Am Ort der geplanten Atomanlage steht heute ein florierender Industriepark. Vorbild für Femelin?
Ausgabe: 1999/34, Wackersdorf
24.08.1999
- Peter Zechmeister
Vor zehn Jahren kam das Aus für Wackersdorf. Heute haben sich auf dem Gelände der geplanten Atomanlage viele Firmen angesiedelt. Eine Chance für Temelin?
In den Achtzigerjahren wollte die Atomindustrie im bayerischen Wackersdorf eine Wiederaufbereitungsanlage (WAA) errichten. Ähnliche Anlagen zur Anreicherung von radioaktivem Uran stehen bereits in Frankreich und England. Häufige Unfälle verseuchen dort Mensch und Natur.Das Vorhaben scheiterte am Widerstand der bayrischen Bevölkerung. Mit brutalen Methoden ging die Polizei gegen Demonstranten vor. Doch Überzeugung und Widerstand siegten zu guter Letzt über Kampfgas und Knüppelhiebe. Ein 28 Millionen Mark teurer und fünf Kilometer langer Eisenzaun sollte für ungestörten Baufortschritt sorgen. Heute ist er geschliffen. Auf der knapp anderthalb Quadratkilometer großen Fläche haben sich Firmen angesiedelt. Allen voran BMW. „Das Gelände wurde zu einem günstigen Preis an die Industrie verkauft, fast verschenkt“, erzählt Hans Schuierer. Der damalige SPD-Landrat hat sich durch seine Haltung gegen die WAA den Zorn der bayrischen CSU-Regierung eingehandelt. Damals sei der Braunkohlebergbau geschlossen worden. Die Arbeitslosigkeit von 25 Prozent habe der Atomindustrie gerade gepasst, berichtet Schuierer. 1.600 Arbeitsplätze habe man der Bevölkerung mit der WAA versprochen. Heute sind es 2.800, die im Industriepark Wackersdorf eine Arbeit finden.
Vorbild für Temelin?
Das Österreichisch-Tschechische Anti-Atom-Komitee schlägt anlässlich einer Pressefahrt nach Wackersdorf vor, Temelin alternativ zu nutzen. Entweder als Müllverbrennungsanlage mit Recycling-Center oder als Gasdampfwerk. Zusätzlich solle Platz und Infrastruktur für einen Industriepark geschaffen werden. Die mitreisenden tschechischen Journalisten sind sich ob einer Vergleichbarkeit von Temelin mit Wackersdorf nicht so sicher. Widerstand in der Bevölkerung sei praktisch nicht vorhanden. Zur Zeit würden die Leute zuviele andere Probleme haben, meinen sie.