Anläßlich der Bibeltexte dieses Sonntags scheint es mir an der Zeit, davon zu sprechen, wie wir Namen nennen. In Rainer Maria Rilkes „Kornett“ liegt ein Liebespaar wie hinter tausend Mauern im Schloß. Er, der Kornett, wird morgen sterben, mit der Fahne in der Hand auf dem Schlachtfeld. In dieser letzten Nacht aber fragen sie nichts mehr. Es heißt nur: „Sie werden einander tausend Namen geben und alle wieder einander abnehmen.“ Die Tausend ist eine Zahl über alle Zahl. Wenn ich dieses Idealbild davon, wie ein Name genannt werden soll, mitempfinde, stößt es mir gleichzeitig sauer auf, wie weit weg von diesem Bild Namen genannt werden. Aber nur wie ich ringsum benenne, so nenne ich den Namen Gottes. Von daher scheint es mir nötig, sich vom Bild der Verliebten einholen zu lassen, bevor ich den Namen Gottes wieder in den Mund nehme. Das Gottesbild spiegelt das Menschenbild wider. Das Bild vom strengen Gott macht uns streng, das Bild vom eifersüchtigen Gott eifersüchtig, das Bild vom Weltenbaumeister könnte bei gleichzeitiger Mißachtung menschlicher Gegebenheiten in Staub und Geschäftigkeit aufgehen lassen. Es könnte sein, daß, wer Gott leugnet, aber zu den Menschen gut ist, sehr viel mehr von Gott versteht. Wem am Beweisen Gottes und an sonst wenig liegt, dem tritt der Beweis an die Stelle des Glaubens. Wem die Mitmenschen gleichgültig sind, dem wird auch Gott gleichgültig. Der Supermarkt gibt ein Bild davon: Die Menschen stoßen und schieben einander, jeder ist dem anderen im Weg. Und deshalb ist es menschlich so berührend, wenn sich in diesem Gewühle zwei erkennen oder einer dem anderen den Vortritt läßt.Der Name Gottes sollte zurückgehalten werden, wo nicht liebgehabt wird. Diskussionen voll der Nennung des Namens Gottes, ohne daß sich liebgehabt wird können darstellen, was Gottesferne ist. Diskussion heißt Zerschlagung; das Sich-Lieb-Haben könnte es sein, das da zerschlagen wird.Wie wir einander nennen, so ist Gott, uns nennend, unter uns. Jeder Mensch hat seinen eigenen unverwechselbaren Namen, und ihn soll ich zu erreichen suchen, denn so sucht mich auch Gott zu erreichen. Das heißt nicht, daß eine solche Namensnennung nur Liebe und Grießschmarr’n ist. Sie enthält die ganze Palette an Gefühlen, also auch Vorwurf und Tadel, Trauer und Enttäuschung bis hin zum Zorn. Die Namen der Zwölf Apostel werden im Evangelium genannt. Zur Geschichte ihrer Namen gehören Kapellen, Kirchen und Heiligtümer. „Nur über meine Leiche“ sagt das Ich, das Du aber sagt: „Nur über meinen Namen!“