Der rechte Umgang mit Konfliken öffnet den Blick auf die versöhnende Hand Gottes
Ausgabe: 1999/24, faires Streiten
15.06.1999
- Mag. Ewald Staltner
Konflikte gehören zur Wirklichkeit des Lebens. Die Frage ist, wie wir damit umgehen. Umkehr und Versöhnung ist ein Weg, das Pochen auf das Recht (des Stärkeren) und Verhärtung ein anderer. Gott ist einer, der versöhnte Neuanfänge liebt.
Schauen wir, wie unsere Gesellschaft mit Konflikten umgeht, dann sehen wir ein sehr gespaltenes Bild. Einerseits werden Streit und Gewalt laut angeprangert und auf Friede und Versöhnung gepocht; andererseits erfahren wir sehr deutlich, daß wir in einer unversöhnten Welt leben, daß nur all zu oft das Recht des Stärkeren dominiert, daß Versöhnung scheitert, weil Einsicht und Umkehrbereitschaft fehlen. Auch unsere Kinder machen diese Erfahrungen. Sie erleben diese unversöhnte Realität aus den Medien – ob in Filmen, Serien oder Berichten aus dem Kosovo – und sie erleben sie in ihrer Welt, im Familienzwist, im Streit der Eltern, in der Ausgrenzung von fremden Kindern etc.
Eine biblische Lektion
Konflikte und – sogar – Streit sind nicht grundsätzlich etwas Schlechtes. Es kann auch ein ungesundes Verdrängen geben, wenn aus Scheu vor der Auseinandersetzung immer der/dieselbe auf seine/ihre Meinung verzichtet. Die Frage ist wohl eher die nach der Konfliktkultur, d. h. wie gehe ich mit dem um, daß der/die andere nicht derselben Meinung ist oder daß sie/er völlig anders reagiert als erwartet. Wie kommen wir also zu Formen der Auseinandersetzung, die geprägt sind vom Ernstnehmen des/der anderen, von Fairness und gegenseitiger Achtung? Die Josefsgeschichte, wie sie uns im Alten Testament (Gen 37–50) erzählt wird, gibt uns ein konkretes Beispiel für eine Versöhnungsgeschichte. Nachdem die Brüder Josef Unrecht getan und ihn verkauft hatten (Gen 37), versuchten sie zunächst ihre Tat zu verdrängen, was nicht gelang. Der am ägyptischen Hof zu Ansehen gekommene Josef verzichtet in der Begegnung mit seinen Brüdern auf Rache, führt ihnen aber die Ungerechtigkeit ihres früheren Tuns vor Augen (Gen 42). Gerade in der Erinnerung und im Eingeständnis an die Schuld beginnt die Umkehr und somit der Heilungsprozeß, an dessen Ende die Versöhnung steht (Gen 45). Ähnlich könnte auch eine unseren Kindern vorgelebte Praxis aussehen. Auf die Eskalation, den Ausbruch des Konflikts, folgt nur allzu oft ein (Ver)Schweigen. Wir versuchen, uns durch Verdrängen vor der Verantwortung und den Konsequenzen zu drücken. Um aber zu einer Versöhnung zu gelangen, bedarf es des konkreten Ansprechens des Konfliktes und des Unrechts, der Erinnerung an die zunächst verdrängte Schuld. Nur so kann Heilung und Bewährung in neu gestalteter Wirklichkeit geschehen. Umkehr und Verzicht auf Rache sind dabei die bestimmenden Momente auf seiten der Konfliktpartner. Das gemeinsame Ziel der Aussöhnung und des Neuanfangs kann nur über eine Verständigung hinsichtlich des trennenden Unrechts geschehen.
Mit den Kindern wachsen
Wenn wir es schaffen, ähnliches in unserem Alltag vor und mit unseren Kindern zu leben, so werden nicht nur unsere Kinder für friedliche Wege der Konfliktlösung sensibel machen, wir werden auch selber zunehmend in unserer Konfliktkultur reifen. Inspiriert vom Geiste Jesu, von seiner Botschaft der Gewaltfreiheit können wir uns einüben in ein ,faires Streiten‘, das den/die andere/n als Person ernst nimmt und am Ende einer jeden Auseinandersetzung um Versöhnung ringt. Schwächen und Fehler können so fruchtbar gemacht werden für Umkehr und Neubeginn. Versöhnung ist die Haltung, wie sie uns in den zahlreichen Erfahrungen Israels mit seinem Gott, der immer wieder die Chance zur Umkehr gibt, überliefert ist und wie sie uns von Jesus als ein Programm unseres Glaubens besonders ans Herz gelegt wurde. Nur über den Verzicht auf das Recht des Stärkeren und über das beständige Bemühen um Dialog und friedfertige Konfliktlösungsmodelle werden wir diesem hohen Anspruch gerecht.
Für Konflikte in der Familie
Für eine positive Konfliktkultur in der Familie ist hilfreich, o daß wir Rituale der Versöhnung entwickeln, die sich an der Verschuldensfrage orientieren, d. h. daß auch ich mich bei meinem Sohn entschuldige, wenn ich ihm Unrecht getan habe;
o daß wir uns auch nach einer heftigen Auseinander-setzung wieder zusammen-setzen und nicht der Streit das letzte Wort hat. Zu erleben, daß trotz heftiger Meinungsverschiedenheit gegenseitige Wertschätzung und Liebe den Disput bestimmen, ist meines Erachtens eine wesentliche Erfahrung für Kinder.
Im übrigen können wir als Erwachsene gerade in puncto Konfliktkultur viel von unseren Kindern lernen: so heftig und auch so hart so mancher Streit ist, so schnell kommt es auch wieder zur Versöhnung und zur Rückkehr (zum Neubeginn) altgewohnter Freundschaft.