Ausgabe: 1999/35, Serie, Finde den Weg, Leise, Stimme
31.08.1999
- Matthäus Fellinger
Wie reich scheint die Welt, wenn man an einem ruhigen Ort die hundertfachen Stimmen alles Lebendigen zu hören beginnt.Wo immer man sich in unseren Breiten aufhält, es gibt kaum einen Ort, an dem nicht irgendein künstliches Geräusch zu hören ist. Auf den höchsten Bergen ist wie ein leises Summen die gesammelte Geräuschkulisse der Täler heraufzuhören. Selbst in der tiefen Nacht sind es kaum einmal ein paar Minuten, an denen nichts zu hören wäre. An die ständigen und – wenn man bewusst hinhört – gar nicht so leisen Geräusche von Computern und Druckern in den Büros hat man sich gewöhnt.Unruhig ist unsere Zeit geworden. Und mit der äußeren Unruhe verlieren Menschen auch die innere Ruhe. Es gibt Menschen, die Stille gar nicht mehr ertragen. In Ruhe allein zu sein macht sie unsicher. So tun sie alles, um die seltenen Augenblicke der Stille zu vertreiben. Ständig läuft bei diesen Menschen im Hintergrund das Radio. Was sie vorgesetzt bekommen, haben sie nicht selbst ausgesucht und die Neuigkeiten, die sie dabei erfahren, beschäftigen sie nur für ein paar Augenblicke oder Stunden. Die nächste zufällige Neuigkeit wird die Sache aus dem Kopf verdrängen. Am Abend kommen lärmgeplagte Menschen heim. Endlich Ruhe! Da wird das Spielen der Kinder als Störung empfunden, das vom Ehepartner erwartete Gespräch ist auf einmal zu anstrengend. Ständig umgeben zu sein von Geräuschen macht jedoch krank, es stumpft die Sinne ab. Finde den Weg zu regelmäßiger Stille. Das kann bedeuten, die Lärmquellen abzustellen, einmal nicht einfach das Radio laufen zu lassen, obwohl man nur mit halbem Ohr hinhört. Stille spielt in einer lebendigen Spiritualität eine wichtige Rolle. Wer von einem Geräusch ins andere flieht, wird die leisen Töne nicht mehr hören, er wird schlecht ansprechbar sein.In der Stille kann Aufmerksamkeit wachsen – dafür, was ein Mensch uns sagen will, der nicht lärmend, sondern eher verängs-tigt und schüchtern daherkommt. Wie reich scheint die Welt, wenn man an einem ruhigen Ort die hundertfachen Stimmen alles Lebendigen, das sich in der Nähe befindet, zu hören beginnt. In dieser lebendigen Stille wächst auch eine Ahnung von Gott.