Waren die Plünderungen der Reichsprogromnacht Folgen der Gier oder war es auch ein unter kirchlicher Beteiligung gewachsener und von ihr gerechtfertigter Antisemitismus? Der ehemalige Bischof von Aachen, Klaus Hämmerle, schrieb dazu ein Gebet.
Es war 1988, 50 Jahre nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich. Die Katholischen Publizisten hatten zum Gespräch mit Zeitzeugen geladen. Prälat Johannes Österreicher, vor den Nazis geflohener Priester und Jude, später Wegbereiter der völlig neuen Aussagen des Konzils über das Verhältnis von Kirche und Judentum, der Journalist Otto Schulmeister und Rudolf Kirchschläger saßen am Tisch. Der Altbundespräsident, dem kurz nach dem Einmarsch die Studienerlaubnis entzogen worden war, weil er nicht der NSDAP beitreten wollte, erinnerte sich mit Schmerz an den Heldenplatz, aber mit tiefer Scham an die Ereignisse des 10. Novembers. Das Wüten der SA-Horden gegen die wehrlosen Juden war schlimm genug, meinte Kirchschläger. Zutiefst erschüttert und beschämt aber habe ihn, wie „gute Nachbarn“ und Leute, die neben ihm in der Kirchenbank saßen, auf die Straße stürmten, um jüdische Geschäfte auszuplündern. War es nur die Gier oder war es auch ein unter kirchlicher Beteiligung gewachsener und von ihr gerechtfertigter Antisemitismus? Das Gedenken an die Reichspogromnacht, die wie das Wetterleuchten einer unvorstellbaren Vernichtungsorgie, der Shoah, warnend aufblitzte, schließt immer auch diese Frage mit ein. Der für seine tiefen spirituellen Texte bekannte ehemalige Bischof von Aachen, Klaus Hämmerle, schrieb dazu vor 25 Jahren dieses Gebet:
Man hat meinem Gott das Haus angezündet – und die Meinen haben es getan. Man hat es denen weggenommen, die mir den Namen meines Gottes schenkten – und die Meinen haben es getan. Man hat ihnen ihr eigenes Haus weggenommen – und die Meinen haben es getan. Man hat ihnen ihr Hab und Gut, ihre Ehre, ihren Namen weggenommen – und die Meinen haben es getan. Man hat ihnen das Leben weggenommen – und die Meinen haben es getan. Die den Namen desselben Gottes anrufen, haben dazu geschwiegen – ja, die Meinen haben es getan.
Man sagt: Vergessen wir’s und Schluss damit. Das Vergessene kommt unversehens zurück. Wie soll Schluss sein mit dem, was man vergisst? Soll ich sagen: Die Meinen waren es, nicht ich? – Nein, die Meinen haben es getan. Was soll ich sagen? Gott sei mir gnädig! Was soll ich sagen? Bewahre in mir Deinen Namen, bewahre in mir ihren Namen bewahre in mir ihr Gedenken, bewahre in mir meine Scham. Gott sei mir gnädig.