Über Kinder von heute und den Umgang mit ihren Aggressionen
Ausgabe: 1999/22, Jan Uwe Rogge, Aggression
01.06.1999
- Maria Haunschmidt
Ist die Sorge berechtigt, daß in der neuen Generation lauter kleine ichbezogene, aggressive Monster heranwachsen?Der bekannte Psychotherapeut und Erziehungsberater Jan Uwe Rogge suchte bei einer Enquete in Linz über den „Umgang mit kindlicher Aggression“ nach Lösungen, die alles andere als staubtrocken klangen. Mehr als 400 Menschen lockte das Thema in den Ursulinenhof – vor allem viele Lehrer/innen, die oft den schwarzen Peter haben, wenn Kinder verhaltensauffällig – Rogge nannte sie verhaltens-originell – sind. Er sieht in der Suche nach Sündenböcken, wie Schule, Gesellschaft, Zerfall der Werte, Medien, Familienstreß ... den falschen Ansatz. Es geht nicht um Schuldzuweisung, sondern darum, Kinder ernst zu nehmen und Aggressionen in positive Kanäle zu leiten, eine Aufgabe der Erziehung, die – ein Wortspiel – mit Beziehung zu tun hat. In Aggression sieht der Erziehungsberater neben dem negativen Aspekt der Gewalt und Brutalität auch eine konstruktive Kraft, die notwendig ist, um autonom und selbständig zu werden. Aggression meint auch: etwas in Angriff nehmen, auf jemanden zugehen.
Freie Zeiten und Räume
Kinder brauchen begleitende Autoritäten, an denen sie sich reiben, aber auch orientieren können, die sie respektieren, ernstnehmen und ihnen etwas zutrauen. Sie wollen Halt, Orientierung und Grenzen, keine – so Rogge – „Wischiwaschi- oder Lassez faire-Eltern“. Rogge kritisierte auch die „Kumpel-Typen“, „Berufsjugendliche“, die sich in Kleidung und Jargon als Freunde anbiedern. Ein 12jähriger will aber keinen 45jährigen „Freund“. Eltern und Lehrer dürfen in den Augen der Kinder durchaus auch Fehler machen, sie möchten aber, daß sie klar, ehrlich und menschlich sind und nicht wie „pädagogische Maschinen“ funktionieren, die meinen, ständig alles unter Kontrolle haben zu müssen, auch sich selbst. Unglaubwürdig ist für Kinder z. B., wenn eine „geladene“ Mutter als rotgesichtiger brodelnder „Vulkan“ mit säuselndem Schalmeienklang meint: „Schatzi, räumst du jetzt dein Zimmer auf!“ Auswirkung auf die Aggression hat auch, daß heutige Kinder kaum Gelegenheit und Raum haben, die Welt auf eigenen Füßen zu entdecken. Wir Erwachsenen konnten und durften in der Kindheit noch in Wäldern und Büschen herumstreifen. „Heute“, so Rogge, „steht hinter jedem Busch eine überbefürsorgende Mutter". Es gibt aber für Kinder ein Leben jenseits von Vater und Mutter. Kinder können kaum mehr ungehemmt toben, schon gar nicht unbeobachtet. Sie haben auch das Raufen und Rangeln verlernt, bei dem sie sich abreagieren und messen können, ohne jemandem wirklich weh zu tun. Der Zusammenhang von äußerer und innerer Bewegung und Aggression werde viel zu wenig gesehen. Kinder brauchen Geheimnisse und freie Zeiten, z.B. auch auf Schulwegen. Rogge sprach sich gegen Fahrten mit Bussen und „Familienkutschen“ auf Schulwegen, die leicht zu Fuß bewältigbar sind, aus.
Verständnis für Lehrer
„Die Erstverantwortlichen für die Erziehung sind immer noch die Eltern!" fand eine Schuldirektorin im Rahmen der Enquete. Der Applaus war auf ihrer Seite. Den Lehrkräften, die von schlechter Erziehung bis Drogenprävention alles in die Schuhe geschoben bekommen, aber keine wirkliche Handhabe gegen Kinder haben, die z. B. keine Aufgabe machen oder provozieren, gab er Schützenhilfe, indem er meinte: Die Schulbehörde müsse sie in ihrer oft schwierigen Lage stützen. Ihr Verdienst sei manchmal kein Gehalt, sondern Schmerzensgeld. Da hatte Rogge dank seiner bildhaften Sprache wieder die Schmunzler auf seiner Seite.