Integration im Kindergarten ist eine Lebensschule für alle Kinder
Ausgabe: 1999/24, Integration, St. Florian
15.06.1999
- Kirchenzeitung der Diözese Linz
Bernhard besucht als behindertes Kind mit Down- Syndrom in einer Integrationsgruppe den Kindergarten im Ort.
Er muß somit keine langen Wegzeiten in einen Sonderkindergarten in Kauf nehmen und hat seine Kindergartenfreunde in unmittelbarer Umgebung in seinem Heimatort St. Florian bei Linz, sei es am Spielplatz oder beim Einkaufen. In der Puppenecke darf Bernhard oft den Vater spielen. „Weil er lieb ist und nicht so wild“, so die einstimmige Meinung der eifrigen Puppenmamas in der Kindergartengruppe „Bernhard ist unkompliziert. Er ist ein allseits akzeptiertes Mitglied der Gruppe – und die Kinder lernen voneinander“, sagt Kindergarten-Gruppenleiterin Monika Baumgartner, der Integration im Kindergarten ein persönliches Anliegen ist. Beratung und wertvolle Unterstützung erfährt sie von einer der vom Land OÖ beauftragten mobilen Sonderkindergärtnerinnen der Caritas.
Auch wenn sich die Kinder durch den ganz normalen Umgang mit behinderten Gleichaltrigen in Fähigkeiten wie Toleranz und Rücksichtnahme üben, ist nicht überall, aber doch immer öfter möglich, was hier im Pfarrcaritas-Kindergarten von St. Florian, der in diesen Tagen seinen 130. Geburtstag feiert, in vorbildlicher Weise funktioniert – Integration im Regelkindergarten.
Eine Vision?
Das Kindergartengesetz ist ein Landesgesetz. Einen gesetzlichen Anspruch auf einen Kindergartenplatz gibt es in Oberösterreich genausowenig wie in den meisten anderen Bundesländern. Das trifft auf behinderte und nicht-behinderte Kinder gleichermaßen zu. Erfreulich ist, daß es in Oberösterreich bereits mehr als 100 integrativ geführte Kindergärten gibt.
(Der Vollständigkeit halber soll erwähnt werden, daß es darüberhinaus auch Kinder gibt, für die es auf Grund ihrer Behinderung von Vorteil ist, in einem speziellen heilpädagogischen Kindergarten betreut zu werden.)In Oberösterreich wurden 1998/99 beim Amt der oö. Landesregierung 186 Ansuchen für den Besuch von behinderten Kindern in Regelkindergärten gestellt. In St. Florian geht die Initiative für die Integration auf die Eltern Bernhards, das Ehepaar Ing. Hannes und Gerlinde Hofer, zurück. Vor vier Jahren stießen sie mit ihrem Wunsch nach Integration auf offene Ohren bei den Kindergartenerhaltern und -betreibern – in diesem Fall Caritas, Pfarre und Gemeinde. Im Herbst, wenn Bernhard in die Schule kommt, wird die Gruppe weiter integrativ geführt, da schon wieder ein Kind wartet. Das pädagogische Konzept eines Kindergartens für alle gründet auf der Vision einer Gesellschaft, in der kein Mensch ausgeschlossen wird und alle gleichermaßen Platz finden. Für Kinder ist das ohnehin keine Frage. In der Welt der Erwachsenen ist es freilich nicht ganz so einfach. Hannes Hofer sähe in einer gesetzlichen Regelung der Integra-tionsmöglichkeit besonders für Eltern von „Kindern mit besonderen Bedürfnissen“, wie behinderte Kinder auch genannt werden, eine große Erleichterung, da dadurch alle Kinder gleichgestellt würden. Derzeit ist Integration von verschiedenen Kriterien abhängig – was den Eltern behinderter Kinder ihre ohnehin nicht einfachen Aufgaben noch zusätzlich erschwert. Integration im Kindergarten heißt z. B.: Eine eigene Stützkraft muß beim Land OÖ beantragt werden, weniger Kinder werden in die Gruppe aufgenommen, die räumlichen Voraussetzungen müssen gegeben sein, und es braucht spezielle Fördermaterialien – die meisten Kindergartenbetreiber und -erhalter, wie Gemeinden, Pfarren und Vereine, leisten den Mehraufwand. Auch muß eine Kindergärtnerin bereit sein, eine integrative Gruppe zu führen – im Idealfall eine Sonderkindergärtnerin.
Genau abwägen
Für Mag. Peter Riedl von der Abteilung Heilpädagogik der Caritas der Diözese Linz heißt es, genau abzuwägen, was für das einzelne Kind gut ist. Oft ist es eine Gratwanderung für die Verantwortlichen. Peter Riedl: „Nicht immer passen die Rahmenbedingungen. Mit gutem Willen lassen sich aber Wege finden.“ Es bestehen naturgegeben Unterschiede zwischen Kindern mit Down-Syndrom, autistischen Kindern, spastischen Kindern, Kindern mit Teilleistungsstörungen, Wahrnehmungsstörungen, körperlichen Gebrechen oder Verhaltensauffälligkeiten. Es kommt dabei auf die bestehenden – und noch zu schaffenden – Bedingungen an. „Es muß ein gerechtes System sein, in dem Gleichberechtigung herrscht, damit Integration für die einen nicht zum Nachteil anderer passiert“, so Peter Riedl. Daß eine integrativ geführte Gruppe für alle Kinder und nicht nur für das behinderte Kind und seine Eltern ein Gewinn ist, zeigt das Beispiel St. Florian.
Feierprogramm
- Sonntag, den 20. Juni feiert der Pfarrcaritas-Kindergarten St. Florian, Wiener Straße, sein 130jähriges Bestehen. Er ist einer der ältesten Kindergärten des Landes. - Um 10 Uhr findet ein Familiengottesdienst statt. Anschließend ist Tag der offenen Tür mit der Aufführung der Apfelbaumgeschichte von Mira Lobe.