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Vergessene Flüchtlinge

Mehrere tausend Vertriebene aus dem Kosovo leben in Bulgarien
Ausgabe: 1999/24, Flüchtlinge, Kosovo, Bulgarien, KA
15.06.1999
- Angelika Walser
Das Land, in dem sie Zuflucht gefunden haben, steckt selbst in einer schweren Krise. Für 500 Flüchtlinge in Bulgarien kommt nun Hilfe von der Katholischen Aktion Österreichs und der Caritas.

Zusammen mit Zdzavka Poudzeva, einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin der Pfarre St. Giuseppe, ist der polnische Kapuzinerpater Krzysztof unterwegs nach Kjustendil, einer Stadt 100 Kilometer westlich der bulgarischen Hauptstadt Sofia, nahe der Grenze zu Mazedonien. Dort leben Flüchtlinge aus dem Kosovo, die dringend Hilfe brauchen.
Seit Kriegsausbruch haben mehrere tausend Menschen aus Jugoslawien und Mazedonien die Grenze nach Bulgarien überquert; unter ihnen nicht nur Kosovo-Albaner, sondern auch Serben. Die Regierung in Sofia spricht von 296 offiziell registrierten Flüchtlingen. Weitere 2500 würden sich mit einem Touristenvisum im Land aufhalten. Inoffiziell wird allerdings von 20.000 gesprochen.
Das ehemals kommunistische Bulgarien hat nach der Wende 1989 den Absatzmarkt der sozialistischen „Bruderländer“ verloren. Heute sind 12,5 Prozent der achteinhalb Millionen Bulgaren arbeitslos. Erst vor zwei Jahren kam es in Sofia zu Unruhen, weil verzweifelte Pensionisten nicht mehr wußten, wie sie von 35 Schilling Pension im Monat leben sollten. „Es ist nicht so einfach, den Leuten in ihrer Armut klarzumachen, daß die Flüchtlinge aus dem Kosovo momentan für uns Vorrang haben“, erklärt Frau Zdzavka.
Kurz vor Kjustendil hält Pater Krzysztof den Caritas-Bus vor einem Einfamilienhaus. Und da sind sie auch schon: Drei kleine Buben mit braunen Augen balgen sich um die Sackerln mit Maccaroni, Mehl, Öl, Bohnen und Trockenmilch. Ein hochgewachsener weißhaariger Herr – der Familienvater – heißt uns herzlich willkommen: „Professor Kryeziu“ stellt er sich vor, „Professor für Physik an der pädagogischen Hochschule“. Seine drei Töchter servieren schwarzen süßen Kaffee, während ihr Vater Fotos vom Haus in Gjilan zeigt, einer Stadt in der Nähe von Pristina. „Wir haben dort zur wohlhabenderen Schicht gehört“, sagt er. „Alles Geld haben wir mitgenommen. Jetzt, nach zwei Monaten, sind unsere Reserven aufgebraucht. Wir haben wirklich nichts mehr!“ Und mit einem Blick auf Zdzavka: „Ohne die Lebensmittelpakete der Caritas und ohne das große Herz unserer bulgarischen Nachbarn könnten wir nicht überleben!“

Hoffen auf Rückkehr


Neben Pater Krzysztof thront stolz der zwölfjährige Driton, der Sohn der Familie Kryeziu. Er ist unser Lotse zur zweiten Familie, die ebenfalls um Hilfe gebeten hat. Kjustendil, eine Stadt mit 100.000 Einwohnern, empfängt uns mit den sozialistischen Plattenbauten. Dort im sechsten Stock leben auf 65 qm zehn Personen – drei Familien mit einer ständig durcheinander wuselnden Kinderschar. Ihre Mütter sind blaß und verhärmt. Tiefe Furchen haben sich in die Gesichter eingegraben. „Wir müssen dem bulgarischen Wohnungsbesitzer Miete zahlen“, erzählt Fitim Guda in gebrochenem Englisch. „Er ist ein guter Mann, aber er ist auch arm. Er braucht das Geld. Aber wir haben doch nichts mehr! Die Serben haben uns alles Geld an der Grenze abgenommen. Einer sagte: Das ist die Nato. Aber ihr habt es ja so gewollt!“
Sein linkes Bein, das er lässig über das andere geschlagen hat, beginnt nervös zu zittern. Unruhig versucht er, es unter Kontrolle zu bringen. Denkt er an daheim? Er schluckt; dann schaut er weg und sagt leise statt einer Antwort: „Wir schauen nonstop Nachrichten. Immer nur CNN. Den ganzen Tag. Wir tun nichts anderes. Wir leben davon, zurückzukehren in unsere Heimat.“

Spendenkonto für die Flüchtlingshilfe in Bulgarien: 7.700.004 (PSK); Kennwort „Kosovohilfe – 50 Jahre Katholische Aktion Österreich“


„Es ist nicht einfach, den Leuten in ihrer Armut klarzumachen, daß die Flüchtlinge momentan für uns Vorrang haben.“


KURZ GEMELDET


Große Arbeit beginnt


Rom. Mit Erleichterung hat der Vatikan auf die sich abzeichnende Friedenslösung reagiert. „Endlich kann man auf dem Balkan und insbesondere im Kosovo mit dem Aufbau einer Zukunft der Entwicklung und des Respekts für Menschen und Völker beginnen“, schrieb die Vatikanzeitung „Osservatore Romano“ zur Friedensvereinbarung. Nun gehe es um die Lösung der Probleme mit friedlichen Mitteln, denn „die Abwesenheit eines bewaffneten Konfliktes bedeutet noch nicht Frieden“, so das Blatt weiter. Nun beginne eine große Arbeit, die mit ehrlicher Absicht auf eine „wünschenswerte, notwendige und mögliche Versöhnung“ angegangen werden müsse, so der Osservatore.

Überstürzte Rückkehr


Wien. Caritas-Präsident Franz Küberl hat vor einer überstürzten Rückkehr der Kosovo-Flüchtlinge gewarnt: „Es wäre unverantwortlich, sie vorschnell nach Hause zu schicken. Es darf nicht passieren, daß Flüchtlinge, die sich gerade erst in Sicherheit bringen konnten, jetzt um ihr Leben bangen müssen: weil ihre Felder vermint sind, weil ihre Häuser nur mehr Ruinen sind, weil ihnen jede Existenzgrundlage fehlt.“ Bereits zwei Tage nach Unterzeichnung der Friedensvereinbarung hatte Innenminister Karl Schlögl Pläne zur baldigen Rückkehr der in Österreich untergebrachten Flüchtlinge bekanntgegeben.

Im Kosovo bleiben


Belgrad. Der serbisch-orthodoxe Metropolit für den Kosovo, Amfilohije Radovic, hat die Priester und Mönche angewiesen, die Serben zum Bleiben zu ermutigen. Gleichzeitig gab er Ratschläge für den Umgang mit der internationalen Friedenstruppe: Niemand sollte sich von persönlichen Gefühlen zu Beleidigungen und Provokationen hinreißen lassen.
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