Als Kind wurde ich in den evangelischen Religionsunterricht geschickt, weil meine atheistischen Eltern das Christentum als ein wesentliches Element unserer Kultur ansahen. Nach dem Krieg drangen katholische Flüchtlinge in diese protestantische Welt ein – sie galten schlicht als ein bißchen „verrückt“. Erst im Alter von 13 Jahren wurde für mich ein Film über Martin Luther zum prägenden religiösen Erlebnis. Dabei verschrieb ich mich dem tiefen Glaubensernst der Reformation und nahm zugleich auch die sinnenfreudigere katholische Symbolwelt wahr. Letztlich war ihre Anziehungskraft stärker: Mit 16 ließ ich mich durch die Taufe in die katholische Kirche aufnehmen.
In der katholischen Kirche ist meine Heimat, in anderen Kirchen bin ich gelegentlich gern zu Gast, sowie ich auch gerne ins Ausland fahre, um mich durch andere Kulturen bereichern zu lassen. Im Laufe der Jahre – ich wurde schließlich Theologin mit der Ökumene als Spezialgebiet – erweiterte sich mein Horizont. Zuerst entdeckte ich die spirituelle Tradition der Orthodoxie. Sie ist genauso alt wie unsere Kirche, aber betont nicht die Autorität der Amtsträger, sondern geht den „demokratischeren“ Weg konziliarer Entscheidungen. Relativ spät erst entdeckte ich die Bedeutung der anglikanischen Gemeinschaft. Bei allen Schwierigkeiten gelingt es ihr vielleicht am besten, in einer einzigen Kirche zugleich „katholisch“ und „evangelisch“ zu sein. Noch später entdeckte ich die Bedeutung der Freikirchen, die eine entscheidende Rolle für die Befreiung der Sklaven und der Frauenemanzipation gespielt haben.
So hat sich für mich allmählich das Leiden an der Spaltung der Christenheit in Freude über den vielfältigen Reichtum der verschiedenen kirchlichen Traditionen gewandelt. Gott hat, das ist meine Überzeugung, aus dem Übel der Trennung Gutes wachsen lassen, denn „Gott schreibt auch auf krummen Zeilen gerade“.
Dr. Anne Jensen ist Professorin für ökumenische Theologie in Graz.