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„Niemand will schlechten Kaffee trinken, nur weil es einem Unternehmen hilft“

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands sperrten im ehemaligen Ostdeutschland viele Betriebe zu, Fachkräfte wanderten ab. Michael Aßländer ist hier Wirtschaftsethiker. Als Referent bei der Ökumenischen Sommerakademie kommt er nach Kremsmünster.
Ausgabe: 2013/27, Aßländer, Wirtschaftskrise, Konkurrenz, Solidarität, Ökumenische Sommerakademie, Ostdeutschland
02.07.2013
- Matthäus Fellinger
Man hat den Eindruck, im Zuge der Wirtschaftskrise ist die Konkurrenz der Unternehmen härter geworden ist. Hat es Sinn, von Solidarität in der Wirtschaft zu sprechen?
Michael Aßländer: Natürlich verschärft eine Krise den Druck auf Unternehmen, aber damit trennt sich auch die Spreu vom Weizen. Einige Unternehmen können die Krise eben besser bewältigen, andere Unternehmen sind schlechter auf eine Krise vorbereitet. Das Wesen einer Wettbewerbswirtschaft aber besteht nun einmal im Wettbewerb – und da gibt es Gewinner und Verlierer. Letzten Endes ist es in einer Wettbewerbswirtschaft der Verbraucher, der durch seine Kaufentscheidung über die Leistung der Unternehmen richtet. Niemand von uns wäre bereit, schlechten Kaffee zum Frühstück zu trinken, nur weil es einem Unternehmen hilft. Es ist also keine Frage von Solidarität, ob Unternehmen am Markt bestehen, sondern eine Frage ihrer Leistungsfähigkeit. Die Finanzwirtschaft hat sich von der realen Wirtschaft ziemlich losgekoppelt. Eine verhängnisvolle Entwicklung?
Spekulationen sind kein Phänomen der Moderne, es hat sie immer gegeben. Verwiesen sei hier exemplarisch auf die berühmte Tulpenmanie in Holland Mitte des 17. Jahrhunderts oder die sogenannte „South Sea Bubble“ zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Problematisch erscheint mir jedoch, dass im Falle der Bankenkrise 2008 vor allem zwei Dinge die Krise zumindest verstärkten: Dies ist zum einen der Glaube, mithilfe finanzmathematischer Modelle Prognosen über die künftige Marktentwicklung erstellen zu können. Das erwies sich als Irrglaube. Und dies ist zum zweiten die fortschreitende staatliche Deregulierung der Finanzmärkte angeblich zum Wohle der Unternehmen. Dies führte zu einer Reihe undurchschaubarer Finanzprodukte, wie etwa der Handel mit sogenannten Mort­gage Backed Securities (durch Vermögenswerte gesicherte Wertpapiere – Anm.), deren Handel tatsächlich nichts mehr mit dem realen Wirtschaftsgeschehen zu tun hatte. Hier bedarf es in meinen Augen einer stärkeren Finanzaufsicht, um derartige Entwicklungen künftig zu unterbinden. Firmen werden am globalen Markt ge- und verkauft. Kaum jemand weiß, wo die Eigentümer ­einer Fabrik wirklich sitzen. Kann das gut sein?
Diese Sicht scheint mir sehr einseitig. Insbesondere Großunternehmen sind als Aktiengesellschaften organisiert, Eigentümer sind mithin die Aktionäre. Hier macht es also wenig Sinn, von „dem Eigentümer“ zu sprechen. Natürlich sorgt es für Schlagzeilen, wenn etwa das finnische Unternehmen Nokia seinen Standort in Bochum schließt. Aber wieso sollte ein finnisches Unternehmen ausgerechnet Arbeitsplätze in Deutschland erhalten? Warum nicht neue Arbeitsplätze in Rumänien schaffen? Auch deutsche und österreichische Unternehmen unterhalten ausländische Produktionsstandorte, die wahlweise neu eröffnet oder eben geschlossen werden. Auf der anderen Seite aber existiert auch weiterhin der so genannte Mittelstand, zumeist eigentümergeführte Unternehmen oder Familienunternehmen, die sich sehr wohl ihrer ­Region verpflichtet fühlen. Hier also von einigen wenigen großen Unternehmen und Einzelbeispielen auf das gesamte Wirtschaftsgefüge schließen zu wollen, halte ich für übertrieben.

Sind Sie optimistisch, dass Wege aus der Krise gefunden werden können?
Die derzeitige Krise ist eine Währungskrise und betrifft den Euro als gemeinsame Währung. Länder wie Griechenland oder Spa­nien zahlen einen sehr hohen Preis zum Erhalt der Gemeinschaftswährung: Jugendarbeitslosigkeit, Abbau von Sozialleistungen, massive Steuererhöhungen etc. Doch auch die scheinbaren Gewinner der Euro-Krise, wie etwa Deutschland, müssen mit erheblichen finanziellen Lasten fertig werden. Ob es gelingt, diese Krise zu überwinden und den Euro als Gemeinschaftswährung zu erhalten, ist nicht mehr allein eine wirtschafts-, sondern auch eine sozialpolitische Frage. Nur wenn es gelingt, die sozialen Härten infolge der Krise auszugleichen, wird es gelingen, auch die Wirtschaft der betroffenen Länder zu stabilisieren. So gesehen wird die Frage nach der Überwindung der Wirtschaftskrise zu einer Frage gesamteuropäischer Solidarität.

Zum Thema

Ökumenische Sommer­akademie ab 10. Juli


Seit Jahren dauern die wirtschaftlichen Probleme in Europa an. Stimmen die Grundsätze der Lösungsansätze?
Damit beschäftigt sich die 15. Ökumenische Sommerakademie von 10. bis 12. Juli im Stift Kremsmünster unter dem Titel „Wer ist mein Nächster? Das Soziale in der Ego-Gesellschaft“.
Programm auf www.kirchenzeitung.at
Anmeldung: Tel. 0732/78 42 93 oder per E-Mail: sommerakademie@ktulinz, oder auch unmittelbar bei der Veranstaltung.
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