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Die Arbeiterfrage im weltweiten Dorf. Slavenähnliches Los: Kirche anwo

Serie: Spuren des 20. Jahrhunderts
Ausgabe: 1999/34, Arbeiterfrage
24.08.1999
- Kirchenzeitung der Diözese Linz, Johannes Schasching
Mit der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit für Arbeiter hat die Kirche das Jahrhundert eingeläutet. Und vor 100 Jahren angeprangert, sorgt heute die weltweite Arbeitsteilung in den meisten Ländern für „sklavenähnliche“ Zustände.

Es begann mit der Arbeiterfrage: Durch Jahrhunderte lebten 70 Prozent der Menschen von der Landwirtschaft – als Bauern, Mägde und Knechte. Das Handwerk umfasste gut 20 Prozent. Zwar gab es wandernde Gesellen, aber die Mehrheit der Menschen lebte ortsgebunden. Reich waren wenige, Not gab es viel. Dann kamen die ersten Fabriken und boten Arbeitsplätze an. Männer und Frauen brachen auf in der Suche nach neuen Lebenschancen. Sie fanden einen Arbeitstag von zehn bis zwölf Stunden, knappen Lohn und keine Sicherheit bei Krankheit oder Arbeitslosigkeit. Papst Leo XIII. bezeichnete dies als ein „fast sklavenähnliches Los“ und verfasste 1891 sein Arbeiterrundschreiben zum Schutz der Ausgebeuteten. So begann das 20. Jahrhundert.

Aufstand des Proletariates

Nicht nur der Papst, sondern auch Karl Marx, hatte seine Vorstellung zur Lösung der Arbeiterfrage: Weder das Wort der Kirche noch das magere Entgegenkommen des Staates können die Arbeiterfrage lösen. Eine Lösung bringt nur der Aufstand des Proletariates, „die Ausbeutung der Ausbeuter“ und die Einführung einer klassenlosen Gesellschaft. So geschah es 1917 in Rußlands blutiger Revolution. In anderen Ländern war es eine Spur weniger grausam, aber die Klassengesellschaft und der Klassenkampf wurden zum gesellschaftlichen Kennzeichen. Auch in Österreich. Der Bürgerkrieg von 1934 war ein trauriges Kapitel dieses Kampfes. Die Klassenspaltung und der Klassenkampf erleichterten es den totalitären Systemen, die Macht an sich zu reißen und im Zweiten Weltkrieg Europa zu verwüsten.

Sieg der Vernunft

Es ist eindrucksvoll, mit welcher Entschlossenheit aber auch Solidarität die Heimkehrer aus dem Zweiten Weltkrieg an den Wiederaufbau Österreichs gingen: Arbeiterführer aus den Konzentrationslagern, Unternehmer aus der Verbannung und Politiker verschiedener Parteien. Sie mag manche Mängel und Fehler haben, aber die Sozialpartnerschaft hat in Österreich ein neues soziales Klima geschaffen. Sie war wesentlich dafür mitverantwortlich, dass Streiks zur Rarität wurden und das Land zu einem der wohlhabendsten Länder aufstieg. Der Sozialstaat wurde ausgebaut, die Inflation in Grenzen gehalten und Renten und Pensionen gesichert.

Neue Solidarität gefordert

Die soziale Frage ist aber auch am Ende des 20. Jahrhunderts noch lange nicht gelöst. Wieder steht die Arbeitslosigkeit ins Haus. Sie verlangt eine neue Solidarität nicht nur von Seiten des Staates und der Unternehmer, sondern auch zwischen denen, die eine Arbeit haben und jenen, die keine haben. Man muss sich ebenso fragen, warum in einem der reichsten Länder der Welt fast 500.000 Menschen an der Armutsgrenze oder darunter leben. Und Papst Johannes Paul II. sagt: Auch Österreich und die anderen Wohlstandsländer werden auf die Dauer nicht in Frieden leben können, wenn in den Oststaaten und noch mehr in den Entwicklungsländern Situationen bestehen, die genau das sind, was Österreich am Beginn der industriellen Revolution hatte: ein fast sklavenähnliches Los. Genügt dazu eine jährliche Sammlung der Caritas? Auch die Frage der Umwelt und die Haftung der Generationen stellt sich in voller Schärfe. Es ist durchaus verständlich, dass sich auch die Österreicher mit Spannung und Genugtuung auf ein großes Feuerwerk für den Neujahrstag 2000 vorbereiten. Es sei allen gegönnt. Aber dann muss uns erst recht die neue soziale Frage wieder verpflichten.Und das auf einer zweifachen Ebene: Österreich ist ein Teil der Europäischen Gemeinschaft. Österreich wird sicher alles daran setzen, dass die eigenen Interessen in Brüssel wirksam vertreten werden. Das gerade für jene Gruppen, die in der Strukturreform unter Druck geraten, wie die Landwirtschaft und der ländliche Raum. Österreich wird aber gleichzeitig für das Vereinte Europa Mitverantwortung tragen müssen. Solidarität heißt nicht nur empfangen, sondern auch geben.

Das dritte Jahrtausend im Blick

Das gleiche Österreich wird aber als Mitglied der Vereinten Nationen im kommenden dritten Jahrtausend eine neue Verantwortung für die Sicherung des Friedens tragen müssen. Die Weltbevölkerung wird sich in wenigen Jahrzehnten von gegenwärtig sechs auf zehn Milliarden Menschen vermehren. Und das vor allem in den sogenannten Entwicklungsländern. Im dritten Jahrtausend werden der Wohlstand und Friede nicht mehr als Privileg der Industrieländer sein können. Das kommende Jahrtausend wird wesentlich vom Wohlstand und Frieden auf Weltebene bestimmt werden.


Zeitzeugen

Arbeit vor Kapital

Untrennbar ist das christliche Sozialdenken und das soziale Handeln der Kirche mit dem Namen des 1890 geborenen Owald von Nell-Breuning verbunden. Nicht nur dass der deutsche Jesuit 101 Jahre alt wurde, sondern sich auch unermüdlich für Gerechtigkeit einsetzt, von dem das Schicksal so vieler abhängt. Dass er mit seiner Arbeit, Theologie und Wirtschaftsfragen zu verbinden, die Zeichen der Zeit erkannte, zeigt sein erstes Buch: 1928 untersucht er die Grundzüge der Börsenmoral, im Jahr darauf folgt der große Crash in New York. Als Pius XI. vor der Gefahr des Kommunismus und des Nationalsozialismus stand, war Nell-Breuning überzeugt, die Kirche habe ein klares Wort zu sprechen, um den Klassenkampf zu überwinden und die Demokratie zu retten. Der Papst beauftragte ihn mit dem Entwurf zu „Quadragesimo anno“ (1931), das bis heute zu den großen Sozialdokumenten der Kirche zählt.
Der weißhaarige Mann war kein leichter Zeitgenosse. Seine Kritik konnte hart sein, fern lagen ihm faule Kompromisse. In heißen Phasen war er immer zur Stelle: Als die Metallarbeiter unter Druck gesetzt wurden, saß er unter den Streikenden; und als die Gewerkschaft versuchte, auf überholte Klassenkampfmethoden zurückzugreifen, trat er ihnen entgegen. Auch in der Kirche hatte P. Oswald nicht nur Freunde. Sein Antrag zu einer Entschuldigung bei der Arbeiterschaft wurde 1975 bei der Synode in Deutschland abgelehnt.


Entscheidend

Warum ist unser Vater arbbeitslos?

Ein Erlebnis aus den 30er Jahren ist mir geblieben: In einer Arbeiterwohnung fragte im tiefen Winter ein frierendes Kind: „Mutter, warum heizen wir nicht?“ Die schnelle Antwort der Mutter: „Weil wir keine Kohlen haben.“ Aber das Kind fragt weiter: „Warum haben wir keine Kohlen?“ Wieder kommt die Antwort schnell: „Weil der Vater arbeitslos ist.“ Dann stellt das Kind die entscheidende Frage: „Warum ist unser Vater arbeitslos?“ Langsam und verlegen antwortet die Mutter: „Weil es zu viele Kohlen gibt.“ Das Kind, aber noch mehr die Mutter verstehen die Welt nicht mehr: Sie frieren, weil sie keine Kohlen haben und das, weil es zu viele Kohlen gibt. Es ist ein entsprechendes Beispiel dafür, dass wir in Zusammenhängen und Strukturen leben, die wir zwar nicht leicht durchschauen, die aber unser Leben zutiefst beeinflussen: in Wirtschaft, in Politik und Kultur. Früher hätte man vielleicht mit den Achseln gezuckt und resigniert. Heute wissen wir mehr – auch der kleine Mann. Aber darum ist auch die Verantwortung größer. Wir können in einer Demokratie Situationen ändern und wir können die Gesellschaft verbessern. Doch dazu braucht es Mut zu Verantwortung und gelebter Solidarität.
Genau das hat Papst Johannes Paul II. gemeint, als er bei seinem Österreichbesuch sagte: „Für den Christen gibt es keine Neutralität dem Unrecht gegenüber. Er verlässt die bequeme Distanz und ist bereit zum Handeln.“

Der Jesuit Johannes Schasching war in Rom Professor für kath. Soziallehre.
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