Auf den ersten Blick ist es unfassbar, dass ein Priester wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verdächtigt wird. Wer einen zweiten Blick riskiert – vor allem auf das eigene Leben –, kann manches fassen. Wir alle kennen die Neigung, unliebsame Gefühlszustände zum Verschwinden zu bringen durch vermehrtes Essen oder Trinken; versuchen Problemen davonzulaufen durch permanente Freizeithektik. Arbeit und Leistung, Spielen und Beziehungen – alles kann der Mensch missbräuchlich verwenden, um damit Probleme zuzudecken. Die unbegrenzten Möglichkeiten des Fernseh-, Video- und Internetkonsums stellen eine enorme Verführung dar. Besonders jene sind anfällig für die Entführung in eine Scheinwelt, die sich schwer tun mit dem Leben von echten positiven Beziehungen und der Integration ihrer Sexualität.
Jeder Mensch ist ein leibhaftes Geschöpf mit sexuellen Bedürfnissen und Impulsen. Diese positiv in die Gesamtpersönlichkeit zu integrieren ist keine leichte Lebensaufgabe – nicht nur für einen zölibatär lebenden Christen. Gründe für ein gestörtes sexuelles Verhalten sind oft eigene verletzende sexuelle Erlebnisse in Kindheit oder Jugend; große seelische Empfindsamkeit, die die psychische und soziale Vereinsamung begünstigen; Wohnverhältnisse, geprägt vom Zusammenleben nur mit Menschen desselben Geschlechts. Der Rückzug ins Heimliche und das Selbstquälen durch Schuldgefühle begünstigen noch einmal gestörtes sexuelles Verhalten.Unfassbares – wie der Vorfall Dachsberg – hat für mich Signalfunktion: Was sind die strukturell bedingten Ursachen (neben den lebensgeschichtlich-persönlichen) bei der Entstehung von Krankheiten, Süchten oder Verhaltensstörungen unter Priestern und Ordensleuten? Was macht sie krank, was macht sie gesund? Wann werden – angesichts so großer menschlicher Nöte – in der Kirche die Behandlungsmöglichkeiten der Psychotherapie jenen Stellenwert bekommen, der ihnen gebührt? Ordensleute und Priester scheuen sich oft, diese Hilfe in Anspruch zu nehmen, weil sie dies als Zeichen von Glaubensschwäche, als Mangel an Vertrauen in Gott und in die Kraft des Gebetes werten. Ein Vorurteil, das häufig anzutreffen ist. Wenn ich jedoch mit meinen Augen des Glaubens diese Arbeit betrachte, frage ich mich: Warum sollte dort, wo in der ehrlich-offenen Beziehung zwischen Therapeut und Hilfesuchendem gerungen wird um Selbsterkenntnis, Weiterentwicklung und Gesundung nicht Gott selbst anwesend sein – der doch Ursprung und Garant ist des Lebens und der Entwicklung?
Die Eröffnungszüge einer Beratung könnten lauten: „Woran leiden Sie? Was möchten Sie ändern?“ Es ist ein Stück harter Arbeit. Doch ohne Konfrontation mit sich selbst gibt es auch kein echtes Gottesverhältnis. „Die Wahrheit wird euch frei machen“ (Joh 8, 31), sagt Jesus und er meint die Wahrheit des bedingungslos von Gott Angenommenseins – auch, ja gerade in den dunkelsten Stunden bitterer Selbsterkenntnis.
Psychotherapie will kein Ersatz für das Sakrament der Versöhnung sein – was ihr oft fälschlich nachgesagt wird. Vielmehr kann sie die Voraussetzung dafür schaffen, dass ein schuldig gewordener Mensch die unbewussten, verstrickten Antriebe seines Handelns begreift und Schritte der Veränderung wagt; dass er lernt, trotz seiner Schuld sich selbst und Gottes Erbarmen anzunehmen.