Serie: Spuren des 20. Jahrhunderts: 1917 begann eine neue Form der Unterdrückung für die Christen
Ausgabe: 1999/33, Christenverfolgung
17.08.1999
- Kirchenzeitung der Diözese Linz, Diethild Treffert
Das Jahrhundert des Kommunismus war für Millionen eine Zeit der Verfolgung, wie sie nicht hätte schlimmer sein können. Und zur selben Zeit wächst das Interesse an der christlichen Botschaft.
Im Rückblick erweist sich das Jahr 1917 als besonderer Drehpunkt. In jenem Jahr wurde Russland von zwei Revolutionen erschüttert: In der Folge der Februarrevolution tritt der Zar zurück, eine bürgerliche provisorische Regierung etabliert sich. Dann aber lässt der deutsche Generalstab aus kriegsstrategischen Gründen Lenin und seine Kampfgenossen im plombierten Waggon aus dem Schweizer Exil in ihre Heimat zurücktransportieren, ausgestattet mit Millionen an Goldmark aus Deutschland und Österreich. Sie brauchen ein halbes Jahr, um die „Oktoberrevolution“ zu organisieren und ein bolschewistisches Regime zu installieren. Zar Nikolaus II. und seine Familie werden ermordet, ebenso fast der gesamte Adel des Landes. Auch die orthodoxe Kirche, die Religion schlechthin, ist Opfer des „Roten Terrors“. Kirchen werden zerstört, geschändete Priester auf offener Straße und am Altar erschossen.
Religionskampf der Kommunisten
Die Auswirkungen dieser „größten Christenverfolgung aller Zeiten“ waren jedoch nicht ausschließlich negativ. Im Verlauf von 70 Jahren traten unerwartete Reaktionen der Bevölkerung zutage. In besonderem Maße waren zunächst orthodoxe Christen vom Religionskampf der Kommunisten betroffen; später auch Katholiken und Angehörige evangelikaler Gemeinschaften. Sie alle litten zusammen in den sibirischen Lagern und entwickelten dort eine erstaunliche ökumenische Partnerschaft. Die großen christlichen Feste wurden unter äußerster Gefahr in aller Heimlichkeit gemeinsam gefeiert, Bibelverse aus dem Gedächtnis zitiert und gebetet. Freundschaften über konfessionelle Grenzen hinweg entstanden. Aber es entwickelte sich auch, vor allem unter der Jugend, ein Bedürfnis nach geistlichem Sinnverständnis. Priester, die den Mut hatten, die Fragen der jungen Menschen im christlichen Sinn zu beantworten, wurden als „Geheimtip“ weitergereicht (siehe linke Spalte). „Ich habe nicht Hände genug zu taufen“, sagte einer dieser Priester. Es gab Prozesse gegen junge Christen, aber sie wirkten nicht abschreckend. Die Bibel entwickelte ihre zündende Kraft wie vor 2000 Jahren. „Gelobt sei Jesus Christus“, sagte der Mathematiker Walerij Senderow, als er zu 15 Jahren Freiheitsentzug verurteilt worden war.
Der vermeintliche Siegeszug
Die kommunistischen Ideen sickerten über die Grenzen hinweg, bahnten sich ihren Weg nicht nur durch Europa, sondern griffen auf andere Kontinente über. Sie eroberten afrikanische Länder mit dem Versprechen der Befreiung vom Kolonialismus; befreit werden sollte auch China. In Korea entfesselte die Schimäre einen grausamen Krieg. In Kuba ermöglichte die „kommunistische Befreiung“ dem Diktator Fidel Castro die Machtergreifung. Nirgendwo befreite der Kommunismus jedoch die Völker; er zwängte sie in andere, meist noch drückendere Unterwerfung. Und immer wurden Christen verfolgt. Es gab Versuche, einen Dialog mit dem Regime zu führen unter dem Aspekt, dass die marxistisch-sozialistische Lehre wie auch das Christentum den Armen und Unterdrückten Hilfe bringen wolle. Die gut gemeinten Versuche scheiterten alle. In Rußland war es die orthodoxe „Erneuerungskirche“, in Ungarn und der CSSR waren es die „Friedenspriester“.Die Wende setzte 1985 wiederum in Russland ein. Als Michail Gorbatschow für die Sowjetunion die Prinzipien „Glasnost“ (Offenheit) und „Perestrojka“ (Umgestaltung) verkündete, wurden in der Folge Religionsfreiheit zum grundlegenden Recht. Das Jahr 1989 brachte die gleichen Freiheiten für ganz Osteuropa. Selbst Albanien erlangte seine Freiheit, das unter Enver Hodscha 1967 zum „Ersten atheistischen Staat der Welt“ ausgerufen worden war und schließlich eine kaum mehr vorstellbare Christenverfolgung zu durchleiden hatte. Schöne neue Welt der Konsumgesellschaft Wer aber darauf gehofft hatte, daß sich die positiven Erscheinungen aus jener Zeit zur Massenbewegung weiterentwickeln würden, musste bald feststellen, dass vielmehr die „schöne neue Welt der Konsumgesellschaft“ die Ansätze zur Neuevangelisierung und Ökumene überwucherte. Der Kapitalismus drang in den Osten, um Geschäfte zu machen, und überschüttete die Länder zunächst mit seinen übelsten Auswüchsen. So haben die Menschen in diesen Ländern am Ende des Jahrhunderts mit dem Rest des Kommunismus in ihren Köpfen zu kämpfen und gleichzeitig mit den verhängnisvollen Auswirkungen eines rigorosen Kapitalismus.Und doch war Gott mit der Kirche in all den Jahren. So schenkte er jenen katholischen Ländern, die in besonders gemeiner Weise unter dem kommunistischen Regime zu leiden hatten, große Persönlichkeiten, wie Stefan Wyszynski, den Primas von Polen, und Frantisek Tomasek, den Kardinal von Prag. Beide führten ihre Kirche unnachgiebig und dennoch mit diplomatischem Geschick durch die unsäglich komplizierten Fährnisse der Zeit. Wyszynski starb, nachdem er sein Polen in die Hände des polnischen Papstes legen konnte. Tomasek durfte die Wende noch erleben und seinem Volk die zehnjährige Vorbereitungszeit auf die Jahrtausendwende als Testament mit auf den Weg geben.
Auch das geschah 1917
Und noch etwas ist in jenem Jahr 1917 geschehen: Die Gottesmutter erschien in Portugal drei Hirtenkindern und sagte ihnen exakt voraus, was sich in Russland ereignen würde. Sie prophezeite die Ausbreitung der „Irrlehren“ über die ganze Welt, den Zweiten Weltkrieg und das Attentat auf den Papst. Sie bat darum, den Rosenkranz zu beten, um all das Unglück abzuwenden. Aber eine Katastrophe nach der anderen geschah. Haben wir nicht genug gebetet?
Zeitzeugen
Dorfpfarrer für halb Moskau
Für Sinnsuchende in der Zeit der Verfolgung galt der russisch-orthodoxe Priester als „Geheimtip“: Alexander Men. Der Dorfpfarrer lebte zwar in Nowaja Derewnja, unweit des großen Dreifaltigkeitsklosters in Sergijew Posad, dem früheren Zagorsk. Aber „halb Moskau war seine Gemeinde“. Unzählige hat Vater Alexander in jenen Jahren zum Glauben geführt, unter ihnen den Schriftsteller Alexander Solschenizyn. Alexander Men war Jude; aber seine Mutter hatte sich schon taufen lassen und ihre beiden Söhne christlich erzogen. Religiös tolerant, stand er besonders dem Katholizismus nahe. „Er war zu Tränen erschüttert, nachdem er die Kommunion aus den Händen des Papstes empfangen hatte“, schildert seine Tochter Jelena, die heute als Ikonenmalerin in Rom lebt.Nach Gewährung der Religionsfreiheit veröffentlichte Vater Alexander Bücher, trat häufig im Fernsehen auf, schrieb Artikel in großen Moskauer Zeitungen. Mit dem Segen von Patriarch Alexij II. gründete er 1990 die Orthodoxe Universität in Moskau, die heute seinen Namen trägt. Auf dem Weg zu seiner Kirche wurde der prominente Oppositionelle am 9. September 1990 mit einer Axt erschlagen. Der Mord am Erzpriester wurde nie aufgeklärt, doch immer wieder mit den Machenschaften des Geheimdienstes KGB in Verbindung gebracht. Alter Sitte gemäß, errichtete seine große Gemeinde an der Stelle der Bluttat eine Kapelle.
Verlogene Versprechungen
Mit dem atheistischen Kommunismus sind in diesem Jahrhundert diabolische Kräfte über Europa hereingebrochen. Mit verlogenen Versprechungen unterwarfen die Bolschewiki die russischen Volksmassen. Sie lockten selbst die orthodoxe Kirche in die Falle, versprachen das Ende der Verfolgung als Gegenleistung zur Zusammenarbeit. Zu spät merkten die Metropoliten, dass sie damit ins Lügennetz verstrickt wurden. Nur wenige durchschauten das teuflische Spiel, dessen Anfang der deutsche Generalstab ermöglichte. Wer es durchschaute und darüber sprach, wurde für Jahre in sibirische Lager geschickt, in Zwangspsychiatrie gesperrt oder zum Exil gezwungen. Ich habe vor der Wende die UdSSR und danach Russland besucht; ich bin jenen begegnet, die sich aus christlicher Überzeugung dem boshaften System widersetzten. Damals war ich überzeugt: sollte es je einen Umschwung geben, dann würden diese zutiefst gläubigen Menschen den bösen Geist der Vergangenheit überwinden. Erste Zweifel kamen mir, als der „American Way of Life“ über Moskau hereinbrach – es entsprach so gar nicht russischer Mentalität. Der Marxismus-Leninismus ist noch in den russischen Köpfen verwurzelt, selbst wenn sie aufrechten Demokraten gehören. Aber eines Tages wird der Kommunismus nicht mehr als ein Phänomen der Geschichte sein, so