Beim achten Besuch in seiner Heimat Polen hat der Papst wieder eine brisante politische Botschaft im Reisegepäck.
60 Jahre nach dem Überfall des Deutschen Reiches auf Polen wird der Papst 108 Opfer des Nationalsozialismus aus seiner Heimat seligsprechen. Manche mögen das als verstaubte Praxis der Kirche belächeln, andere als übertriebenen Patriotismus abtun, für den aus Polen stammenden Innsbrucker Theologen Józef Niewiadomski verkündet der Papst damit eine hochpolitische Botschaft in der Sprache der Kirche. „Es geht um die grundlegende Bedeutung des christlichen Menschenbildes für den Aufbau und Bestand einer friedlichen, solidarischen und gerechten Gesellschaft – auch in unserer Zeit.“
Vorbilder für heute
In Polen, so Niewiadomski, sei Jahrzehnte hindurch der antifaschistische Widerstand von den Kommunisten ausschließlich für sich reklamiert worden. Daß dem Programm Himmlers zur Zerstörung der polnischen Elite Tausende bürgerliche Intellektuelle, Lehrer und Priester zum Opfer fielen, wird erst allmählich bewußt – auch im Westen. „Man kennt hier zwar die Bilder von den polnischen Soldaten, die mit Marienfahnen der deutschen Armee entgegenzogen, aber daß mehr als 2000 polnische Priester im KZ Dachau waren, weiß kaum jemand.“ Die Seligsprechungen sind für Niewiadomski daher zunächst einmal ein öffentliches Bekenntnis zu einer andern Geschichtsschreibung, die auch für das Bewußtsein der Menschen heute von großer Bedeutung ist. „Wenn der Papst in den letzten Jahren so viele Menschen aus unserem Jahrhundert seligspricht, dann geht es ihm immer auch um das Heute. In einer Zeit, in der sehr viel über Bilder, über Ikonen – siehe den Kult um sogenannte Popikonen – kommuniziert wird, ist die Kirche gut beraten, ihr Potential an Vorbildern mit Menschen aus unserer Zeit zu aktualisieren. Der Papst, der die Menschenverachtung des NS-Terrors persönlich erlebt hat, tut das mit der Seligsprechung vieler Naziopfer sehr bewußt. Er will damit ein Signal setzen, daß Rechtsextremismus, Faschismus, Totalitarismus und Rassismus niemals mit einem christlichen Menschenbild zu vereinbaren sind. Und er will damit sagen, daß auch heute wachsame Menschen gefragt sind, denn diese Tendenzen sind nicht nur eine Episode der Geschichte.“ Niewiadomski verweist u. a. auf die Gewalttätigkeiten in US-Schulen, die Übergriffe auf Ausländerquartiere oder die ethnischen Vertreibungen in Exjugoslawien. Auch in Polen und in anderen ehmaligen Ostblockländern würden die Botschaften von Rechtsextre-misten und anderen totalitären Propheten zunehmend mehr gehört, nachdem viele durch die Kosumideologie verunsichert und enttäuscht sich wieder nach starken Führern sehnen. Dem, so Niewiadomski, „setzt der Papst die Botschaft vom christlichen Menschenbild entgegen – verkörpert auch durch die neuen Seligen“.
„Wo das christliche Menschenbild verschwindet, droht der Mensch unter die Räder zu kommen. Das will der Papst mit den neuen Seligen sagen.“ Józef Niewiadomski
Reisetagebuch
1979. Acht Monate nach seiner Wahl tritt Karol Wojtyla am 2. Juni eine „religiöse Reise“ nach Polen an. Noch im Mai, zum 900-Jahr-Jubiläum des Krakauer Märtyrer-Bischofs Stanislaus, wurde ihm die Einreise verweigert. Sechs Millionen Gläubige nehmen an den Gottesdiensten der zweiten Auslandsreise teil, das Staatsfernsehen zeigt jedoch keine Bilder von der Menschenmenge. Westliche Medien bringen dem Besuch in der kommunistischen Heimat großes Interesse entgegen, doch im Ostblock wird das Jahrhundertereignis kurz abgetan.
1983. In ungewöhnlich konkreten und politischen Formulierungen fordert der Papst vom 16. bis 23. Juni soziale Reformen auf Basis des Danziger Abkommens, das von der Gewerkschaft „Solidarität“ und der Regierung 1980 ausverhandelt wurde. Mit weißen Kreuzen wird für die seit der Ausrufung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 Internierten demonstriert. Ziel ist der Marienwallfahrtsort Tschenstochau, wo er den 1,5 Millionen Gläubigen zuruft: „Als Söhne Gottes können wir keine Sklaven sein.“ Kurz vor Abreise kommt es zum privaten Treffen mit dem Führer der verbotenen Gewerkschaft „Solidarität“, Lech Walesa.
1987. Bereits bei der Ankunft am 8. Juni richtet der Papst den Gruß an seine Landsleute, die „die Freude und die Bitterkeit des Daseins in diesem Land kennen“. Während des Aufenthaltes bis 14. Juni fordert er Religionsfreiheit, Vereinigungsfreiheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung. Mehrmals spricht er über den 1984 ermordeten Priester Jerzy Popieluszko.
1991. Plakate mit der Aufschrift „Wir danken für das Geschenk der historischen Veränderung“ begleiten die 51. Auslandsreise vom 1. bis 9. Juni, bei der Johannes Paul II. von Lech Walesa begrüßt wird. Der Papst pocht darauf, daß eine tiefgreifende Reform des religiösen, politischen und wirtschaftlichen Lebens notwendig ist. Gleichzeitig darf sich die Kirche nicht aus dem gesellschaftlichen und staatlichen Leben hinausdrängen lassen. Leitfaden der Predigten: die Zehn Gebote.
1991. Vom 13. bis 15. August Weltjugendtag in Tschenstochau. Der Papst ermutigt eine Million junger Menschen aus Ost und West: „Jetzt kann die Kirche in Europa frei mit ihren beiden Lungenflügeln atmen. Nützt die Chance, das gemeinsame Europa in Solidarität und Frieden aufzubauen. Die Zukunft gehört euch!“
1995. Von Tschechien aus besucht der Papst am 22. Mai die schlesische Stadt Zywiec. In überaus harten Worten kritisiert er die gesellschaftliche und politische Realität in seiner Heimat.
1997. Das Martyriums des hl. Adalbert vor 1000 Jahren und der 46. Eucharistische Weltkongreß in Breslau sind Anlaß für die 78. Pastoralreise vom 31. Mai bis 10 Juni. In Gnesen appelliert er an die Staatschefs der „Adalbert-Länder“ (Deutschland, Litauen, Polen, Slowakei, Tschechien, Ungarn und Ukraine), durch eine Neubesinnung auf die christlichen Wurzeln des Kontinents die Mauern zwischen den Menschen in Europa abzubauen.