Noch lange in diesem Jahrhundert wurde Kirche mit Klerus gleichgesetzt. Heute ist kirchliches Leben ohne Engagement der Laien undenkbar. Und aus dem „verlängerten Arm“ des Klerus sind Frauen und Männer geworden, die Mitverantwortung tragen.
Das 20. Jahrhundert war – zumindest für die katholische Kirche – das Jahrhundert des Aufbruchs der Laien. Bis zu Jahrhundertwende war Kirche im Bewußtsein des Volkes und der Öffentlichkeit gleichgesetzt mit Klerus. Er trug die ganze Verantwortung und besaß entspechende Macht dazu. Das Kirchenvolk war Objekt der seelischen (Seelsorge), geistigen (Bildung) und auch leiblichen (Kranken- und Fürsorgeanstalten) Betreuung.Das änderte sich erst durch die fortschreitende Säkularisierung der Gesellschaft und die Aufklärung. Dem Erwachen der Menschen zu Eigenverantwortung und der Erkenntnis im weltlichen Bereich, gemeinsam eher zum Ziel zu kommen, musste auch in der Kirche Rechnung getragen werden. Gleichzeitig galt es, im härter werdenden Kulturkampf zu bestehen. Anfangs waren es fast durchwegs Kleriker, die Laien zur Bildung von Gruppen und Organisationen anregten, denen sie dann paternalistisch als Präses vorstanden. Doch das Vereinswesen wurde immer größer, vielfältiger und auch für die Hierarchie unkontrollierbarer. So wurden 1938 alleine in der Erzdiözese Wien vom NS-Regime 1278 Vereine, Werke und Stiftungen aufgelöst. Es waren die Päpste (vor allem Pius XI. und Pius XII.) selbst, die nach einer einheitlichen, „schlagkräftigen“ Organisation unter direkter Oberleitung der Bischöfe riefen, nach einer „Katholischen Aktion“.
Kirche gegen die Welt
Mit der Ausrufung der 1. Republik war der katholischen Kirche in Österreich das Bündnis von Thron und Altar abhanden gekommen. Eine große Gruppe von Organisationen hatte nun zum Ziel, den politischen Status der Kirche zu festigen, sei es im Schulterschluss mit der Christlich-sozialen Partei, der sie die Wähler rekrutierten, um dafür Verfechter ihrer Anliegen beim Staat zu wissen; sei es im Kulturkampf gegen säkulare antiklerikale Strömungen, die damals hauptsächlich in der sozialdemokratischen Bewegung geortet wurden. Die Rede ist von den Cartellverbänden, den im „Reichsbund der KDJ Österreichs“ zusammengefassten katholischen Jungmännervereinen. Sie alle vertraten das Bild einer politisierend kämpferischen „Kirche gegen die Welt des Antichristen“. Jenes Bild übrigens, das die Päpste von einer Katholischen Aktion als „wohlgeordnete Schlachtreihe“ und Bollwerk im Auge hatten.
Kirche nicht von dieser Welt
Eine zum Parteikatholizismus gegenläufige Strömung wurde vor allem im studentischen Mileu prägend: die bündischen Jugendbewegungen. Geprägt durch stark verinnerlichte Religiosität und naturnahes Gemeinschaftsleben – bei allem Sozialengagement doch sehr romantisch – wurden Alternativen gesetzt. Bis zu Wohnform und Kleidung wollte man sich zeichenhaft distanzieren. Ein Bild war prägend: die Kirche, die nicht von dieser Welt ist. Fortschrittlich in Inhalten und Methode (erstmals das Prinzip „Jugend führt Jugend“) haben die Laien innerkirchlich ungeheuer viel bewegt, verbunden mit den anderen religiösen Bewegungen dieser Zeit: der Bibelbewegung, die die Hl. Schrift den Laien zugänglich machte, sowie der liturgischen Bewegung, die aus dem „Anhören“ der Messe das Mitfeiern propagierte.In Österreich war wohl der bedeutendste dieser Bünde der Bund Neuland. Nicht zahlenmäßig, aber durch Persönlichkeiten in ihren Reihen, wie Wilhelmine Lussnigg (dazu linke Spalte), die das katholische Leben während der NS-Verbotszeit als auch nach 1945 entscheidend geprägt haben.
Kirche in der Welt
In der NS-Zeit, als jede Verbandsarbeit verboten war, bewährte sich die pfarrliche Basis der Laienarbeit der in den 30er Jahren gegründeten Katholischen Aktion (KA). In Kirche und Sakristei – im Untergrund – konnten Männer- und Frauen-, Jugend- und Kindergruppen überleben.War die KA vor 1938 ein von oben dekretiertes, aber mit wenig Leben erfülltes Konstrukt, so änderte sich dies nach dessen Zusammenbruch schlagartig: aus dem Untergrund an die Freiheit gelangt, entfaltete sich selbstbewusstes, bekennendes Gemeinschaftsleben, das sich bald milieuspezifisch ausprägte. Die Verantwortung tragen in allen Gliederungen gewählte Laien. Sie sind dem Bischof verantwortlich, aber entscheiden eigenständig. Die KA entfaltete ihre eigene Spiritualität und aus dieser trug und trägt sie ihrer sozialen Verantwortung Rechnung. Ein neues Kirchenbild war im Wachsen, das sich erst viel später im 2. Vatikanischen Konzil im Dekret über die „Kirche in der Welt“ manifestierte. Für die Einführung der Räte nach dem Konzil – ein Meilenstein in der Entwicklung von Laienmitwirkung – war der Boden dadurch schon bereitet.Nicht nur in der Kirche, sondern als Kirche, wie das Konzil es benannte, wirkte die KA nahezu in einer Monopolstellung. Der Vielfalt auch in der Kirche entsprechend, sind viele neue Laienbewegungen entstanden; unterschiedlich in Spiritualität, Apostolat und Gesellschaftsengagement.
Mündige Laien
Laien sind flügge geworden. Sie nehmen ihre Verantwortung nicht nur mit Priestern, sondern auch ohne sie und notfalls sogar gegen deren Widerstand wahr, weil sie es ihrer Fachkompetenz und ihrem mündigen Gewissen nach so tun müssen. Das zeigen nicht nur Aktionen von KA, Verbänden und Bewegungen. Deutlich wird das durch Initiativen – und das ist neu –, die von Laien ausgehen, wie die Plattform „Wir sind Kirche“, die das „Begehren des Kirchenvolkes“ artikuliert und in einer halben Million Unterschriften manifestiert hat.Wie Eltern, deren Kinder flügge werden, ist der Klerus durch eine solch mündige Laienschaft oft verunsichert. Haben nicht viele Priester, die früher ihrer Gemeinde vorstanden, aber noch nicht den Weg gefunden haben, drinzustehen, den Eindruck, sie stünden schlicht daneben? Es gibt viele Ängste auf beiden Seiten, ebenso wie „oben“ und „unten“. Angst erzeugt Misstrauen. Um das zu überwinden, müssen alle Anstrengungen unternehmen. Dann aber wird, wenn schon nicht immer auf gemeinsamem Weg, so doch das gemeinsame Ziel – hoffentlich für alle – wieder sichtbar .
Letzter Teil der Serie „Spuren des 20. Jahrhunderts“.
Zeitzeugen
Die Gründerin der Jungschar
Für uns alle war sie die „Willy“: als Studentin im Bund Neuland, als kirchliche Angestellte im Wiener Pastoralamt während des NS-Regimes und als Gründerin der Katholischen Jungschar in der neustrukturierten Katholischen Aktion im wiedererstandenen Österreich. Wilheline Lussnigg hat die Kirche in starkem Wandel und vielfältiger Weise erlebt und gelebt.Als promovierte Juristin – das Theologiestudium war der 1909 Geborenen verwehrt – trat Lussnigg in den kirchlichen Dienst, um als Mitarbeiterin von Karl Dorr die „Hauptstelle Kinder“ der KA aufzubauen. Keine leichte Zeit: Nachdem ihr Chef „ostmarkverwiesen“ worden war, wusste sie sich mit großem Mut und viel Schläue gegen die Nazis zu behaupten, was sie in fast lebensbedrohliche Situationen brachte. Für ihre Klerikerkollegen aber war sie nur eines der „Madln vom Dorf“, der man vorwarf: „Kannst net g’scheit grüßen?“ Die Kinderseelsorge hat Willy Lussnigg revolutioniert und pädagogische Maßstäbe gesetzt, die auch 13 Jahre nach ihrem Tod noch gelten. Die ebenfalls von ihr gegründete „Studien- und Beratungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur der österreichischen Bischofskonfe-renz“ war fachlich im In- und Ausland hoch geschätzt und außerhalb der Kirche bekannter als in ihr. Generationen von Jungschargruppenleiterinnen, von LehrerInnen hat Willy geprägt und Kinder- und Jugendbuchautoren maßgeblich beeinflusst.
Laien übernehmen Verantwortung
Meine Schule hatten sie mir zugesperrt, die Nazis! Aber wir aus der Neulandschule hatten uns heimlich all die Jahre getroffen – in Wohnungen, getarnt als Kinderjause. Dann war der Spuk vorbei. Aus uns Kindern waren Gymnasiastinnen geworden. Ich fühlte mich wohl mit den Freundinnen, genoss es, stundenlang zu diskutieren oder auf Fahrt zu gehen. Aber da war die eigene Pfarre im Arbeitermilieu inmitten eines Nobelbezirks. Die Kinder spielten auf der Straße, sie brauchten uns – mich: Reich-Gottes-Arbeit war zu leisten. Gruppe und Pfarre war zu viel. So entschied ich mich für den Aufbau der Jungschar in unserer Pfarre. Fast ein halbes Jahrhundert später. Haider inszeniert das „Ausländer-Volksbegehren“ – in menschenverachtender Populistik. Die Katholische Aktion setzt dem „10 Gegensätze für Menschenfreunde“ entgegen. An zwei Sonntagen werden österreichweit 750.000 Flugzettel vor den Kirchen verteilt. Ungeheuer ist das Echo, Politiker sagen, dass sie solches mit ihren Parteiapparaten nicht erreicht hätten. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Groer, ist gekränkt, nicht vorher davon gewusst zu haben. Er wirft mir als Präsidentin der KA vor, den Episkopat in eine schwierige Lage gebracht zu haben. Meinem Einwurf begegnet er mit totalem Unverständnis: dass es doch für die Bischöfe entlastend sei, wenn Laien ihre Verantwortung wahrnehmen und dadurch die „Amtskirche“ der Konsequenzen entheben würden; und es sei ein Beispiel dafür, dass nicht nur Arbeit, sondern auch Verantwortung geteilt werden müsse.
Mag. Eva Petrik war von 1991 bis 1997 Präsidentin der Katholischen Aktion Österreichs.