Kein Anlass für Untergangsstimmung in der religiösen Erziehung
Ausgabe: 1999/34, religiöse Erziehung, Dr. Anton Bucher
24.08.1999
- Hans Baumgartner
Leben und Glauben an der Zeitenwende: Mit dieser Frage beschäftigten sich in Salzburg die Internationale Pädagogische Werktagung und die Hochschulwochen. Die Kirchenzeitung sprach mit dem Religionspädagogen Anton Bucher.
Eltern sagen: Religiöse Erziehung ist ihnen unwichtig. Jugendliche sagen: Das Leben genießen ist in; Kirche ist out. Religionslehrer sagen: Wir haben ganze Klassen, wo kein Kind mehr das Vaterunser kann. Wo sehen Sie Religiosität und die religiöse Erziehung: Im Übergang oder Untergang?
Bucher: Es wäre falsch, die hier angesprochenen Untersuchungen und Erfahrungen einfach beiseite zu schieben. Sie zeigen ohne Zweifel eine Krise der – zumindest kirchlich gebundenen – religiösen Erziehung und Religiosität an. Ich würde sagen, die Zahl junger Eltern ist stark rückläufig, denen es ein Anliegen ist, dass ihre Kinder in die Kirche hineinwachsen und an ihrem Leben teilnehmen. Auf der anderen Seite zeigen gerade tiefer gehende Studien (Europäische Wertestudie), dass es nach wie vor vielen Eltern wichtig ist, ihren Kindern Werte zu vermitteln, die gar nicht so weit weg sind von den „Werken der Nächstenliebe und Barmherzigkeit“ des Matthäusevangeliums. Es ist ja auch bemerkenswert, dass nach wie vor die meisten Kinder getauft werden, dass in vielen Familien das Kirchenjahr irgendwie gefeiert wird und dass immer noch überraschend viele junge Leute kirchlich heiraten. Noch auf etwas möchte ich verweisen: Eltern, die ihr(e) Kind(er) – so wie Jesus – in die Mitte stellen, ihnen Aufmerksamkeit, Geduld, Bereitschaft zum Zuhören und Zärtlichkeit entgegenbringen, leisten ein Stück religiöse Erziehung, auch wenn sie das gar nicht bewusst im Sinn haben. Sie leisten einen Beitrag dazu, dass die gottgestiftete Würde eines jeden Menschen aufleuchtet, die unabhängig ist von seiner Leistung, seiner Schönheit oder seiner Reife. Schließlich ist es meiner Erfahrung nach nicht so, dass alle Jugendlichen nichts anders wollen, als möglichst egoistisch das Leben zu genießen. Nach wie vor engagieren sich viele ehrenamtlich in Vereinen und schätzen Gemeinschaft, Freundschaft und Treue.
Es ist heute immer wieder von einer neuen Sinnsuche, von einer neuen religiösen Sehnsucht die Rede. Ist das ein neuer Aufbruch oder nur die wachsende Ratlosigkeit?
Bucher: Sinnsuche hat es schon immer gegeben. Der Mensch ist ein Wesen, das auf Sinn und Antwort angewiesen ist. Das Leben schafft immer wieder Situationen, wo der Mensch mit den Grundfragen seiner Existenz konfrontiert wird – und wenn es nur der Aufschrei „Warum?!“ eines Jugendlichen ist, der erleben musste, wie sein Freund an Krebs stirbt oder bei einem Verkehrsunfall zu Tode kommt. Diese Suche nach dem Sinn und dem Halt des Lebens ist heute schwieriger geworden. Früher war es doch so, dass in unserer Kultur die christliche Religion eine Art Antwortmonopol hatte auf die Grundfragen „Woher komme ich?“, „Wer bin ich?“, Wohin gehe ich?“. Es gab kaum Alternativen. Heute gibt es eine ungemein breite Palette an Sinnangeboten, von den unterschiedlichsten religiösen Traditionen bis zu allen möglichen esoterischen Weltvorstellungen und Menschenbildern.
Einer steirischen Studie zufolge glauben Jugendliche zunehmend an magische Weltbilder und okkulte Praktiken. Woher kommt das?
Bucher: Meiner Erfahrung nach ist der Okkultismus-Boom unter Jugendlichen wieder vorbei. Weil die Medien über solche Dinge immer wieder berichten, wissen sie oberflächlich relativ gut Bescheid und probieren aus Neugier vielleicht das eine oder andere aus. Aber auch wir haben in unserer Jugend gependelt. Der Anteil der Jugendlichen, die vor einer wichtigen Lebensentscheidung derartige Praktiken anwenden, aber ist verschwindend gering.
Kinderstube Fernsehen
Viele behaupten, dass wir heute in einer Welt leben, in der Wirklichkeits- und Wertevermittlung immer mehr über Medien abläuft. In diesen aber tummelt sich oft ein beliebiger Wertepluralismus und eine Verengung der Wirklichkeit auf verkaufsträchtige Reize. Sehen Sie das auch so und welche Konsequenzen wären daraus zu ziehen?Bucher: Es ist sicher richtig, dass wir uns heute der Allgegenwart der Medien kaum entziehen können. In vielen Haushalten sind an die 30 Fernsehkanäle zu empfangen. Und es stimmt auch, dass im Konkurrenzkampf der Medienmacher sowohl im Informations- wie auch im Unterhaltungsbereich die Reizdosis ständig erhöht wird. Die Frage ist, wie wir damit umgehen – in der Kirche ebenso wie in der Gesellschaft. Ablehnen allein ist zu wenig; der Zug ist nicht mehr zu stoppen. Eine Frage ist, ob genug getan wird – auch von der Kirche –, damit aus Medienkonsumenten unterscheidungsfähige, kritische Zuschauer/ innen, Leser/innen werden. Eine andere frage ist, ob wir als Kirche professionell genug sind, diese Medien auch für die Botschaft Jesu zu nutzen. Ein weiteres Thema ist das der Wertevermittlung. Da sagen uns Studien doch sehr eindeutig, dass die Prägung durch die Medien deutlich geringer ist als jene durch das soziale Umfeld der Kinder und Jugendlichen.
Immer weniger Jugendliche sind in der kirchlichen Infrastruktur beheimatet (Pfarren oder Jugendorganisationen). Was bedeutet das für Eltern(bildung) und den Religionsunterricht.
Bucher: Zuerst möchte ich es positiv formulieren. Es gibt in Österreich noch relativ viele Jugendliche, die beispielsweise in Vereinen organisiert sind. Dort geschieht neben anderem auch eine positive Vermittlung von Werten wie Gemeinschaft, Solidarität, Verlässlichkeit oder Rücksichtnahme. Im kirchlichen Bereich sind diese Räume in großer Zahl verschwunden, wo Jugendliche aneinander reifen können, wo sie selber ihre Erfahrungen des Lebens und des Glaubens machen können. Das hängt auch damit zusammen, dass vielfach erwachsene Identifikationspersonen fehlen, wie das früher oft die Kapläne waren. Diese Gruppenbeheimatung und dieses Experimentierlabor des Lebens und Glaubens kann der Religionsunterricht nicht ersetzen – und das können auch die Eltern nicht ersetzen; geht es doch gerade in dieser Phase darum, dass sich die Jugendlichen ablösen und eigene Wege finden.
Sie haben auf der Werktagung mit Leuten aus der Praxis darüber diskutiert, wo die Religionspädagogik steht: vor einem Übergang oder vor dem Untergang?
Bucher: Für Untergangsstimmung sehe ich keinen Anlass. Auch deshalb, weil die vor Jahren – gerade in Deutschland – sehr umstritten religiöse Erziehung in Kindergärten und Schulen heute sowohl im politischen Bereich als auch bei Eltern und Schülern wieder an Akzeptanz gewonnen hat. Von einem Übergang aber würde ich schon sprechen. Es wird – vor allem im Bereich Kindergarten und Elementarschule – darauf ankommen, ein Klima des Vertrauens und des Angenommenseins zu schaffen. Noch mehr als bisher wird es notwendig sein, die verborgenen religiösen Schätze, die Kinder mitbringen – ihre Freude und Begeisterungsfähigkeit, ihre Fragen und ihre positiven Beziehungen –, zu entdecken und zu pflegen und dort mit unserer Rede von Gott anzusetzen. Von dem Gedanken, dass wir den Glauben als geschlossenes Ganzes, quasi als Paket, weitersagen können, werden wir uns wohl verabschieden müssen.<