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Extremismus der Nächstenliebe

Wenige Wochen nach den Anschlägen auf koptische Kirchen besuchte der Papst Ägypten. Eine Reise, die Brüche im katholisch-islamischen Dialog kitten sollte, wurde so zu einem unerwartet heiklen Unternehmen.
Ausgabe: 18/2017
02.05.2017
- Thomas Jansen
Drei Wochen nach den Terroranschlägen auf zwei koptische Kirchen spielt sich am Stadtrand von Kairo am Samstag Außergewöhnliches ab: Rund 15.000 Christen feiern in einem Stadion der Luftwaffe eine Messe mit Papst Franziskus. Zwei Kampfhubschrauber kreisen dicht über dem Areal, Gottesdienstbesucher mussten Handys an der Sicherheitskontrolle abgeben. Draußen sichern Hunderte Soldaten und Polizisten den Komplex weiträumig ab.
Doch im Stadion ist die Stimmung gelöst: Kinder im gold-glitzernden Pharaonen-Gewand begrüßen Franziskus, Tausende wedeln mit weiß-gelben Vatikanfähnchen und jubeln. Aus Lautsprechern tönt Händels „Tochter Zion“ auf Arabisch. Einmal blitzt auf dem Stadionbildschirm eine Moschee auf. Der Papst verurteilt in seiner Predigt Extremismus. Der einzig zulässige Extremismus sei jener der Nächstenliebe, so Franziskus.

Ermutigung


Der Gottesdienst war der religiöse Höhepunkt der zweitägigen Ägypten-Reise des Papstes. Ein Zeichen der Ermutigung und der Solidarität mit der bedrängten christlichen Minderheit im Land sollte die Feier sein. Dennoch blieb die Hälfte der Ränge leer. Dabei hatte das ägyptische Organisationskomitee zuvor mitgeteilt, man habe die Messe vor allem wegen des größeren Platzangebots in das Militärstadion verlegt.

Gnade


„Der Besuch ist eine große Gnade für uns“, sagt Franziskanerpater Abraham, der aus Luxor zu der Messe angereist ist. „Auch wirtschaftlich“, fügt er hinzu. Bei ihm sei die Lage der Christen „ganz gut“, besser als im Norden des Landes, berichtet der ägyptische Priester. Nicht nur Katholiken sind zum Gottesdienst mit Franziskus gekommen, auch orthodoxe Kopten wie Sally Sabach. Der Besuch des Papstes zeige, dass Ägypten ein sicheres Land sei, so die Christin aus Kairo. Derweil spricht eine Muslimin mit Kopftuch ins Mikrofon eines Journalisten, sie sei gekommen, weil das Land Frieden brauche. Sie ist nicht die einzige islamische Gläubige im Stadion.

Friedenskonferenz


Zu Beginn seines Besuchs in Ägypten hatte Franziskus am Freitag einen Meilenstein im katholisch-muslimischen Dialog gesetzt. Zusammen mit dem Großscheich der islamischen Al-Azhar-Universität, Ahmad al-Tayyeb, verurteilte er Hass und Extremismus im Namen der Religion. Die internationale Friedenskonferenz an der Al-Azhar-Universität war ein christlich-muslimisches Gipfeltreffen, wie es zuvor noch nie stattgefunden hatte. Denn außer dem Papst waren auch das Ehrenoberhaupt der orthodoxen Christenheit, Patriarch Bartholomaios I., sowie Spitzenvertreter der katholischen und orthodoxen Kirchen im Nahen Osten gekommen. Das Besondere war nicht zuletzt, dass die Einladung von der Al-Azhar-Universität ausging, der renommiertesten Lehrstätte des sunnitischen Islam.

Ökumenischer Erfolg


Auch das heikle Thema Menschenrechte sprach Franziskus an. Seine Kritik war verhalten, aber unüberhörbar. Voraussetzung für Entwicklung, Frieden und Wohlstand seien auch Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit, sagte er am Freitag vor ägyptischen Politikern und Diplomaten. Zugleich lobte er Präsident Abdel Fattah al-Sisi für dessen Vorgehen gegen religiösen Extremismus und würdigte die Polizisten und Soldaten, die durch islamistische Täter ums Leben kamen. Insgesamt teilte Franziskus damit die Haltung der meisten westlichen Regierungen gegenüber al-Sisi; im Vergleich zum regierungstreuen koptischen Papst Tawadros II. klangen seine Äußerungen jedoch wesentlich kritischer. Trotz dieses Unterschiedes zwischen den beiden Kirchenoberhäuptern war die Reise ein ökumenischer Erfolg: Beide vereinbarten in einer gemeinsamen Erklärung die gegenseitige Anerkennung der Taufe.
Franziskus stellte Terror und Gewalt gegen die Kopten während seiner Reise nicht in den Mittelpunkt, möglicherweise aus Rücksichtnahme auf al-Sisi oder, weil er befürchtete, damit den koptischen Christen zu schaden. Das entscheidende Motiv dürfte jedoch sein: dass er den Christen im Land eine Botschaft der Ermutigung bringen wollte.
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