In der Parabel von der Entlohnung der Weinbergarbeiter geschieht etwas Merkwürdiges, ja Schockierendes: Diejenigen Arbeiter, die nur etwa eine Stunde in der Kühle des Abends gearbeitet haben, bekommen denselben Lohn wie diejenigen, die sich zwölf Stunden in der Hitze des Tages abgerackert haben. Dass diese nun zu murren beginnen, empfindet auch der Leser von heute zunächst als gerechtfertigt. Und die Antwort, die der Gutsherr in der Parabel gibt, befriedigt auch nicht gerade. Damals wie heute also fragt man sich, wo hier die Gerechtigkeit bleibt. Wichtig für das Verständnis dieser Geschichte ist nun, dass das Verhalten des Gutsbesitzers wohl überlegt und aus reiner Güte geschieht. Gleichzeitig äußert er die Befürchtung, dass jene, die sich geprellt fühlen, nicht aus Gründen der Gerechtigkeit, sondern aus purem Neid aufbegehren. Offensichtlich verteidigt Jesus mit dieser Geschichte sein eigenes Verhalten. Er wendet sich gegen jene, die sich daran stoßen, dass er sich mit Menschen einlässt, die man als von Gott verstoßen betrachtete. Er gibt damit zu verstehen, dass Gottes Liebe ihnen nicht weniger gilt als den Schriftgelehrten und Pharisäern, also jenen Menschen, die in perfekter Weise die religiösen Gebote einhalten. Jesus bezeichnet aber auch mit dem Gutsbesitzer dieser Parabel ein Gottesbild, das nicht nur dem „Frommen“ von damals als Karikatur erscheinen musste, sondern auch vielen, die sich heute in der kirchlichen Arbeit und in der Befolgung der Gebote Gottes und der Kirche abmühen. Die Parabel aber sagt ganz klar, dass es diese „Frommen“ sind, die ein verzerrtes Gottesbild haben: Ihr Gott macht seine Zuwendung zum Menschen von religiösen Vorleistungen abhängig. Werden aber die Erwartungen dieses Gottes nicht erfüllt, dann reagiert dieser mit Liebesentzug. Die Folge davon sind Schuldgefühle, die naturgemäß nie enden. Viele Christen der älteren Generation haben dieses Gottesbild von Kindheit an vermittelt bekommen. Sie haben aus purer Angst religiöse Leistungen vollbracht und nie die befreiende Kraft des Glaubens erfahren. Es geht darum, Gottes Weisungen als Zielvorstellungen zu sehen und die eigene Unvollkommenheit zu akzeptieren im Wissen, dass Gott seine Zuwendung zu den Menschen nicht von religiösen Vorleis-tungen abhängig macht. Und sein „Lohn“ ist immer ein Geschenk, so groß, dass er niemals erarbeitet werden kann. Er ist das Geschenk eines unendlich gütigen Gottes.