Der Schritt aus dem eigenen Unglück ist nicht irgendwann fällig. Wenn er gelingen soll, findet er heute statt. Der Volksmund wüsste es: „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen!“ „Kommt Zeit, kommt Rat“, sagt eine andere angebliche Lebensweisheit, und also läßt man die Sache doch noch ein wenig liegen. Es gibt Menschen, die schieben das ganze Leben irgendwie vor sich her: Es ist ja immer noch früh genug, sagen sie sich. Im Kleinen fängt es an: Das Abwaschen geht auch noch morgen früh, und für die Mathematik-hausübung ist ja auch morgen noch ein Tag. Im Großen geht es weiter: Ein Lebenspartner, der endlich wissen möchte, woran er ist, bleibt weiter im Ungewissen. Ein weiteres Jahr Studium: Wenn’s die Eltern zahlen, warum nicht. Da wäre auch der Umgang mit der eigenen Gesundheit: Ich könnte ja, wenn ich wollte, aufhören mit dem Rauchen und auch mit dem Alkohol. Aber ich habe ja alles unter Kontrolle, noch ist es nicht schlimm. Solche Menschen leben so, als wäre der heutige Tag immer nur die Vorstufe zum eigentlichen Leben. Die Zeit der Schulausbildung ist nur die Vorstufe auf das Berufsleben. Die Phase der Be-rufstätigkeit ist nur das notwendige Übel vor der Zeit, in der man endlich nach freiem Willen all das tun wird, was man sich vorgenommen hat. Sie haben Gründe. Wahrscheinlich hat man ihnen von Klein auf nie das Gefühl der Anerkennung geschenkt, dass das, was sie taten, wirklich bedeutsam war. Aber eines Tages nützt es nichts mehr, wenn man nur Gründe sucht, die erklären, wa-rum man sich schwer tut, so nach dem Motto: Alle sind Schuld an meinem Unglück, nur ich selbst kann nichts dafür. Besser ist es, einen Weg zu suchen. Der nächste Schritt will überlegt sein und gegangen werden, nicht morgen, sondern heute. Was ich heute lösen kann, soll mich nicht auch morgen noch belasten. Belastungen müssen einen nicht ein Leben lang begleiten, wenn man rechtzeitig darangeht, sie zu bewältigen. Den Weg gilt es nicht morgen zu finden, er fängt heute an.