Seit Abschluss des Karfreitagabkommens 1998 ist in Nordirland der Friedensprozess ins Stocken geraten. Das Ehepaar McCaffrey setzt auf moderne Technik, um Hass und Vorurteile zwischen Katholiken und Protestanten zu überwinden.
Alle Parteien – Großbritannien, Nordirland und die Republik Irland – bekräftigen zwar, alles zu unternehmen, um das Karfreitagabkommen von 1998 umzusetzen. Dennoch erweckt es den Eindruck, als würde die Übereinkunft nur mürrisch angenommen, die Nordirland den Frieden bringen soll. Nach den langen und schweren Verhandlungen ist niemand von der trügerischen Hoffnung ausgegangen, dass nun alle zusammenkommen, um im Geist der Versöhnung die schreckliche Vergangenheit zu vergessen und zu verzeihen. Sheila und Michael McCaffrey, die in Ulster leben, sind überzeugt, dass trotz aktueller Schwierigkeiten dieser vollkommene Stillstand durchbrochen werden muss. Das katholische Ehepaar erkannte, dass Protestanten und Katholiken besser früher als später miteinander reden sollen. Ihr Plan: Video-Konferenzen können nicht nur der Ulster-Friedensprozess unterstützen, sondern Jahrhunderte der Verdächtigung, des Misstrauens und der Blutfeindschaft überwinden.
Ausweg „Cyberspace“
„Politiker betonen, beide Seiten müssten miteinander reden, um die andere Seite kennen, und die jeweils anderen Schwierigkeiten verstehen zu lernen. Doch das bedeutet, dem anderen gegenüber zu sitzen und ihm ins Gesicht zu sehen. Das scheint so leicht zu sein, aber wer nicht hier lebt, hat keine Vorstellung wie schwierig das ist. Um sich gegenseitig ins Gesicht zu schauen, braucht es einen neutralen Boden. Doch den in Ulster zu finden, ist extrem schwierig“, sagt der 40-jährige Michael. „Aber es ist nicht nur die Frage des Ortes; es gibt eine noch viel größere Gefahr: den Weg dorthin überhaupt zu gehen!“Michael McCaffrey ist Computerspezialist und verfügt über ausgezeichnete Erfahrungen mit Video-Konferenzen. Gleichzeitig unterstützt er Menschen weltweit Wirtschaftserfahrungen auszutauschen. Warum also diese Erfahrungen nicht auch in Ulster einsetzen? „Was könnte also neutraler sein als der Cyberspace? Verschiedene Menschen hier zusammenzubringen, damit sie von Angesicht zu Angesicht ihre Probleme und Schwierigkeiten diskutieren können und sich gleichzeitig perfekt sicher zu fühlen. Die größte Attraktion ist ja, dass niemand weiter gehen muss, als bis ins eigene Wohnzimmer.“Ihre erste Video-Konferenz startete kurz nach Unterzeichnung des Karfreitagabkommens. In drei Gruppen nahmen zwölf Katholiken und sieben Protestanten daran teil. Für viele war es zum ersten Mal in ihrem Leben, dass sie mit eine Protestanten oder einer Katholikin gesprochen haben. „Indem wir diese Technik einsetzen, wird niemand bloßgestellt, denn der Treffpunkt ist ja nicht real, sondern virtuell, also durch die Technik ermöglicht“, beschreibt Michael den größten Vorteil dieser Initiative. Drei weitere Konferenzen wurden seither durchgeführt. Die Zusammenkünfte sind klein, aber langsam werden die Bemühungen anerkannt und das Interesse dafür wächst.
Ein möglicher Neuanfang
Was haben Michael und seine Frau getan, um diesen Prozess zu ermöglichen? „Wir sind mit beiden Seiten gut bekannt. Als wir uns entschieden haben, diese Initiative zu starten, hatte wir kaum Probleme, Kontakte zu den religiösen Gruppen herzustellen.“Möglicherweise könnte diese Idee die zukünftigen Beziehungen zwischen Protestanten und Katholiken in der Krisenprovinz grundsätzlich verändern. Dennoch hat kein lokaler Politiker den Weg nach Enniskillen (Fermanagh) gefunden. Selbst die lokale Presse hat kaum Interesse gezeigt. Aber die McCaffreys sind mit dem bisher Erreichten zufrieden. Außerdem sind sie weder von einer der beiden Seiten bedroht worden, noch hat jemand versucht, das Projekt der Video-Konferenzen zu verhindern.
Den Hass überwinden
„Ich kann mir vorstellen, das dieses Modell nicht nur in einem größerem Rahmen in Ulster zum Einsatz kommt. Es könnte auch in anderen Teilen der Welt eingesetzt werden, wie zum Beispiel im palästinensisch-israelischen Konflikt, wo es ähnliche Vorurteile gibt. Denn Menschen können sich sehen und miteinander reden und unvoreingenommen ihre Gedanken austauschen, ohne sich Sorgen über die persönliche Sicherheit machen zu müssen.“Sheila und Michael McCaffrey haben gezeigt, dass trotz der nach wie vor andauernden Gewalt in Nordirland der Geist der Zusammenarbeit über das Trennende hinweg existiert. Und dass dieses Miteinander nicht einfach verloren geht in wohlgemeinten Gesprächen und vagen Zukunftsversprechungen.