Der Krieg in Jugoslawien beherrschte die Gespräche der 63 Alternativ-Nobelpreisträger letzte Woche in Salzburg. Über die Möglichkeit eines Friedensprozesses sprach die Kirchenzeitung mit Vesna Terselic von der kroatischen Anti-Kriegs-Kampagne.
In der Debatte zum Kosovo sind Sie dafür eingetreten, den Friedensprozeß bereits in den Flüchtlingslagern zu beginnen. Wie stellen Sie sich das vor?
Terselic: Den Flüchtlingen, die in den Lagern unter größtenteils unmenschlichen Bedingungen leben, muß signalisiert werden, daß sie aufgenommen und angenommen werden. In Wirklichkeit aber werden sie in den Lagern durch hohe Stacheldrahtzäune von der Umwelt ausgesperrt. Das heißt vielmehr: Ihr seid gar nicht willkommen. Nach all dem, was die Flüchtlinge erlebt haben, wäre es wichtig, daß sie in den Aufnahmeländern Solidarität spüren. So gibt es beispielsweise viel zu wenig Möglichkeiten der Schulausbildung oder Freizeitgestaltung für Kinder und Jugendliche; es gibt kaum Aktivitäten für Frauen, der überwiegenden Mehrheit unter den Flüchtlingen.
Projekt „Sonnenblumen“
Doch es gibt auch Ermutigendes, wie das Projekt „Sonnenblumen“: wo gemischt, mazedonisch- und albanischstämmige Frauen aus Mazedonien freiwillig mit internationalen Institutionen in den Lagern Programme organisieren. Das unterstreicht einerseits die Solidarität mit den Flüchtlingen und bringt andererseits Abwechslung in den Lageralltag.
Das heißt, der Friedensprozeß muß mit Vertrauensbildung beginnen?
Terselic: Was immer ein Ende der Nato-Bombardements bringen wird, als erster Schritt ist ein Prozeß der Vertrauensbildung notwendig. Dieser benötigt viel Zeit, und möglichst alle Gruppen der Gesellschaft müssen daran beteiligt werden. Darum ist es unbedingt notwendig, damit schon jetzt in den Flüchtlingslagern zu beginnen. Denn momentan gibt es kein Vertrauen, nirgendwo. Der Abgrund zwischen den Menschen ist tiefer als je zuvor.
Welche weiteren Maßnahmen sind notwendig, um einen Friedensprozeß in Gang zu bringen?
Terselic: Gegenwärtig ist nicht die Zeit, um ehrlich zum Dialog zu ermutigen. Meine Freunde im Kosovo, die ich seit Jahren kenne und die für eine gewaltfreie Lösung des Konflikts eingetreten sind, leben jetzt als Flüchtlinge in Mazedonien. Nach all dem, was sie erlebt haben, sagen viele von ihnen, sie wollen nicht mit Serben sprechen; sie sind zu sehr verletzt. Das heißt nicht, daß es für immer so bleiben wird.
Machtstrukturen
Wissen Sie wie es ist, mit jemandem zu reden, der einem gleichzeitig das Messer an den Hals setzt? Die Tatsache, daß in der Bundesrepublik Jugoslawien die Beziehungen unter den Ethnien von Gewalt geprägt sind, müssen zunächst alle erkennen und verstehen. Die Albaner wurden und werden nahezu als Untermenschen angesehen. Ohne fundamentalen Wandel im Respekt gegenüber den Albanern wird es keine Gespräche geben. Auch serbische Stimmen haben sich gegen diese Politik erhoben. Seit Jahren sind die „Frauen in Schwarz“ in Belgrad auf die Straße gegangen und haben dieses Unrecht angeprangert. Das Aus dafür kam mit den ersten Nato-Bomben.
Der Internationale Gerichtshof hat Slobodan Milosevic aber als Kriegsverbrecher angeklagt?
Terselic: Das war ein couragierter Akt. Denn als Unterzeichner des Dayton-Friedensabkommens galt er als „Garant des Friedens“. Doch in Wirklichkeit hat er sich dafür stark gemacht, daß die Kosovo-Frage darin nicht angesprochen wird, was ein schwerwiegender Fehler war. Es ist wichtig, daß nun Milosevic nicht länger als „Garant des Friedens“ dargestellt wird. Selbst wenn er nur irgend etwas unterschreibt, kann er morgen einen neuen Krieg in Montenegro, in Mazedonien oder Albanien vom Zaun brechen. Er darf nicht noch zusätzlich gestärkt werden, weil er jetzt ein Friedensabkommen unterschreibt.
Wann werden Ihrer Meinung nach die Vertriebenen in den Kosovo zurückkehren?
Terselic: Meine Hoffnung diesbezüglich ist äußerst gering. Jugoslawien wird bald dem Erdboden gleichgemacht sein, der Kosovo durch die Bomben vielleicht überhaupt unbewohnbar. Für die nächsten Jahre sehe ich kaum Möglichkeiten für ernstzunehmende Verhandlungen zwischen Serben und Albanern. Ich fürchte, der Kosovo wird ein Land der verbrannten Erde bleiben. Wir kennen diese Dörfer aus Kroatien – sie wurden zerstört und heute leben dort nur ganz wenige.
Welche Aufgaben für Friedensinitiativen sehen Sie im gegenwärtigen Konflikt?
Terselic: In all den Kriegen in unserer Region ist das Gute abhanden gekommen. Milosevic hat als erster die Tür zum Bösen aufgetan. Friedensinitiativen, die im Krieg normalerweise sehr klein sind, können diese Tür nicht schließen, aber sie haben eine große Aufgabe: die Werte der Menschenrechte und der Gewaltlosigkeit am Leben zu erhalten, damit die Keime der Toleranz und Solidarität nach dem Krieg erneut wachsen können. Wenn viele Verbrechen geschehen, werden die meisten Menschen damit verseucht. Und das hält lange an.
„Milosevic darf dadurch nicht noch zusätzlich gestärkt werden, weil er ein Friedensabkommen unterschreibt.“ Vesna TerselicVesna Terselic (37) war wesentlich am Zustandekommen der Anti-Kriegs-Kampagne in Kroatien 1991 beteiligt, deren Aktivitäten sie bis vor kurzem koordinierte. 1998 erhielt sie für ihren Einsatz zusammen mit Katarina Kruhonja den Preis für „verantwortungsvolle Lebensgestaltung“ – den Alternativ-Nobelpreis.