die Osmanen verwendeten sie aber als Pferdefutter und Heilmittel gegen Pferdehusten und brachten sie somit nach Mitteleuropa. Der Zusatz „Ross“ diente also einfach dazu, einer Verwechslung vorzubeugen.