Wir befinden uns im Sommer 1999. Ganz Österreich spricht über Krankenhausskandale und ärztliche Kunstfehler… Ganz Österreich? Nein!
Der 8.300 Einwohner zählende Ort Sierning hat keine Angst vor dem Krankenhaus. Im Gegenteil, letztes Wochenende war die ganze Marktgemeinde auf den Beinen, um das 125-jährige Bestehen des von den Kreuzschwestern geführten Krankenhauses zu feiern.
Liebevoll sagen die Sierninger zum Haus „unser Spital.“ Für dessen Erhaltung sie vor einigen Jahren übrigens auf die Barrikaden gingen. Damals stand das Krankenhaus wie andere kleine Spitäler auf der schwarzen Liste des Gesundheitsministeriums. 51.000 Unterschriften wurden gegen die Schließung gesammelt, alle Parteien des Gemeinderates kämpften für den Fortbestand. Der Einsatz hat sich gelohnt, heute denkt niemand mehr ans Zusperren.
Gäbe es das Sierninger Krankenhaus nicht mehr, wären nicht nur Arbeitsplätze, Kaufkraft und das Geschäft regionaler Lieferanten weg. Vor allem die Gesundheitsversorgung in der Region würde sich massiv verändern. „Das Landeskrankenhaus Steyr bräuchte sofort eine dritte Interne Station“, ist der Verwaltungsleiter des Sierninger Spitals, Georg Fiedler, überzeugt. Das Haus hat rund um die Uhr Aufnahmebereitschaft, immer ist ein diensthabender Facharzt anwesend. Der aktuelle Krankenhausskandal ist nach seinen Worten am Sierninger Spital praktisch spurlos vorübergegangen, so Fiedler.
Ein familiäres Haus
Kann ein Mini-Spital wie Sierning denn überhaupt mithalten mit den großen Kliniken? Fiedler: „Medizinisch sind wir weder besser noch schlechter als andere Spitäler. Unsere große Stärke liegt in der familiären Atmosphäre des Hauses. Wir kommen mit viel weniger Bürokratie aus, haben kurze Wege und geringe Wartezeiten.“ Das familiäre Klima bezieht sich nicht nur auf den Umgang mit den Patienten, die – weil in der Region beheimatet – oft persönlich bekannt sind. Auch die 150 Mitarbeiter/innen fühlen sich mit dem Haus verbunden.
Sr. Oberin Eveline Anzinger etwa kennt alle Angestellten beim Namen. Auf Freundlichkeit und Gesprächskultur legt sie wert. Für sie, die auch Oberin der neun im Haus arbeitenden Schwestern ist, spielt der christliche Geist im Haus eine zentrale Rolle. „Wir wollen im Krankenhaus, aber auch durch unsere Mitarbeit in der Pfarre Zeugnis für die Liebe Christi geben.“
Durch den persönlichen Einsatz der Schwestern konnte bisher jener Betrag, der nicht durch Krankenkassen und Landesmittel finanziert wird, abgedeckt werden. Im Vorjahr immerhin 1,4 Millionen Schilling. Herrscht angesichts weniger werdender Schwestern Zukunftsangst? „Nein“, sagt Sr. Eveline. „Wir lassen uns nicht entmutigen. Solange wir da sind, werden wir unser Beste geben.“
KRANKENHAUS-FAKTEN
– Das Krankenhaus Sierning ist ein Sonderkrankenhaus für Innere Medizin. 87 Betten stehen auf drei Normalstationen und einer Intensivstation zur Verfügung. Das Haus ist bestens ausgelastet.
– Medizinische Schwerpunkte sind Kardiologie, Stoffwechselerkrankungen und Gastroentereologie.
– Die Kollegiale Führung des Hauses besteht aus dem Ärztlichen Leiter, Primar Dr. Sven Torbjörn Wällstedt, der Pflegedienstleiterin Sr. Oberin Eveline Anzinger und dem Verwaltungsleiter Dipl. KH-BW Georg Fiedler.
– Rechtsräger des Krankenhauses ist die Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom Hl. Kreuz (Kreuzschwestern), die seit der Gründung des Hauses durch den Sierninger Bürger Anton Landerl im Jahr 1874 in Sierning wirken.