Volle Priesterseminare, neue Kirchenbauten: Das Christentum in Armenien scheint eine völlig andere Entwicklung zu nehmen als in manch anderen ehemaligen Ostblockstaaten. Das hängt einerseits mit den Besonderheiten der armenischen Geschichte zusammen, wie eine Reise durch das Land zeigt. Andererseits werden bezüglich Kirchlichkeit aber auch besondere Maßstäbe angesetzt.
Ausgabe: 2017/18
02.05.2017
- Niederleitner Heinz
Der Wind fegt kalt über die Klosterhalbinsel am Sevansee. Abt Minas Martirosyan schützt das Ohr mit der Hand, als er zu den beiden Kirchen am Gipfel des Hügels steigt. Er öffnet die Tür der Muttergottes-Kirche. Das Wetter hat Pilger nicht abhalten können, in die Anlage aus dem 9. Jahrhundert zu kommen. Es fehlen ferienbedingt nur die Studenten des Seminars der armenisch-apostolischen Kirche. Denn am Sevansee geht es nicht nur um die Vergangenheit, sondern auch um die Zukunft. Derzeit bereiten sich 79 Seminaristen hier auf die Weihe vor, rund 20 Absolventen gibt es pro Jahr – für europäische Ohren beeindruckend. „Wir bräuchten aber fünfmal mehr, um die Bedürfnisse unserer Gläubigen zu erfüllen“, sagt Abt Martirosyan dazu.
Geschichte
Hat es also nach der Unterdrückung der Religion durch das Sowjetregime einen religiösen Aufbruch gegeben? Klar ist, dass die Kirche nach der Verfolgung an eine starke Stellung durch die Jahrhunderte davor anknüpfen konnte. Das zeigt sich beim Besuch im Matenadaran, der Aufbewahrungsstätte armenischer Handschriften in der Hauptstadt Jerevan. Die Schriften erzählen, dass die Apostel Thaddäus und Bartholomäus das Christentum nach Armenien gebracht haben sollen. Um 301 wurde es Staatsreligion – das erste Mal in einem Land. Ein Jahrhundert später entwickelte der Mönch Mesrop Maschtots das armenische Alphabet. Durch die Geschichte der Armenier, die im Mittelalter ihre Eigenstaatlichkeit bis ins 20. Jahrhundert verloren, bildeten Sprache, Schrift und Kirche den Kern der Identität.
Kirche und Nation
„Die Kirche war die spirituelle und bürgerliche Autorität der Armenier. Sie führte die Nation durch die Zeit“, sagt Katholikos Karekin II. Er ist das Oberhaupt der armenisch-apostolischen Kirche und argumentiert, dass es in den letzten 25 Jahren zu einer „spirituellen Verjüngung“ der Kirche und zu einem Ausbau kirchlichen Lebens kam. Der Katholikos betont, dass man der Jugend heute nicht mehr wie unter seinem Vorgänger kurz nach der Sowjetzeit das Kreuzzeichen beibringen müsse. Die Salzburger Armenologin und Pro-Oriente-Konsultorin Jasmine Dum-Tragut spricht aber schon von Wissenslücken vieler Armenier im religiösen Bereich. Die Beziehung zur armenisch-apostolischen Nationalkirche sei zudem vielfach auch anders als durch den Glauben begründet.
Beim farbenprächtigen Gottesdienst in der Kathedrale von Edschmiatsin, dem geistlichen Zentrum Armeniens, kann man junge Menschen sehen, die Kerzen anzünden. Offiziell gehören 95 Prozent der drei Millionen Bürger Armeniens der armenisch-apostolischen Kirche an, zu der noch viel mehr Menschen armenischer Abstammung im Ausland zählen. Doch Jasmine Dum-Tragut bezweifelt die Zahlen für Armenien: „Viele Menschen sind gar nicht wie in Österreich üblich getauft und werden dennoch gezählt. Statt eines Religionsunterrichts wird an den Schulen Geschichte der armenischen Kirche unterrichtet – verpflichtend für alle Schüler. Die enge Bindung zwischen Staat und armenisch-apostolischer Kirche hat auch Nachteile. Manche Menschen wenden sich Freikirchen und Sekten zu.“ Dass es aber seit den 90er Jahren einen Aufschwung in der armenisch-apostolischen Kirche gab, sagt auch Dum-Tragut.
Katholiken
Eine Minderheit in Armenien ist armenisch-katholisch, also mit dem Papst verbunden. Das Zentrum dieser Katholik/innen ist die Stadt Gyumri im Norden des Landes. Dass dort die Caritaszentrale einen sehr professionellen Eindruck macht, ist kein Wunder: Gyumri liegt in der ärmsten Gegend Armeniens. In Siedlungen bestehen Straßen mitunter mehr aus Schlaglöchern als aus Asphalt. Noch immer sind Spuren des Erdbebens von 1988 zu sehen. Von Gyumri aus hat die Caritas Armenien – unterstützt auch aus Österreich – ihre Projekte auf das Land ausgedehnt. Ihre Arbeit begann sie 1995. Erst drei Jahre zuvor hatte die katholische Kirche wieder ihre Präsenz aufnehmen können, angeregt vom armenisch-apostolischen Katholikos. Zwei Päpste haben seither Armenien besucht: Johannes Paul II. und im Vorjahr Papst Franziskus. An den Päpsten schätzt man, dass sie den Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich anerkannt haben. Denn das Gedenken daran spielt eine erhebliche Rolle nicht nur im Staat, sondern auch in der armenisch-apostolische Kirche. Es war nicht zuletzt deshalb ein besonderes Zeichen, dass Papst Franziskus in der Residenz des Katholikos übernachtete.
Vielleicht hat er auch den Honig gekostet, der aus dem Kloster Geghard dorthin geliefert wird. Die beliebte und malerisch gelegene Wallfahrtsstätte ist UNESCO-Weltkulturerbe. Hier leben drei Geistliche – und neben den Besuchern kommt auch mal ein Bär vorbei, der den Honig stibitzt. «
Armenien – ein Land in Halbblockade
Schwierige Lage
Der Umgang mit dem Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich, Konflikte mit zwei Nachbarn und Arbeitslosigkeit sind die große Fragen Armeniens.
An klaren Tagen thront der Berg Ararat über der armenischen Hauptstadt Jerevan. Doch obwohl der Berg sogar einen Platz im Staatswappen hat, ist das Land von ihm abgeschnitten: Er liegt in der Türkei und dorthin sind die Grenzen geschlossen. Mit der Türkei gibt es einen Konflikt um die Anerkennung des Völkermords an den Armeniern im Osmanischen Reich ab 1915: Bis zu 1,5 Millionen Menschen starben (Zahlen differieren), Überlebende wurden vertrieben. Das heutige Armenien stellt nur einen Teil der einst armenisch besiedelten Gebiete dar. Es leben viel mehr Armenier in der Diaspora (Zerstreuung) als im Land selbst (rund 7000 in Österreich), was auch auf frühere Verwerfungen als 1915 zurückgeht. Zudem verlassen Menschen heute Armenien – mit nicht zu unterschätzenden Auswirkungen auf die Familien. Der Krieg in Syrien brachte in den letzten Jahren Zehntausende armenische Flüchtlinge ins Land, viele wandern aber weiter in Richtung Europa und USA. Für Armenien, das eine offizielle Arbeitslosenquote von 18,5 Prozent aufweist (real sind es sicher mehr), ist das eine Herausforderung.
Berg-Karabach
Die Lage wird durch den Konflikt mit dem Nachbarn Aserbaidschan erschwert: Armenien erkennt zwar die Republik Berg-Karabach, das ein überwiegend von Armeniern bewohntes Autonomiegebiet in Aserbaidschan war, offiziell genauso wenig an wie jeder andere Staat. Aber Jerevan sichert seit dem Waffenstillstand von 1994 den Bestand der Einheit, die schon in der Sowjetunion Streitpunkt mit Aserbaidschan war. Da Armenien offene Grenzen nur zu Georgien und dem Iran hat, befindet es sich in einer Art Halbblockade. Trotz Bodenschätzen wie Kupfer hat sich das Land noch nicht vom Zusammenbruch seiner Industrie nach der Sowjetzeit erholt. Eine wichtige Geldquelle des Landes sind Zuwendungen von Auslandsarmeniern.