Ein Tiroler Missionar aus Indonesien zum Konflikt in Osttimor: Der Terror ist von oben gelenkt
Ausgabe: 1999/37, Osttimor
14.09.1999
- Walter Hölbling
P. Josef Haas ist seit fünf Jahren Missionar auf der indonesischen Insel Ceram im Gebiet der Diözese Amboina. Auch in seiner Diözese ist es zu Gewalttaten und Morden gekommen. Über die Ereignisse in Osttimor wurde er von Bischof Belo informiert.
Ihr Missionsgebiet liegt etwa 700 Kilometer von Osttimor entfernt. Was haben Sie über die Ereignisse dort erfahren?
Haas: Dort wo ich arbeite, haben wir kaum etwas über die Gewalttaten erfahren. In Jakarta hätte man vielleicht mehr mitbekommen. Wir sind aber von Bischof Belo laufend über die Vorgänge in Osttimor informiert worden. Im Jänner hat es auch in unserer Diözese gewalttätige Unruhen gegeben. Fast täglich wurden Menschen ermordet.
Wie steht die indonesische Kirche zu den Unabhängigkeitsbestrebungen in Osttimor?
Haas: Die Bischöfe und Priester Indonesiens sind für eine Autonomie oder die völlige Unabhängigkeit von Osttimor.
Wird das harte Eingreifen der Miliz von der Regierung gedeckt?
Haas: Dass die Milizen jetzt so dreinschlagen, ist von oben organisiert. In Osttimor ist das klar ersichtlich. Nachdem den Menschen die Garantie gegeben wurde, dass sie frei wählen können, hätte das Milizheer unbedingt entwaffnet werden müssen. Das ist völlig klar. Auch die alte Regierung von Präsident Habibie sitzt noch immer fest im Sattel, obwohl sie bei den letzten Wahlen abgewählt worden ist. Diese Wahl war ein klares Zeichen, dass die Leute Indonesiens erwachsen werden. Inzwischen kommen auch Unabhängigkeitsstimmen auf anderen Inseln auf. Aber sie werden keine Chance haben.
Soll die internationale Staatengemeinschaft in den Konflikt eingreifen?
Haas: Die internationale Staatengemeinschaft ist gefragt, damit dieses Morden aufhört. Sie wäre schon längst gefragt gewesen! Bischof Belo wird den Menschen beistehen, auch Australien hat seine Unterstützung zugesagt. Von den verschiedentlich geforderten Wirtschaftssanktionen (Einfrieren der Weltbankkredite etc.) gegen Indonesien halte ich nichts. Sie treffen nur die Armen. Unbedingt notwendig aber wäre, dass man durch eine internationale Intervention endlich die proindonesischen Milizen entwaffnet. Dazu müsste wahrscheinlich kein einziger Schuss fallen. Es handelt sich um höchstens 5000 Leute, denen das Militär Waffen gegeben hat und die es auch sonst unterstützt, damit sie die „Drecksarbeit“ für die Mächtigen machen.
Was bedeuten die blutigen Ereignisse für die Seelsorge?
Haas: Es gilt jetzt vor allem, den Menschen zu helfen. Da gibt es Väter, die genau gesehen haben, wer ihre Familie ermordet hat. Soll ich dem freie Hand und vielleicht auch noch ein Messer in die Hand geben und sagen: „Räche dich“? Wo bleibt da die Verkündigung? Die pastorale Arbeit hat sich durch die Ereignisse gewaltig verändert. Die große Aufgabe wird jetzt sein, die Menschen untereinander zu versöhnen. Und das ist ein Geschenk der Gnade, das kann nicht durch Seminare und Gruppentreffen vermittelt werden. Wenn du siehst, wie dein Vater oder deine Frau erstochen wurde, wie lange brauchst du, um sagen zu können: „Ich darf mich nicht rächen, ich darf kein geheimes Messer bei mir tragen“?
Opfer der Weltpolitik
Die Zahlen sind unzuverlässig, und sie können das Leid auch nicht wirklich beschreiben: Mehr als 1000 Menschen sind vergangene Woche in Osttimor getötet worden, darunter 15 Missionare und ein Dutzend Schwestern. Hinter diesen Morden steht das indonesische Militär. Mit blutigem Terror will es das Ergebnis der Volksabstimmung vom 30. August rückgängig machen. Dazu muss auch die Kirche schwer geschlagen werden, weil sie die stärkste Stimme des Volkes ist. Und die Weltpolitik schaut dem Schlachten und den Vertreibungen zu, weil Indonesien ein wichtiger Wirtschaftspartner ist .