Die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes.“ Dieser Satz wiegt schwer. Und wer ihn verkündigt, ist immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, er wolle die Zehn Gebote abschaffen. Was meint dieser Satz aus dem Römerbrief? Wohl nichts anderes, als dass jedes Gebot ein Gebot der Liebe ist, in der die Liebe am Werk ist, die alle Gebote umfasst und sich in ihnen zur Sprache bringt.
Warum aber gab und gibt es so viel christliches Leben der moralischen Leistungen, in dem Menschen mit eisernem Willen und zäher Verbissenheit, mit „Du sollst“ und „Du musst“ sich den Himmel verdienen wollten? Wohl deshalb, weil sie an diese umfassende Liebe letztlich nicht glauben können. Dies zeigt sich daran, dass sie nicht das Vertrauen zu einem Gott haben, der uns trotz all unserer Grenzen und den oft leeren Händen annimmt und „Ja“ zu uns sagt, so wie wir sind. Dieser Glaube an das bedingungslose „Ja“ Gottes zu uns Menschen aber lässt diesen barmherzig werden zu sich selbst und damit auch zu den anderen. Und von dem inneren Frieden, der in ihm wächst, gibt er dann wie selbstverständlich Güte weiter.
Der mittelalterliche Mystiker Ruysbroek bezeichnet diesen Frieden als reichen milden Grund, der in dem Reichtum Gottes gefestigt ist. „Der Mensch, der im Besitz dieses Friedens ist“, spürt nach Ruysbroek „das Bedürfnis, unaufhörlich in alle auszufließen“. Menschen, die mit dieser selbstverständlichen Güte ihrer Umwelt begegnen, sind die Verkündiger des Evangeliums in der einzig möglichen Art, die auch in der heutigen Welt des freien Nachrichtenmarktes auf Dauer eine Chance hat, wahrgenommen zu werden.
Es gibt in der Weltliteratur eine Gestalt, die diese selbstverständliche und unaufdringliche Güte lebt. Es ist dies der Fürst Myschkin in Dostojewskijs Roman „Der Idiot“. Romano Guardini beschreibt diese Romanfigur: „Immer wieder sammeln sich die Menschen um den Fürsten. Sie werden von ihm angezogen. Bei ihm fühlen sie sich wohl, wissen sich verstanden und zu ihrem Besten ermutigt. Ein nie zu ermüdendes Mitleid, ein nie zu enttäuschendes Zutrauen, eine immer wache Hilfsbereitschaft kommt ihnen entgegen. Sie empfinden eine geheimnisvolle, ihr Innerstes berührende Gegenwart.“
Die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes. Es ist diese geheimnisvolle berührende Gegenwart des liebenden Gottes, die uns zu dieser Liebe fühen kann. Es bedarf dazu nur einer Demut, die betet: „Ich möchte gerne, aber ich kann nicht! Komm mir zu Hilfe!“
Annemarie Spirk unterrichtet an der Akademie für Sozialarbeit in Bregenz.