Im steirischen Salzkammergut ging letztes Wochenende das 29. Narzissenfest zu Ende. Jahr für Jahr kommen Zehntausende Gäste, um sich über die weißen Blüten zu freuen.
Narzissen sind Schönheiten, daran besteht kein Zweifel. Sie sind Amaryllisgewächse, die ursprünglich im Mittelmeergebiet und in Ostasien beheimatet sind. Ihre Blütezeit reicht von April bis Juni. Etwa 20 Narzissenarten sind bekannt, aus einer besonders wohlriechenden Sorte wird in Frankreich Parfüm erzeugt. Jene Art, die beim jährlichen Fest im Ausseerland im Mittelpunkt steht, ist die weiße Dichter-Narzisse (lat. narcissus poeticus). Millionen Narzissenblüten werden von den einige Quadratkilometer großen Narzissenwiesen des Salzkammerguts gepflückt und für den Schmuck von Autos und Booten verwendet. Die Veranstalter weisen darauf hin, daß das Pflücken sovieler Blüten dem Bestand der Narzissen nicht schaden würde, weil die Zwiebel erhalten bleiben. Namensgeber der Narzissen ist eine tragische Figur der griechischen Sagenwelt: der schöne Jüngling Narziß. Er, Sohn des Flußgottes Kephios, verschmäht die Zuneigung der Bergnymphe Echo, weil er viel zu selbstgefällig ist. Echo hingegen ist so betrübt, daß sie zum Felsen wird, dem nur die Stimme erhalten bleibt (daher der Begriff „Echo“!).
Narziß hingegen ist unendlich in sein eigenes Spiegelbild verliebt und verzehrte sich dabei solange, bis er schließlich in eine Blume verwandelt wurde. Auch der Begriff Narzißmus kommt vom Jüngling Narziß. Gemeint ist damit eine übertriebene Form der Selbstliebe, Selbstbezogenheit oder Eitelkeit. In Wahrheit haben narzißtische Menschen aber nie gelernt, sich selbst zu lieben und anzunehmen. Sie laufen ihrem Spiegelbild hinterher, sind süchtig nach Anerkennung. Gesunde Selbstliebe hingegen, zu der auch Jesus ermutigt („Liebe Deinen Nächsten gleich wie dich selbst“), sorgt dafür, daß Menschen wie Narzissen blühen können, ohne einander zu verdrängen.