Das Jahrhundert der Ökumene war aus Sicht der katholischen Kirche zweigeteilt. Das Verbot, mit anderen Kirchen zu sprechen, bestimmte die ersten 60 Jahre. Heute wird der Papst nicht müde, die Einheit unter den Christen zu fördern.
„Unsere Stimme bebt und Unser Herz schlägt schneller“, sagt Papst Paul VI., und richtet seinen Blick zu den Konzilsbeobachtern der christlichen Kirchen. Es sei die Trauer über die lange Trennung, meint er in der Eröffnungsrede zur zweiten Sitzungsperiode des Konzils. Und epochemachend formuliert der Neugewählte am 29. September 1963: „Wenn irgendeine Schuld an der Trennung auf uns fällt, so bitten wir Gott demütig um Vergebung und suchen auch bei unseren Brüdern Verzeihung, die sich von uns gekränkt fühlen sollten.“ Für nichtkatholische Konzilsbeobachter waren diese Worte ein „ökumenisches Großereignis“. Bisher waren Orthodoxe, Protestanten und Anglikaner aus Rom eine andere Sprache gewohnt.
Für Katholiken verboten
Die Initiative zur Ökumene war Anfang diese Jahrhunderts von evangelischen Christen in den Missionskirchen ausgegangen. Sie spürten, wie sehr die innerkirchliche Zerrissenheit ein Hindernis für die Christianisierung des Erdkreises – „die Ökumene“ – darstellte. Nach der furchtbaren Erfahrung des Ersten Weltkriegs entstand die Idee, einen „Kirchenbund“ zu gründen, nach dem Muster des „Völkerbundes“. Der ökumenische Patriarch von Konstantinopel rief von Seiten der Orthodoxie dazu auf und auch viele evangelische Kirchen und die Anglikaner luden dazu ein. Doch Rom verweigerte jede Beteiligung. Ja, den Katholiken wurde sogar 1927 die Teilnahme an interkonfessionellen Versammlungen und Gottesdiensten verboten; und gebetet wurde „um die Rückkehr zur katholischen Kirche“. Das wichtigste ökumenische Ereignis des 20. Jahrhunderts, die Gründung des Weltrats der Kirchen 1948 in Amsterdam, fand daher ohne jede offizielle katholische Beteiligung statt. Obwohl sich zu diesem Zeitpunkt viele katholische TheologInnen und Laien längst in der ökumenischen Zusammenarbeit, insbesondere während des Zweiten Weltkriegs engagiert hatten.
Nachträglich begrüßt
Mit Johannes XXIII. trat die entscheidende Wende ein: In Rom wurde 1960 das „Sekretariat zur Förderung der Einheit der Christen“ errichtet, und das 2. Vatikanische Konzil bejahte die vorangegangene ökumenische Bewegung voll und ganz. Gegenüber den Ostkirchen, mit denen die römisch-katholische Kirche ein gemeinsamer Ursprung und Jahrhunderte einer gemeinsamen Geschichte verbinden, war der erste Schritt besonders leicht: Noch während des Konzils hoben Paul VI. und Athenagoras I. die wechselseitigen Exkommunikationen aus dem Jahr 1054 auf und tauschten in Jerusalem den historischen Bruderkuss. Mit der reformierten Christenheit tut sich Rom schwerer, da hier ein tieferer Bruch mit der alten katholischen Tradition vorliegt, aber inzwischen haben Jahrzehnte des Dialogs Früchte getragen.
Gemeinsam gefeiert
Einen Höhepunkt im Einigungsprozess war die Versammlung des Weltkirchenrates 1982 in Lima. Dort wurde ein Einigungsdokument über die wichtigsten Fragen im Zusammenhang mit der Taufe, dem Abendmahl und den kirchlichen Ämtern verabschiedet, an dem auch katholische Vertreter mitgearbeitet haben. Und Mitglieder aller anwesenden Kirchen feierten die Lima-Liturgie, die gottesdienstliche Elemente aller christlichen Traditionen enthielt. Das Papstamt blieb im Lima-Dokument allerdings ausgeklammert. Aufgrund seiner derzeitigen Struktur als innerkirchliche Zentralgewalt bleibt es nach wie vor das größte Problem im ökumenischen Dialog, wie es Johannes Paul II. 1995 in der Enzyklika „Ut unum sint“ selbst formulierte. Die viel diskutierte Frauenordination ist dagegen nur eine zweitrangige Frage.
Mehr als Bruderküsse
Trotz der weiterhin bestehenden Unterschiede zwischen den Kirchen ist dennoch – besonders an der Basis – die Einsicht gewachsen, daß heute die theoretischen Differenzen theologischer Natur weit weniger Bedeutung haben als die gemeinsame christliche Lebensausrichtung. Und diese unterscheidet sich in der Praxis der Gemeinden gar nicht so sehr voneinander. So ist der Wunsch begreiflich, dass offizielle Bruderküsse und Konsenspapiere auch konkrete Folgen haben sollten. Es ist wenig logisch, zwischen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften die Taufe wechselseitig anzuerkennen und sich dennoch gegenseitig von der Eucharistie auszuschließen. Ein für die christliche Ökumene vorbildliches Zeichen haben die Anglikaner und die Altkatholiken im Bonner Abkommen bereits 1931 gesetzt. Damit wurde zwischen beiden Kirchen sowohl die eucharistische Gastfreundschaft wie der Austausch von Amtsträgerinnen und Amtsträgern ermöglicht. Neuere Meilensteine des christlichen Miteinander-auf-dem-Weg-Seins waren die Europäischen Ökumenischen Versammlungen in Basel (1989) und Graz (1997). Solche Versammlungen können die kirchliche Einheit nicht herstellen, aber hier wächst das Zusammengehörigkeitsgefühl der Christinnen und Christen, die alle aus dem einen Geist des Evangeliums in der Nachfolge Jesu leben wollen. Und das ist vielleicht wichtiger als alles andere.